Reportage
Stand: 01.11.2026 • 09:43 Uhr
In den ukrainischen Karpaten versuchen Soldatinnen und Soldaten, für ein paar Tage Abstand vom Krieg zu gewinnen. Doch die Erinnerungen lassen sich nicht einfach abschütteln.
Ruslan strahlt. Der 44-Jährige sitzt in einem Schlauchboot, das über einen Fluss in den ukrainischen Karpaten gleitet. Er freut sich über die Stromschnellen, über das Wasser, das ins Boot spritzt. Und darüber, dass er die anderen überholt hat. Sogar der Gruppenleiter habe ihn dafür gelobt, erzählt er begeistert. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er Rafting ausprobiert.
Dass Ruslan so unbeschwert lachen kann, ist alles andere als selbstverständlich. Am Flussufer erzählt er von seinem ersten richtigen Urlaub seit langer Zeit. Mitten im Satz verändert sich sein Gesicht, Tränen steigen ihm in die Augen. "Ich war dreieinhalb Jahre in Gefangenschaft", sagt er. "Deshalb tut mir dieser Urlaub jetzt gut." Bis Juni 2025 war der ukrainische Marineinfanterist in russischen Gefängnissen eingesperrt. Dort sei er geschlagen, gedemütigt und gefoltert worden.
Als Russland im Februar 2022 die Ukraine überfiel, verteidigte Ruslan die Hafenstadt Mariupol. Ende März sei seine Einheit angegriffen worden. Ein Kamerad sei in seinen Armen gestorben. Ruslan berichtet, er selbst sei schwer verletzt worden und Anfang April 2022 in Gefangenschaft geraten. Es folgten Jahre, in denen er fast täglich misshandelt worden sei, sagt er.
Mehr als drei Jahre befand sich Ruslan in russischer Gefangenschaft - eine Zeit der fortwährenden Misshandlung und Demütigung.
Die Herausforderung: wieder Freude empfinden
Zehn Tage lang versuchen Ruslan und andere ukrainische Soldatinnen, Soldaten und Veteranen, in den Karpaten Abstand vom Krieg zu gewinnen. Eine Hilfsorganisation hat sie eingeladen. Auf dem Programm stehen Wanderungen, Reiten, Rafting, gemeinsame Gespräche und Kunsttherapie.
Was weitgehend nach einem Ferienprogramm klingt, ist für viele Teilnehmer eine große Herausforderung: wieder Freude empfinden, anderen Menschen vertrauen, nachts Ruhe finden.
Wie tief der Krieg psychische Spuren hinterlässt, zeigen Untersuchungen: Einer aktuellen Studie zufolge leiden etwa zwei Drittel der untersuchten ukrainischen Soldatinnen und Soldaten in medizinischen und Rehabilitationseinrichtungen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Viele haben schwere Verwundungen, den Tod von Kameraden oder russische Gefangenschaft erlebt. Und selbst fernab der Front lässt sie der Krieg nicht los.
Ruslan erzählt, dass er seit seiner Freilassung kaum ohne Schlaftabletten einschlafen könne. In den ersten Nächten in den Bergen sei ihm das tatsächlich gelungen. Doch dann seien die Schlafprobleme zurückgekommen. Manchmal liege er stundenlang wach. Albträume erinnerten ihn an die Gefangenschaft.
Verschüttete Erinnerungen
Auch Oleksandr findet kaum Ruhe. "Die Erinnerungen sind ständig im Kopf", sagt der 31-Jährige. "Selbst wenn du dich ausruhst oder alleine liegst, drehen sich in deinem Kopf immer noch Gedanken an den Krieg."
Oleksandr kämpfte im Mai 2022 bei Popasna im Osten der Ukraine, als russische Drohnen seine Einheit entdeckt hätten. Kurz darauf habe heftiger Mörserbeschuss begonnen. Viele seiner Kameraden seien getötet oder verletzt worden. "Wir konnten viele nicht mehr retten", erinnert er sich.
Dann habe seine Einheit den Befehl zum Rückzug erhalten. An das, was danach geschah, kann Oleksandr sich nicht mehr erinnern. Erst in einem Krankenhaus in Dnipro sei er wieder zu Bewusstsein gekommen. Sein Blutverlust sei lebensgefährlich gewesen. Die Verletzungen an seinem rechten Arm waren so schwer, dass er dauerhaft behindert blieb. Weiterkämpfen, zurück zur Armee, konnte er nicht.
Trauer um den Bruder
Doch nicht nur seine Verwundung belastet ihn. Vor sieben Monaten wurde sein älterer Bruder an der Front getötet. Danach, sagt Oleksandr, habe er sich immer weiter zurückgezogen. Er habe kaum noch über das Erlebte sprechen können. Ein Freund habe ihn schließlich überredet, an dem Reha-Programm teilzunehmen.
Zunächst sei er skeptisch gewesen. Manche Gruppenübungen seien ihm kindisch vorgekommen. Erst nach einigen Tagen habe er begonnen, sich zu öffnen.
Bei einer Wanderung auf einen Berggipfel habe er eine Fahne mit dem Bild seines getöteten Bruders mit genommen und oben dessen militärischen Rufnamen in die Berge gerufen. Die anderen Veteranen hätten gemeinsam geantwortet. Danach, erzählt Oleksandr, sei es ihm leichter gefallen, wieder zu sprechen.
Verletzung und Verlust - die traumatischen Erfahrungen im Krieg ließen Oleksandr verstummen.
Hoffnung auf den nächsten Gefangenenaustausch
Oksana kennt das Gefühl, mit Erinnerungen und Ängsten allein zu sein. Die ehemalige Soldatin diente in der ukrainischen 56. Brigade. Sie ist Mutter von vier Kindern, drei Söhnen und einer Tochter. Einer ihrer Söhne gilt seit 2024 als vermisst. Er war 20 Jahre alt, als seine Aufklärungsgruppe im Osten der Ukraine unter russischen Beschuss geraten sei. Vier Soldaten seien unterwegs gewesen, drei von ihnen inzwischen beerdigt worden. Von ihrem Sohn fehle bis heute jede Spur.
Monatelang, erzählt Oksana, habe sie nach Informationen gesucht. Sie habe mit Kommandeuren telefoniert, habe versucht, den Ort des Angriffs zu erreichen und auf Hinweise aus russischer Gefangenschaft gehofft. Schließlich habe sie sich eingestehen müssen, dass sie allein nichts mehr ausrichten konnte. "Ich habe eines verstanden: Ich bin nicht Gott", sagt sie. "Ich habe alles getan, was ich tun konnte."
Neun Monate lang habe sie fast ausschließlich nach ihrem Sohn gesucht, dann begonnen, Antidepressiva zu nehmen. Ihre Tochter habe sie schließlich gedrängt, sich eine Auszeit zu gönnen. Heute lebt Oksana von Gefangenenaustausch zu Gefangenenaustausch. Jedes Mal hofft sie, dass ihr Sohn unter den Freigelassenen ist. Gleichzeitig versucht sie, sich auf seine mögliche Rückkehr vorzubereiten. Denn sie weiß: Sollte er tatsächlich nach Hause kommen, wird er eine Mutter brauchen, die selbst wieder Kraft hat.
Wieder Zugang zu Gefühlen finden
An einem Nachmittag bekommen die Veteranen Besuch. Kinder aus der Umgebung haben Lieder und Tänze vorbereitet. Viele von ihnen kennen den Krieg aus ihren eigenen Familien. Von vielen sind oder waren die Väter oder Brüder Soldaten. Die neunjährige Chrystyna erklärt, warum sie gekommen sind: "Damit sie glücklich sind. Und damit sie sich etwas freuen."
Die Kinder singen, tanzen und lächeln. Die Erwachsenen schauen zu. Einige sind sichtlich gerührt. Schließlich ergreift Oleksandr das Wort, bedankt sich bei den Kindern und wünscht ihnen, "dass ihr niemals den Schmerz erfahren müsst, den wir erfahren mussten".
Es sind Begegnungen wie diese, die den Teilnehmern helfen sollen, wieder Zugang zu Gefühlen zu finden, die im Krieg oft keinen Platz haben. Organisiert wird das Programm von der spendenfinanzierten Hilfsorganisation "Ruf des Herzens". Seit 2015 bietet sie solche Aufenthalte an. Die Gründerin Tetiana Kostynjuk weiß, dass zehn Tage in den Bergen keine jahrelangen Traumata heilen können.
"Unser Programm sieht nicht vor, individuelle Probleme zu lösen", sagt sie. Dafür sei eine langfristige, individuelle Behandlung notwendig. "Wir inspirieren sie und erwecken sie wieder zum Leben." Eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung könne das Camp nicht ersetzen.
Zurück in einen Alltag im Krieg
Bei der Kunsttherapie bemalen die Teilnehmer Keramikteller. Ruslan möchte einen Kosaken zeichnen, doch seine Hände zittern. Seit seiner Gefangenschaft fielen ihm selbst einfache Tätigkeiten schwer.
Oleksandr wiederum denkt häufig an die Kameraden, die nicht überlebt haben. An junge Männer, die nie eine Familie gründen, keine Kinder bekommen und keine Zukunft mehr gestalten können. "Das tut sehr weh", sagt er. Hinzu kämen Schuldgefühle, weil sie selbst überlebt haben, während andere gestorben sind. Und die Schwierigkeit, in einen zivilen Alltag zurückzufinden, der mit ihren Erfahrungen oft wenig gemeinsam hat.
In wenigen Tagen werden Ruslan, Oleksandr und Oksana die Karpaten verlassen, zurückkehren in ihren Alltag. Einen Alltag, in dem der Krieg weiter allgegenwärtig ist.
Source: Tagesschau · Susanne Petersohn
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