Bundesweite Katastrophenübung Wenn eine Dürre Deutschland lahmlegen würde
Stand: 07.11.2026 • 10:44 Uhr
Jahrelang kaum Regen in Deutschland, heiße Sommer und dann seit Wochen eine extreme Hitzewelle. Das ist das Szenario von LÜKEX, einer Übung, die das Krisenmanagement von 180 beteiligten Organisationen verbessern soll.
Angenommen, seit mehreren Jahren hat es in Deutschland stets zu wenig geregnet - die Flüsse führen kaum noch Wasser, der Grundwasserspiegel ist abgesunken und die Vorräte an Trinkwasser werden knapp. Seit einigen Wochen liegen die Temperaturen jeden Tag über vierzig Grad, bis zu 45 in der Spitze.
In diesem Szenario haben 180 Behörden von Bund und Ländern, Hilfsorganisationen und Betreiber sogenannter Kritischer Infrastruktur (KRITIS) drei Tage lang dezentral, aber gemeinsam ihre Abläufe für den Katastrophenschutz erprobt, um für den Ernstfall vorbereitet zu sein.
Doch kein überhitzter Patient wurde bei dieser Übung in die Notaufnahme eingeliefert, es wurden keine Tankwagen mit Trinkwasser angekarrt und keine zusätzlichen Lebensmittel aus Übersee eingekauft. Die Übung spielte sich ausschließlich an den Monitoren der beteiligten Organisationen ab - in ganz Deutschland.
Nichts dem Zufall überlassen
Drei Jahre lang hat das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) gemeinsam mit dem Bundesinnenministerium LÜKEX vorbereitet. Ein Jahr wird es brauchen, um die Übung vollständig auszuwerten.
Man will beim Katastrophenschutz nichts mehr dem Zufall überlassen: "In einer Zeit, in der Extremwetterereignisse wie Hitze und Dürren zunehmen, ist es entscheidend, dass wir gemeinsam an Lösungen arbeiten und die Strukturen stärken. Die diesjährige LÜKEX mit dem Schwerpunkt Dürre und Hitzewelle ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung", so BBK-Präsidentin Grit Tüngler.
LÜKEX
LÜKEX ist die Abkürzung für Länder- und Ressortübergreifende Krisenmanagementübung (Exercise).
Ein realistisches Szenario
Markus Reichstein, Direktor am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, erforscht die Resilienz der Bevölkerung, aber auch der Biosphäre gegenüber Klimaextremen. Er weiß, wie Böden, Wasser und Vegetation darauf reagieren.
Er sagt: "Wir haben in Deutschland bereits erlebt, dass sich Dürren über mehrere Jahre hinziehen können. In einigen Regionen waren die Böden nach 2018 über fünf Jahre hinweg bis in große Tiefen ungewöhnlich trocken. Wann die nächste mehrjährige Dürre kommt, können wir nicht vorhersagen - aber sie ist ein reales Risiko, auf das wir uns vorbereiten müssen."
Systemische Krise
Die größte Gefahr liege in Kettenreaktionen. Hitze bewirke Trockenheit und diese begünstige Waldbrände. Der dann entstehende Rauch verschlechtere wiederum die Luftqualität, was die Gesundheit belaste und die Resilienz mindere. Damit einhergehende Dürre führe zu Ernteausfällen, welche die Lebensmittelpreise ansteigen ließen. Wasserknappheit und Niedrigwasser würden der Industrie Transportwege auf Flüssen nehmen und Energieunternehmen wegen fehlendem Kühlwasser zur Drosselung ihrer Produktion zwingen. So entstünde aus einem Klimaextrem eine systemische Krise, bei der sich die Folgen gegenseitig verstärken.
Um die Folgen einer solchen Krise abzufedern, üben die Beteiligten aus Behörden und KRITIS, wozu Energie-, Wasser- und Lebensmittelversorger ebenso gehören wie Krankenhäuser, Telekommunikationsanbieter, Versicherer, Banken, Logistiker, die Müllentsorgung und die Medien.
Hitzesommer zeigt die Relevanz
Das Thema der diesjährigen LÜKEX wurde nicht erst nach, sondern bereits Jahre vor dem sehr heißen Sommer 2026 festgelegt. Dieser zeige allerdings eindrücklich die Relevanz, so die Veranstalter.
BBK-Sprecherin Maren Kebbel betont, dass sich das gewählte Szenario an reale Gegebenheiten der Vergangenheit anlehne, allerdings zuspitze: "Diese Verschärfung ist in der Krisenmanagement-Übung nötig, damit alle übenden Organisationen ihre Reaktionsmechanismen testen und verbessern können. Das Bevölkerungsverhalten, das heißt Informationsbedarfe, Risikobewusstsein und -kompetenz, persönliche Notfallvorsorge und weitere Resilienz- und Vulnerabilitätsfaktoren sind ein wichtiges Element der Übungsdurchführung."
Was auf die Teilnehmer zukomme, seien zum Beispiel Meldungen über warmgelaufene Server und IT-Ausfälle, Stromausfälle, Wassermangel, Engpässe in Krankenhäusern, aber auch der Umgang mit Falschmeldungen und bewusster Irreführung der Bevölkerung aus dem In- und Ausland.
Verschiedene Risikofaktoren wirken zusammen
Im vergangenen Sommer gab es in Deutschland 16.000 Hitzetote, im Jahr 2024 waren es in ganz Europa 50.000 Opfer. Zu den Gesundheitsrisiken kommen die schlechtere Versorgung mit allem Lebensnotwendigen und Probleme mit der Infrastruktur.
Jeder einzelne Risikofaktor für sich wäre handhabbar, sagt Markus Reichstein. Ihr Zusammenwirken mache eine solche Krise so gefährlich. Vorhandenes Wissen über Einzelgefahren sei dann zu wenig: "Wenn Wasser-, Energieversorgung, Landwirtschaft und Gesundheitssystem gleichzeitig unter Druck geraten, reicht das nicht aus. Wir müssen stärker in systemischen Risiken denken und uns auf das Zusammenwirken verschiedener Krisen vorbereiten. Das Wissen ist in vielen Bereichen bereits vorhanden - entscheidend ist, ob wir rechtzeitig danach handeln."
Übungen wie LÜKEX hält er für ausgesprochen wichtig, weil sie das Zusammenspiel verschiedener Krisenbereiche testen und man daraus Verbesserungen ableiten könne. Das könne ein Umdenken bei Klimatisierung von Wohn- und Arbeitsbereichen bewirken, aber auch städtebauliche Veränderungen wie Verschattung oder Begrünung. Im Ernstfall könne man als Entscheidungsträger nur dann richtig reagieren, wenn man sich und die Gesellschaft schon vorher widerstandsfähiger gemacht habe.
Erkenntnisse erst in einem Jahr
In diesem Sinne spricht das BBK davon, dass die Teilnahme an LÜKEX für die teilnehmenden Organisationen zu einer Verbesserung der Handlungssicherheit und Strukturen des Krisenmanagements führen und Netzwerke auf fachlicher und persönlicher Ebene untereinander schaffen soll - wie schon alle vorangegangenen LÜKEX in den 20 Jahren, seit es sie gibt.
Ob das gelingt, weiß man erst im nächsten Jahr. Im ersten Quartal 2027 soll es eine erste Auswertung aller mitübenden Organisationen geben. Darauf aufbauend wird das BBK bis zum dritten Quartal alle übergreifenden Erkenntnisse zusammenfassen.
Source: Tagesschau · Peter Sonnenberg
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