Der Weg zu Eckart Brandt führt durchs Alte Land, das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Deutschlands. Am Autofenster ziehen die Apfelplantagen vorbei. In Reih und Glied stehen dort die Bäume. Einer gleicht dem anderen.
Komplett anders sieht es im Garten von Eckart Brandt aus. Es wuchert. Die Äpfel leuchten in unterschiedlichsten Farben: von gelblich grün über hellrot gescheckt bis tiefrot. »Hier haben wir den Horneburger Pfannkuchen, einen ganz tollen Backapfel!«, sagt er. »Das da ist Prinz Albrecht von Preußen, und hier drüben haben wir den Moringer Rosenapfel, entdeckt von einem gewissen Herrn von Hinüber. Schöner Name, ne?«
Es ist Anfang September, Zeit für die Apfelernte. Doch in Brandts Garten tragen die Bäume auffällig wenig Früchte. »Letztes Jahr hing hier alles voll«, sagt Brandt. »Dieses Jahr machen die Bäume Pause, um sich zu erholen. Das ist in vielen alten Sorten so einprogrammiert.«
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Mit alten Sorten meint Eckart Brandt jene, die in Deutschland in Vergessenheit geraten sind. Es ist noch nicht so lange her, da gab es hier über 2000 Apfelsorten. Doch vor gut 70 Jahren begannen die Bauern und Händler, sich auf einige wenige Sorten zu konzentrieren. Das sollte den Anbau und die Vermarktung erleichtern. Heute werden vor allem fünf Sorten verkauft: Elstar, Gala, Jonagold, Braeburn und Pinova.
»Wir haben uns die alten Sorten abschnacken lassen«, sagt Brandt. Für ihn sind Äpfel ein Kulturgut. Deswegen will er die alten Sorten erhalten. Und damit ist er nicht allein. In Deutschland gibt es einige sogenannte Pomologinnen und Pomologen, die dieser Aufgabe nachgehen. Das Wort Pomologe leitet sich vom lateinischen Wort »pomum« für Baumfrucht ab. Es bedeutet so viel wie Obstkundler.
»Wir finden, erhalten und vermehren alte Obstsorten«, erklärt Brandt. Dabei geht es nicht nur um Äpfel. Brandt pflanzt auch Quitten, Pflaumen, Kirschen und Birnen in seinem Sortenerhaltungsgarten an. Aber: »Der Apfel bietet die größte Vielfalt. Vor allem im Geschmack. Da gibt es so tolle Aromen.« Anders als bei den Supermarktäpfeln: »Fast alle der beliebten Sorten stammen vom Golden Delicious ab. Deswegen schmecken die aus meiner Sicht alle sehr ähnlich.«
Viele alte Apfelsorten enthalten auch mehr Vitamine als Supermarktäpfel, und manche eignen sich sogar für Allergiker. Wegen der Erderwärmung bekommen die alten Sorten eine zusätzliche Bedeutung. Viele Apfelsorten leiden unter der Sommerhitze. Sie bekommen Sonnenbrand, werden am Baum schon mehlig und lassen sich nicht mehr lagern. Doch es gibt alte Sorten, die von den steigenden Temperaturen profitieren.
Was ist das Schönste an dem Beruf?
»Bei einem Apfelfest kam mal eine Frau an meinen Stand und sagte: ›Sie haben mir den Apfel meiner Kindheit wiedergegeben.‹ Das bewegt mich.«
Und was ist das Schlimmste?
»Och, schlimm ist daran gar nichts. Aber man muss schon wissen, wofür man das macht. Wenn einem die Arbeit nicht am Herzen liegt, wird man 60 bis 80 Arbeitsstunden pro Woche wohl nicht auf sich nehmen.«
Wie viele Pomologinnen und Pomologen gibt es in Deutschland?
Die Zahl wurde bislang nie ermittelt. Laut Pomologen-Verein könnten es 50 bis 100 erfahrene Pomologinnen und Pomologen sein. Hinzu kommen Hunderte Lernende und Engagierte.
Wie lange dauert die Ausbildung?
Pomologie ist kein Ausbildungsberuf. Der Pomologen-Verein würde gern eine Ausbildung anbieten, dafür fehlt es aber an Geld und Personal.
Wie viel verdient man?
Es gibt kein festes Gehalt. Pomologen und Pomologinnen haben meist mehrere Standbeine. Auf Apfelfesten bekommt man drei bis fünf Euro für die Bestimmung einer Sorte. Pro Jahr sind 50 bis 400 Sortenbestimmungen zu erwarten. Bepflanzungs- oder Beratungsaufträge können 20 bis 90 Euro pro Stunde einbringen.
Was muss man können?
Mit Rückschlägen und den Launen der Natur umgehen
Sich selbst motivieren
Anpacken
Für wen ist das eher nichts?
Leute, die viel Geld verdienen wollen
Menschen, die sich nicht für die Herkunft ihres Essens interessieren
Diejenigen, die lieber am Schreibtisch als in der Natur arbeiten
Eckart Brandt zieht sich nun eine Pflückerschürze über den Kopf. Er steigt auf die Leiter und beginnt zu ernten. Ein Apfel nach dem anderen landet in seiner Schürze. »Das hier ist eine interessante Sorte, der Knebusch«, sagt er. »Eigentlich dachte man, ein niedersächsischer Bauer namens Johann Knebusch habe den mal am Wegesrand entdeckt und dann vermehrt. Doch vor einiger Zeit sprach mich ein Mann auf dem Wochenmarkt an und erzählte, er sei ein Nachfahre von Knebusch. Der Apfel stamme eigentlich aus Nordamerika und sei wohl ein Geschenk von Knebuschs Schwiegersohn gewesen.«
Aus der Pflückerschürze purzeln die Äpfel in die Kiste.
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGELDie Geschichte zeigt, wie schwierig es ist, die Herkunft eines Apfels zu bestimmen. Die wenigsten Sorten wurden bewusst gezüchtet. Die allermeisten sind entstanden, weil Apfelreste weggeschmissen worden waren. Aus deren Kernen entstand etwas Neues. Darüber gibt es dann keine Dokumente. Will man mehr über eine alte Sorte erfahren, muss man herumfragen. »Pomologie ist Detektivarbeit«, sagt Brandt.
Die geernteten Äpfel lässt er von seiner Schürze in eine Kiste gleiten. Nun müssen sie noch sortiert werden. Viele sind nicht verkäuflich, weil sie von Schädlingen befallen sind. »Dieses Jahr machen uns vor allem Apfelwickler und Frostspanner zu schaffen«, sagt Brandt. Wegen der Erderwärmung breiten sich immer mehr Schädlinge aus – und Pilze, die Krankheiten verursachen: »Die Schwarze Sommerfäule etwa suchte früher Nektarinen im Mittelmeerraum heim, jetzt betrifft sie auch Äpfel im Alten Land.«
Anders als viele Obstbauern verzichtet Eckart Brandt auf Pflanzenschutzmittel. Früher war er mal Imker, daher weiß er, wie sehr solche Mittel den Bienen schaden. Als er die Imkerei aufgegeben hatte, widmete er sich dem Obstanbau. Er übernahm eine Wiese, auf der sowohl alte Apfelsorten als auch neue wuchsen. Die neuen Sorten versagten völlig und trugen am Ende nicht einmal mehr Blätter, weil Brandt darauf verzichtete, sie zu spritzen. Doch einige der alten hielten sich. »So entstand meine Faszination für die alten Sorten.«
Pomologinnen und Pomologen …
… müssen ihren Beruf immer erklären.
Stimmt: »Viele verwechseln uns mit Podologen: medizinischen Fußpflegern.«
… wissen, welcher Apfel am besten schmeckt.
Stimmt nicht: »Es gibt nicht den einen Apfel. Geschmäcker sind unterschiedlich. Da müssen die Leute selbst rausfinden, was sie mögen. Manche Äpfel haben ein paar Wochen im Jahr, in denen sie unschlagbar sind. Der Echte Gravensteiner zum Beispiel. Göttlich.«
… sind bald überflüssig. Die KI kann das mit der Sortenbestimmung doch bestimmt viel besser.
Stimmt: »Pomologen müssen Geschmäcker vergleichen und sich mit Hobbygärtnern austauschen. Das kann die KI nicht.«
Vor 35 Jahren trat Brandt dem gerade neu gegründeten Pomologen-Verein bei. Das war kurz nach der Wiedervereinigung. Deutschland war einige Jahrzehnte ein geteiltes Land: im Westen die Bundesrepublik, im Osten die DDR, dazwischen eine Grenze. Anfang der Neunzigerjahre änderte sich das. »Einige von uns gingen damals bei Ostdeutschen in die Lehre. Denn in der DDR gab es nicht genug Geld, um vitaminreiche Früchte ins Land zu schaffen. Deshalb beschäftigten sie sich viel mit alten Apfelsorten, um die Bevölkerung mit Vitaminen zu versorgen.«
Wie sehen die Kerne, der Stiel und der Kelch, also der untere Teil des Apfels, aus? Diese und weitere Merkmale verraten einem Pomologen, um welche Sorte es sich handelt. Brandt untersucht hier einen Purpurroten Cousinot. Er sagt von sich, dass er nicht zu den großen Sortenbestimmern gehöre, weil er kein fotografisches Gedächtnis habe.
Foto: Bettina Theuerkauf / DEIN SPIEGELDie Pomologie ist für Brandt eine Lebensaufgabe. Aber nur davon leben? Schwierig. Für die meisten ist es ein Nebenberuf. Also betrieb Brandt mal eine Mosterei, in der er Fruchtsäfte herstellte, mal produzierte er Aufstriche und Marmeladen. »Ich wollte nie jemand sein, der Tag für Tag dasselbe tut. Ich wollte alles selber erzeugen und selbst auf dem Markt verkaufen. Das war anstrengend und ging oft haarscharf an der Pleite vorbei. Aber ich hatte immer Spaß dabei.«
Brandt sagt das in der Vergangenheitsform, weil er als Obstbauer längst in Rente gegangen ist. Aber die 600 Euro Bauernrente reichen nicht zum Leben. Also verkauft er weiterhin Obstbäume für Hobbygärtner. Hin und wieder gibt es auch Großaufträge: Irgendwo wird eine Reithalle gebaut, und der Landkreis schreibt vor, dass daneben 50 Obstbäume gepflanzt werden müssen. Oder ein Hamburger Arzt will neben einem geerbten Haus eine Streuobstwiese anlegen. Brandt kümmert sich dann darum.
Er verfügt über ein besonderes Wissen – und er kann es auch vermitteln. Eckart Brandt spricht über Äpfel, als würde er über Menschen reden. Er schneidet einen Apfel an. »Hier haben wir jetzt den Purpurroten Cousinot. Wieder so eine interessante Geschichte …« Aber die soll an anderer Stelle erzählt werden.
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Source: Der Spiegel · Marco Wedig
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