Zürcher Halloween-Krawalle: Wie eine mysteriöse Gruppe Linksextremer Hunderte für Ausschreitungen mobilisieren konnte
Es begann mit einem Instagram-Post, es endete mit brennenden Barrikaden. Eine Rekonstruktion.
03.11.2026, 05.01 Uhr
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Wer Halloween feierte und wer zum Randalieren gekommen war, war für die Polizei nur schwer auszumachen.
Christian Beutler / Keystone
Es begann mit einer tanzenden Katze. Es endete in einer Krawallnacht, in der die Barrikaden brannten, die Pflastersteine flogen und Vermummte sich stundenlange Scharmützel mit der Polizei lieferten.
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Die tanzende Katze findet sich in einem Instagram-Video, gepostet am 28. Oktober um halb zwei in der Nacht. Es ist, soweit bekannt, der erste öffentliche Aufruf zu den Halloween-Protesten vom vergangenen Samstag.
«All in Kreis 4» ist in dicker Schrift zu lesen, darunter die Katze, die freudig vor einem brennenden französischen Rathaus herumhüpft. Im Begleittext werden Zeit und Ort erwähnt. Dazu der Slogan: «On en a marre – en Suisse aussi! Lass den Funken überspringen.» Eine Anspielung auf den Slogan der Proteste in Frankreich.
Mehrere hundert Personen waren es, die 3 Tage und 21 Stunden später dem Aufruf folgen und im Zürcher Langstrassenquartier wüten sollten. Vermummt mischten sie sich am Samstagabend unter die feiernden Massen, setzten Mülltonnen und einen Tesla in Brand, schlugen Schaufenster ein, zündeten Feuerwerkskörper. Der Sachschaden liegt nach ersten Erkenntnissen der Polizei im tiefen sechsstelligen Bereich.
Verhaftet wurden von den Krawallanten, deren Zahl die Behörden auf mehrere hundert schätzen, gerade einmal zwei. Der Rest nutzte die feiernden Massen – viele wegen Halloween ebenfalls verkleidet – als Tarnung und Schutzschild, wich der Polizei immer wieder aus und entkam in den frühen Morgenstunden schliesslich unbehelligt.
Auch zwei Tage danach sind keine weiteren Verhaftungen gelungen, wie die Stadtpolizei auf Anfrage schreibt. Es würden aber weiterhin Bilder und Videoaufnahmen ausgewertet.
Wie war eine solche Mobilisierung möglich? Wer steckt dahinter? Und wie konnten die jungen Protestierenden am Ende entkommen?
«Züri brennt & mir tanzed im Kreis 4»
Das Instagram-Video mit der tanzenden Katze ist nur der Anfang. Der Account, von dem es stammt, ist ganz neu. Der Aufruf zur Protestnacht von Halloween ist hier das einzige Thema.
In den Tagen zwischen dem ersten Video und dem Samstagabend kommen die Posts Schlag auf Schlag. Ein Video, das vergangene Farbanschläge und die zerschlagene Scheibe eines Cobra-Trams zeigt, gegengeschnitten mit Szenen aus Frankreich. Das Foto eines Mannes im Palästinensertuch, versehen mit dem Spruch «Escalate the Struggle».
Dann: ein seltsames Filmchen aus einem Waldstück, in dem vier Figuren in Halloweenmasken zu einem Rap-Song herumtanzen, bevor sie ein Schild in Brand setzen. Darauf steht: «Israel, es gibt Saures.»
Posts wie dieser beginnen in den Tagen vor der Krawallnacht in einschlägigen Accounts und Foren zu zirkulieren. Die Forderungen sind dabei kunterbunt – man könnte auch sagen: beliebig. Mal geht es um den Gaza-Krieg, mal um den Klimawandel, dann «gegen den Bullenstaat und seine Überwachung».
Diverse Accounts aus verschiedenen linksaktivistischen Online-Bubbles beginnen sich an der Verbreitung des Aufrufs zu beteiligen. So etwa ein Telegram-Kanal aus der Hausbesetzerszene, ein «dekoloniales» Kollektiv, das vor allem zu Israel - Palästina postet, und ein selbsternannter Antifa-Account mit rund 20 000 Followern, der mit dem Bekennerschreiben zu einem Brandanschlag auf eine UBS-Filiale im Herbst 2025 für sich wirbt.
Was auffällt: Diverse andere Splittergruppen aus der linksautonomen Szene – etwa die Revolutionäre Jugend oder die Organisierte Autonomie – werben nicht für den Protest an Halloween. Eine weitere Gruppierung, die Bewegung für den Sozialismus, organisiert gar parallel eine andere Veranstaltung.
In einem Post der anonymen Organisatoren auf der Plattform «Barrikade» heisst es denn auch fast entschuldigend: «Wir möchten mit diesem Aufruf keine avantgardistische Position in der aktuellen Bewegung einnehmen.»
Möglich also, dass es eine neu oder ad hoc formierte Splittergruppe war, die hier die Initiative ergriff.
Das Fussvolk, das sich am Ende an den Ausschreitungen beteiligte, scheint dagegen aus den üblichen Verdächtigen der Szene bestanden zu haben, die etwa auch am 1. Mai oder bei Anti-WEF-Protesten aktiv sind. So jedenfalls berichten es mehrere Quellen aus Strafverfolgungskreisen der NZZ. Gleichgesinnte aus anderen Kantonen sollen ebenfalls beteiligt gewesen sein.
Für eine Mobilisierung bisher apolitischer Bevölkerungsschichten wie etwa in Frankreich gibt es dagegen in Zürich keine Anzeichen.
Die Vermummten steckten Container in Brand und bewarfen die Polizisten mit Feuerwerkskörpern.
Christian Beutler / Keystone
Klassisch wie aus dem linksautonomen Lehrbuch sind auch die Anweisungen, die im Vorfeld zur Krawallnacht in der Szene kursieren: In Social-Media-Posts wird zum Tragen von Verkleidungen, Schutzbrillen und Handschuhen aufgerufen. Auch ein praktisches Video-Tutorial zur schnellen Vermummung mithilfe eines T-Shirts wird verschickt.
Was auch nicht fehlen darf: die obligate Reverenz an die Jugendunruhen der 1980er. Im letzten Video vor der Krawallnacht sprayt eine Person in Halloweenmaske den folgenden Slogan an eine Mauer beim Oberen Letten: «Züri brennt & mir tanzed im Kreis 4».
Die Vermummten waren straff organisiert
In der Protestnacht selbst traten die Beteiligten dann mit einer klaren Taktik auf: Zunächst nutzten sie, zu lauter Musik tanzend, die Menge als Versteck. Dann begannen sie wie auf Kommando mit Brandlegen und Scheibeneinschlagen. Um dann, als die Polizei eingriff, in versprengten Grüppchen das Weite zu suchen. Und woanders von vorn zu beginnen.
Auf eigens mitgeführten Einkaufswagen war deren Inhalt aufgelistet: «Wasser, Snacks, Kochsalzlösung, Vermummungsmaterial». Auch Wurfgeschosse hatte man bei sich. Was in der Nacht auf Sonntag geschah, war offenkundig nicht das Werk spontan handelnder Akteure, sondern wirkte gut geplant und straff organisiert.
Die wegen Halloween besonders zahlreich anwesenden Partygänger erschwerten es der Stadtpolizei zudem, Beteiligte von Unbeteiligten zu unterscheiden. Von einer Einkesselung, wie sie am 1. Mai immer wieder erfolgt, sahen die Einsatzkräfte aus diesem Grund ab. Das teilte die Polizei am Sonntag mit.
Die Polizei setzte zeitweise auch Wasserwerfer gegen die Protestierenden ein.
Christian Beutler / Keystone
Das Resultat: erheblicher Schaden, maximale Aufmerksamkeit – und doch fast keine Verhaftungen.
Dieser Umstand führte im Nachgang der Protestnacht zu scharfer Kritik an der Stadtpolizei. Die SVP forderte gar, das ganze Korps unter die Führung der Kantonspolizei zu stellen.
Der Versuch, eine maximale Eskalation zwischen den Krawallmachern und der Polizei zu vermeiden, hat allerdings auch einen taktischen Vorteil: Er durchkreuzt eine zentrale Strategie der Linksextremen.
Deren Ziel ist es, eine möglichst repressive Reaktion durch die Einsatzkräfte zu provozieren – in der Hoffnung, dass diese zu einer Solidarisierung breiter Bevölkerungskreise mit den Protestierenden führt. Eine Strategie, die – zumindest in der Theorie – irgendwann in der Massenrevolte, ja einer kommunistischen Revolution münden soll.
Das Vorgehen, den Strassenkämpfen der 1980er entlehnt, ist in der Schweiz zwar seit Jahrzehnten erfolglos. Dennoch halten linksextreme Gruppen weiter eisern daran fest.
Es kann daher nicht überraschen, dass sie in den Jugendprotesten in Frankreich eine neuerliche Gelegenheit sehen, ihre alten Ideen doch noch zum Erfolg zu führen. Anders als dort, wo weitgehend friedliche Demonstrationszüge manchen als Anlass für Plünderungen dienten, kommt in der Schweiz der Krawall vor der friedlichen Demonstration. Eine solche ist für den 20. November in Zürich und weiteren Schweizer Städten geplant.
Wie aus ihren Aufrufen hervorgeht, wollen die Organisatoren der Halloween-Krawalle um jeden Preis verhindern, dass der gewaltlose Protest von ihren Aktionen getrennt wird. Der Aufstand müsse «möglichst lange unkontrollierbar, unregierbar bleiben».
Die bekannteste Zürcher Linksextreme, Andrea Stauffacher, erklärte erst vor wenigen Wochen an einer Kundgebung: «Wir haben gesehen, dass Europa brennen kann. Und das ist wichtig. Die Leute, die auf die Strassen gehen, sind die proletarischen Massen.» Nun gelte es, den Klassenkampf in Europa weiter anzufachen.
Die Zürcher Behörden bemühen sich derweil, dieser Taktik der Vermengung von friedlichem mit gewaltvollem Protest etwas entgegenzusetzen. Etwa mittels Aufklärung an den Kantonsschulen.
Auch die SP und die Grünen ziehen in ihren Statements zur Halloweennacht eine klare Linie zwischen friedlichen Demonstrationen und gewaltsamen Ausschreitungen – wobei sie Letztere verurteilen.
Den Sachschaden schätzt die Polizei auf einen tiefen sechsstelligen Betrag.
Christian Beutler / Keystone
Weniger klar ist die Sache bei den diversen aktivistischen Gruppierungen, die in Zürich ebenfalls zum «Jugendstreik» vom 20. November aufrufen.
Für manche von ihnen – darunter der Klimastreik und das feministische Streikkollektiv – sind die Ereignisse vom Samstag eindeutig Teil der europaweiten Jugendproteste, Ausdruck einer «Wut auf soziale Ungleichheit», wie es in einem Instagram-Post heisst. Die Taktiken der Autonomen werden darin nicht explizit gutgeheissen, aber auch mit keinem Wort verurteilt. Der Polizeieinsatz dagegen wird als «massiv» kritisiert.
Welche Art von Protest – Krawall oder Demo – wird die Sicht auf die aufbegehrenden Jugendlichen von Europa prägen? Die Auseinandersetzung darüber ist damit auch in Zürich angekommen.
Den Schaden haben die Unbeteiligten
Sprichwörtlich zwischen die Fronten dieses Deutungskampfes ist in der Samstagnacht nicht nur das feiernde Partyvolk gekommen, sondern auch das lokale Gewerbe im Kreis 4.
Sabina Kohler, Betreiberin des Ausstellungsraums «Je vous propose» nahe der Langstrasse, hat am Sonntagmorgen erfahren, dass auch ihr Lokal zur Zielscheibe geworden ist. Das Schaufenster ist demoliert, mit zwei grossen Einschlagkratern mittendrin.
Wenn man ein Geschäft an einem derart exponierten Ort führe, müsse man mit solchen Vorfällen rechnen, sagt Kohler. «Aber wenn es einem dann passiert, ist man trotzdem erschüttert.»
Sie habe durchaus Verständnis für Demonstrationen. Es sei wichtig, auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam zu machen. «Kein Verständnis habe ich aber für die Anwendung von Gewalt.»
Mittlerweile hat Kohler den Schaden inspiziert – und kann ihm bereits eine ironische Note abgewinnen.
Ausgestellt sei bei ihr gerade ein Bild, das den Helvetiaplatz zeige, den zentralen Versammlungsort für Demonstrationen in Zürich. «Zusammen mit der geborstenen Scheibe könnte man beinahe das Gefühl bekommen, es handle sich hier um eine Kunstinstallation.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Giorgio Scherrer, Jan Hudec
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