Interview
«Der Tod war im alten Zürich allgegenwärtig», sagt Autor Martin Weiss über die Stadt vor 500 Jahren. «Dessen ständige Präsenz hat das Denken geprägt»
Im Jahr 1576 wurde der Murer-Stadtplan erstmals gedruckt. Martin Weiss zeigt in seiner Biografie über Jos Murer überraschende Seiten der damaligen Kleinstadt Zürich auf.
21.10.2026, 05.00 Uhr
8 Leseminuten
Münsterhof und Fraumünster auf dem kolorierten Murer-Plan im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich.
PD
Vor 450 Jahren wurde der Murer-Stadtplan erstmals gedruckt. Dies hat der Zürcher Autor Martin Weiss zum Anlass genommen, Murers Biografie aufzuarbeiten. Weil aber Murer so gut wie keine schriftlichen Quellen hinterlassen hat, erzählt Weiss die Geschichte anhand dessen, was Murer geprägt haben muss. Er beschreibt zum Beispiel, wie ein typischer Zürcher Schultag ablief oder was ein Mann wie Murer über die Geschehnisse in der Welt damals gewusst haben kann.
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So gelingt es Weiss, einen genauen Blick auf den Alltag in der damaligen Kleinstadt Zürich zu werfen. Dieser ist geprägt von rigiden Sittenmandaten und nächtlichen Unruhen. Zugleich ist Zürich Zufluchtsort für europäische Glaubensflüchtlinge, aber auch für die verarmte Landbevölkerung, die unter den Folgen der sogenannten Kleinen Eiszeit litt.
Frage: Herr Weiss, Sie sind für Ihr Buch tief ins Zürich vor 450 Jahren eingetaucht. Hätten Sie gerne in dieser Stadt gelebt?
Antwort: Es fiele mir schwer. Und so dürfte es den meisten heutigen Menschen gehen.
Frage: Warum?
Antwort: Heute leben wir in einer fragmentierten Welt, in individuellen Bubbles. Damals gab es nur eine: die Religion, der Herrgott, die Bibel. Sie hat den Tagesablauf strukturiert. Um 6 Uhr morgens läuteten die Kirchenglocken zur Tagwacht und zum Morgengebet, um 6 Uhr abends zum Ende des Arbeitstages und zum Abendgebet. Der Kirchgang am Sonntag war Pflicht. Wer dies nicht befolgte, wurde bestraft und landete im Wiederholungsfall sogar im Kerker. Auch der Schulunterricht war religiös strukturiert. Man kann sagen: Zürich war ein Gottesstaat.
Frage: Bei diesem Begriff denken wir heute an islamische Länder mit rigiden Kleidervorschriften. Kann man diesen Begriff wirklich auf das alte Zürich anwenden?
Antwort: Vielleicht müsste man den Begriff in Anführungszeichen setzen. Aber es gibt vieles, was an Phänomene der Gegenwart erinnert. Gerade die strengen Kleidervorschriften: Alle verheirateten Frauen mussten einen Schleier tragen, und nur die jungen unverheirateten Frauen durften die Haare offen zeigen. Die Obrigkeit hat auch bestimmt, wie viele Leute an eine Hochzeit eingeladen werden durften, wie lange getanzt wurde, wann die Leute abends zu Hause sein mussten. Und wenn eine Frau ihrem Mann die ehelichen Pflichten versagte, war dies ein Fall für das Ehegericht. Wobei in einem belegten Fall die Ehefrau die Verweigerung mit den «Blattern und Geschwüren» am Gemächt ihres Mannes begründete. Das Gericht hat in diesem Fall zugunsten der Frau entschieden.
Zur Person
PD
Martin Weiss
Martin Weiss hat in Zürich Kunst- und Literaturgeschichte studiert, war Dozent an der Schule für Angewandte Linguistik (SAL), hat Dokumentarfilme für SRF und Arte produziert und zahlreiche Bücher verfasst. Bekannt wurde er durch die Buchreihe «Urchuchi – das kulinarische Erbe der Schweiz».
Frage: Die Zeitgenossen lebten inmitten von stinkenden Fäkalien und meterhohen Misthaufen, es gab nächtliche Überfälle in den Gassen und Vandalismus. War die Obrigkeit wirklich so allmächtig?
Antwort: Zürich bestand damals aus 800 Häusern mit rund 6500 Einwohnern. Jeder hat jeden gekannt. Die soziale Kontrolle war hoch. Irgendwann kamen alle echten oder vermeintlichen Untaten aus, und die Beschuldigten landeten vor Gericht, im Kerker oder sogar auf dem Schafott.
Frage: Ausser man nahm sich ein Boot und fuhr auf den Zürichsee hinaus, wie das junge Verliebte getan haben. So beschreiben Sie es in Ihrem Buch.
Antwort: Wir wissen davon, weil ein Lehrer an der Fraumünsterabtei in seinen Memoiren dies aufgezeichnet hat. Das bedeutet aber auch, dass es ausgekommen ist, wenn die jungen Leute ein Boot gemietet haben. Verhütungsmittel gab es keine. Und eine Schwangerschaft hatte einschneidende soziale Folgen. Nicht selten vermerken die Akten lapidar: «Hat gewybet, ein kind überkommen, ward der schul verwiesen.»
Frage: Zürich litt auch unter der sogenannten Kleinen Eiszeit, also unter einer Jahrzehnte andauernden Abkühlung des Klimas. Wie hat sich dies ausgewirkt?
Antwort: Ab den 1570er Jahren war der See im Winter fast alljährlich zugefroren und in manchen Jahren sogar Teile der Limmat. Die Sommer waren sehr regenreich, Ernteausfälle und flächendeckende Armut waren die Folge. Die Leute reisten aus anderen eidgenössischen Ständen, aber auch aus dem süddeutschen Raum nach Zürich, um hier zu betteln. Denn hier buk die Armenpflege für sie Brot, hier gab es eine warme Suppe. Man kann darin die Anfänge der Sozialhilfe erkennen.
Frage: Das Leben, das Sie beschreiben, erscheint sehr hart.
Antwort: Der Tod war im alten Zürich allgegenwärtig. Jede fünfte Geburt endete für die Frauen tödlich, die Männer heirateten drei oder vier Mal, weil ihnen die Frauen wegstarben. Die Kindersterblichkeit war hoch. In den Jahren 1564 und 1565 raffte die Pest innerhalb von zwei Jahren die Hälfte der Einwohner dahin. All dem stand man ohnmächtig gegenüber. Die ständige Präsenz des Todes hat das Denken geprägt.
Frage: Kann es überhaupt gelingen, sich in dieses Denken hineinzuversetzen?
Antwort: Man muss es versuchen. Es gibt ja den Begriff der entzauberten Welt des Soziologen Max Weber, womit er die Betonung der Vernunft in der modernen Gesellschaft meint. Das war damals anders. Die Menschen lebten noch in einer verzauberten, magischen Welt. Ihr Denken war sehr bildhaft. Wenn man einen dunklen Schatten sah, glaubte man, es sei der Teufel. Conrad Gessner, der berühmte Zürcher Gelehrte, war fest davon überzeugt, dass auf dem Pilatus Drachen hausten. Man kann das damalige Leben aber auch mit den vielen Dingen erklären, die es nicht gab. Medien zum Beispiel fehlten völlig. Die einzige Form der Unterhaltung war das Theater – oder wenn jemand geköpft oder auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Lesen konnten die wenigsten. Und aus den Stadtmauern kam man so gut wie nie heraus.
Frage: Gibt es auch Aspekte, die Ihnen gefallen am alten Zürich?
Antwort: Zürich war eine Gartenstadt. Fast jedes Haus hatte einen Hof, die Leute hielten Hühner, Schweine, kultivierten Reben – mitten in der Stadt. Überall wirkten Handwerker, überall wurde geklopft und gehämmert. Und schon damals gab es Dachterrassen, auf denen sich die Leute aufhielten.
Frage: Sie beschreiben Zürich als enge Welt. Doch zugleich sei es ein internationaler Hotspot gewesen. Tragen Sie da nicht etwas dick auf?
Antwort: Der engere Kreis um Heinrich Bullinger, den Nachfolger Zwinglis, bestand fast ausschliesslich aus Deutschen. Zur Zeit von Jos Murer lebten viele Tessiner Glaubensflüchtlinge in Zürich. Während Jahren beherbergte Zürich auch eine englischsprachige Community. Das waren reformierte Glaubensflüchtlinge aus England. Sie gingen später zurück in ihre Heimat und schwärmten dort noch Jahre später vom köstlichen Zürcher Weissbrot, wie wir aus Briefen wissen. Auch die Eltern von Jos Murers Frau Barbara waren Ausländer, sie stammten aus Speyer.
Frage: Das klingt sehr harmonisch. Verlief die Zuwanderung völlig konfliktfrei?
Antwort: Zürich war damals ein Dorf in der Grösse des heutigen Fällanden, aber angewiesen auf gute Handwerker. Leute mit diesen Fertigkeiten waren hochwillkommen, Gelehrte ebenso. Die Einbürgerung war eine strenge Sache: Man musste zeigen, dass man etwas leisten und seine Familie ernähren konnte. Es gab auch Vorgänge, die man heute als Diskriminierung bezeichnen würde: Als reformierte Glaubensflüchtlinge aus Locarno in Zürich ankamen, nahm man sie zwar auf. Sie waren wirtschaftlich erfolgreich, blieben aber während Jahrzehnten vom Rat und damit von der politischen Teilhabe ausgeschlossen. Das änderte sich erst, als diese reichen Familien wie die von Muralts und die Orellis mit dem Wegzug nach Bern drohten.
Jos Murer in einer Radierung von Conrad Meyer, 1675.
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Frage: Im Zentrum Ihres Buches steht Jos Murer, der Schöpfer des Murer-Stadtplans, der 1576 erstmals gedruckt wurde. Zürich wirkt darauf sehr aufgeräumt. Die Misthaufen, die Sie im Buch beschreiben, sieht man nirgends. Weshalb?
Antwort: Beim Murer-Plan ging es darum, die Macht der Obrigkeit darzustellen: wie schön die Stadt ist und wie gut sie regiert wird. Dass Jos Murer keine Misthaufen auf den Gassen gezeigt hat, ist nachvollziehbar: Der Murer-Plan war ein Prospekt. Aber es gab sie buchstäblich zuhauf, wie die vielen Gerichtsfälle zeigen, bei denen es um die Höhe der Haufen und die Verweildauer in den Gassen ging. Den Zeitgenossen muss der Plan aber wie ein Wunder erschienen sein: Erstmals sahen sie ihre Stadt, ja sogar ihr eigenes Haus aus der Vogelperspektive.
Frage: Was hat Murer dazu bewogen, die Stadt zu kartografieren? War es tatsächlich nur das Geld, wie man da und dort liest?
Antwort: Wenn man sich die Ratsprotokolle anschaut, ist es eindeutig: Er war als Glasmaler nicht ausgelastet, musste aber elf Kinder ernähren, und das war nicht billig. Es ist erstaunlich, dass es ihm gelungen ist, von der Stadt einen Vorschuss zu erhalten, der einem Gehalt von etwa zwei Jahren entsprach, und das trotz den schweren Zeiten für die Stadt infolge der Kleinen Eiszeit. Er argumentierte unter anderem damit, dass in Basel ein solcher Stadtplan bald in den Druck gehe und man diese Pioniertat doch nicht denen am Rheinknie überlassen dürfe. Aber Murer war auch ein neugieriger Mensch. Er war unersättlich, wollte alles wissen – ein typischer Mensch der Renaissance.
Frage: Woher stammt diese Neugierde?
Antwort: Wenn Murer die Landschaft Zürichs darstellte, ging es ihm nicht primär um Vermessung. Er wollte darstellen, wie schön diese Landschaft, wie einzigartig Gottes Schöpfung ist. Die Menschen der Renaissance wollten den Plan Gottes decodieren. Die Kartografie war in gewissem Sinne ein Gottesdienst.
Die Zürichseeregion auf Murers Züribiet-Karte von 1566.
PD
Frage: Was macht den Murer-Plan aus Ihrer Sicht aussergewöhnlich?
Antwort: Es gab damals keinen präziseren Stadtplan in Europa. Jedes einzelne Haus hat Jos Murer genau eingezeichnet, mit jedem Schornstein, fast auf den Dachziegel genau. Sogar die Strömungsverhältnisse der Limmat hat er realitätsnah dargestellt. Und der Plan stimmt. Wenn man ihn zur Hand nimmt und über einen heutigen Stadtplan legt, sind die beiden – soweit die Bauten noch stehen – praktisch deckungsgleich.
Frage: Haben Sie den Murer-Plan als Schulkind gekannt?
Antwort: Natürlich. Ich bin in Zürich Höngg aufgewachsen, und in der Schule war der Murer-Plan damals fester Bestandteil des Heimatkundeunterrichts. «Gang dur Züri» hiess das Fach. Er ist für mich deshalb ein Schlüssel zu einer jugendlichen Erlebniswelt, er löst Emotionen aus. Die Reaktionen auf mein Buch zeigen, dass es vielen Leuten so geht. Ich bin an historischen Themen interessiert und habe festgestellt, dass niemand beabsichtigte, zum Jubiläum des Murer-Plans ein Buch zu schreiben. Ich sagte mir: Dann mache ich das.
Frage: Auffällig ist, dass der aufgeräumte Stadtplan durch winzige Details durchbrochen wird, die man aber nur bei genauem Hinschauen sieht. Zum Beispiel Badende, die offenbar zum Spass von der Brücke springen, oder Plumpsklos inklusive Abflussrohr. Hatte Jos Murer Humor?
Antwort: Auf jeden Fall, so habe ich ihn bei meiner Recherche kennengelernt, obwohl er ja nicht viele schriftliche Spuren hinterlassen hat. Auf seiner Züribiets-Karte sieht man beispielsweise einen Stier, der eine Kuh bespringt. Oder er hat auf ein Glasgemälde eine Fliege gemalt, so dass der Betrachter glaubt, sie verscheuchen zu müssen. Er hat ja auch sieben Theaterstücke geschrieben und zur Aufführung gebracht, in denen oft ganze Horden von Teufeln und sonstige skurrile Figuren auftraten. Im damaligen Zürich war er ein Star. Und sein Stadtplan war ein voller Erfolg. Er wurde dutzendfach kopiert und fand im ganzen deutschsprachigen Raum Verbreitung, noch lange nach Murers Tod.
Martin Weiss: Jos Murer und der Murerplan. Ein künstlerisches Multitalent im Zürich des 16. Jahrhunderts. Verlag Hier und Jetzt, Zürich 2026. 320 S., Fr. 59.–.
Zum Jubiläum des Murer-Plans gibt es noch bis März eine Ausstellung im Haus zum Rech, Neumarkt 4, 8001 Zürich. Zudem finden Führungen durch den Autor statt, die den wichtigsten Lebensetappen Murers folgen: Am Samstag, 31. Oktober, Samstag, 7. November, sowie am Samstag, 19. Dezember, jeweils ab 10 Uhr 30, Treffpunkt Haus zum Rech. Anmeldung bei: [email protected].
Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael von Ledebur
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