Rendez-vous für die «cohésion nationale»: Zürcher Schüler sollen Sprachaufenthalte in der Waadt absolvieren

Die beiden Kantone verlängern ihre Partnerschaft für Austauschprojekte von Kindern und Jugendlichen. Bildungsdirektorin Silvia Steiner setzt derweil auf einen Coup im Sprachenstreit.

08.11.2026, 05.08 Uhr

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Hat gut lachen: die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner mit ihrem Amtskollegen Frédéric Borloz am Freitag in Lausanne.

Hat gut lachen: die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner mit ihrem Amtskollegen Frédéric Borloz am Freitag in Lausanne.

Jean-Christophe Bott / Keystone

Die Aussicht vom Schulhaus Belvédère in Lausanne ist trist an diesem grauen Novembermorgen. Kein blauer Himmel, kein Genfersee, keine Berge dahinter. Dichter Nebel hat die Szenerie im Griff – ein Sinnbild der trüben Stimmung, die über dem Land liegt, seit Politiker und Lehrerverbände ennet der Sprachgrenze dem Frühfranzösisch den Kampf angesagt haben. St. Gallen, Thurgau, Schaffhausen, Appenzell Ausserrhoden: Sie alle haben offenbar keine Lust mehr. English only, lautet die Devise.

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Und auch in Zürich, dem bevölkerungsreichsten und wichtigsten Kanton der Schweiz, soll Französisch aus der Primarschule verschwinden und erst ab der ersten Sekundarklasse beziehungsweise im Gymnasium unterrichtet werden. So zumindest will es ein Vorstoss von Mitte, SVP, GLP und EVP, der vor gut einem Jahr an den Zürcher Regierungsrat überwiesen wurde – sehr zum Ärger der scheidenden Bildungsdirektorin Silvia Steiner (ebenfalls Mitte). Sie muss dem Kantonsparlament in ihren letzten Monaten im Amt eine Umsetzungsvorlage für ein Vorhaben unterbreiten, das sie selber ablehnt.

Und für das sich der Kanton Zürich einen deutlichen Rüffel von Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider (SP) einhandelte. Die geplante Abschaffung des Frühfranzösisch in Zürcher Schulklassen sei ein Affront, erklärte die Bildungsministerin – und drohte kurzerhand damit, abtrünnige Deutschschweizer Kantone zum Französischunterricht auf Primarstufe zu zwingen. Und zwar durch eine Gesetzesänderung auf Bundesebene.

Zürich setzt auf interkantonale Lösung

Das wiederum finden Thurgau und Zürich keine gute Idee. Der Thurgau verwahrte sich vor wenigen Wochen höchst offiziell gegen «Druckversuche» aus der Bundesstadt. Der Zürcher Regierungsrat teilte derweil «en termes diplomatiques» mit, dass eine «interkantonale Lösung» der Sprachenfrage weiterhin möglich sei und dass man von präventiven Erziehungsmassnahmen der jurassischen Bildungsministerin nichts halte. Schliesslich, so heisst es in einem Beschluss vom September, gehe es in Zürich nicht zuletzt darum, den Französischunterricht zu verbessern.

Hélas, es ist ein gehässiges Hin und Her zwischen Bund und Kantonen, oben und unten. Le Röstigraben scheint das Land zu spalten, die «cohésion nationale» steht auf dem Spiel.

Und dann noch dieser triste Herbsttag hoch über dem (unsichtbaren) Genfersee!

Dabei ist der Anlass am Freitag ein freudiger. Die Verantwortlichen im Pavillon des Belvédère geben sich alle Mühe, die graue Wand hinter den Fenstern vergessen zu machen. Nur keine trüben Gedanken an diesem Treffen der Mächtigen der Bildungsverwaltung, die im Sprachenstreit mit gutem Beispiel vorangehen wollen: Die Kantone Zürich und Waadt haben die Medien nach Lausanne geladen, damit diese der Verlängerung ihrer Kooperation für Sprachaufenthalte von Schülerinnen und Schülern beider Kantone beiwohnen.

Die Sprache der anderen

Seit 2021 können Zürcher Primar- und Sekundarschüler, Gymnasiasten und Lehrlinge verschiedene Austauschprogramme mit Waadtländer Kindern und Jugendlichen sowie deren Schulen absolvieren. Die kantonale Fachstelle Austausch und Mobilität unterstützt (Berufs-)Schüler und Lehrer dabei, das passende Angebot zu finden – und die richtigen Partner. Finanzielle Unterstützung können Interessierte bei Movetia beantragen, einer nationalen Förderagentur für Sprachaufenthalte und andere Mobilitätsprogramme im Bildungsbereich.

Solche Begegnungen – sei es am Bildschirm, per Briefwechsel oder im echten Leben, ob für einen Tag, eine Woche oder ein ganzes Semester – gelten als entscheidende Farbtupfer, mit denen selbst Sprachmuffel den grauen Alltag des Französischunterrichts in der Schule hinter sich lassen sollen. Das motiviere die Schüler ungemein, sagt Corinne Breitler, Mitarbeiterin der kantonalen Fachstelle und Französischlehrerin an der Sekundarschule Rorbas-Freienstein-Teufen bei Bülach. «Danach machen sie begeistert mit im Unterricht», sagt Breitler. «Selbst wenn sie mit ihren Waadtländer Kameraden vor allem Englisch reden.»

Die Sprache des anderen Landesteils ein bisschen ausleben, statt sie nur zu lernen – mit Gleichaltrigen auf Augenhöhe, die dasselbe tun und genauso stolpern, um sich auf Deutsch auszudrücken: Darauf setzen Bildungspolitiker und ihre Mitarbeiter grosse Hoffnungen.

Sprachaufenthalte sind Chefinnensache, in diesen schwierigen Zeiten erst recht. Und so war die Zürcher Bildungsdirektorin Silvia Steiner am Freitag mit einem ganzen Trupp von Amtsleitern und weiteren wichtigen Mitarbeitenden ihrer Direktion vor Ort, als sie mit ihrem Amtskollegen Frédéric Borloz von der FDP fünf weitere Jahre (hoffentlich) erspriesslicher bilingualer Begegnungen von Kindern und Jugendlichen besiegelte.

Noch seien die von ihnen angepriesenen Projekte nicht obligatorisch, scherzte Borloz. Aber man wolle Lust machen, Sprache und Menschen der Deutschschweiz kennenzulernen: «On veut donner envie.» Perfektion ist nicht das Ziel. Der Waadtländer Bildungsdirektor geht mit gutem Beispiel voran. Er selbst spreche nicht gut Deutsch, das sagte Borloz beim Apéro um 11 Uhr ganz offen so. Aber mit seiner Familie verbringe er jedes Jahr eine Woche irgendwo in der Deutschschweiz: «La dernière fois, nous étions à Glaris!»

Und ja, natürlich leide der Zusammenhalt, wenn sich die Jungen des Landes nicht in der Sprache der anderen miteinander unterhalten könnten, betonte der FDP-Politiker.

Amtschef schlägt Bildungsdirektorin

Die beste Französischnote der Zürcher Delegation hat sich am Freitag übrigens nicht Silvia Steiner verdient, sondern Niklaus Schatzmann, der Chef des Mittelschul- und Berufsbildungsamts. Er referierte flüssig, eloquent, fast ohne Akzent. Sein Erfolgsrezept: ein Dreivierteljahr in Paris, als er als junger Mann Geschichte studierte. Schatzmann sagt: «Das hat mir das Trauma genommen – auch wenn ich meinem Französischlehrer im Gymnasium bis heute dankbar bin.»

Der (näher liegende) Versuch mit dem Waadtland beziehungsweise Zürich zieht offenbar. Bis heute haben 16 000 Kinder und Jugendliche beider Partnerkantone an einem der vielen Austauschprogramme teilgenommen. Wie toll sie es wirklich fanden, liess sich am Freitag nicht überprüfen.

Doch der Französischunterricht an Zürcher Schulen wird weiterhin zu reden geben, gerade auf Primarstufe. Silvia Steiner liess am Freitag durchblicken, dass man zum Beispiel auf Noten im Frühfranzösisch verzichten könnte. Und: Der Unterricht müsse zeitgemässer werden, etwa mit spielerischen Elementen, sagte die Mitte-Politikerin.

Es wäre nicht das erste Mal, dass die Bildungsdirektorin das Parlament nach zähem Ringen und viel Aufregung für eine eigene, leicht anders lautende Gesetzesvorlage gewinnen würde.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Robin Schwarzenbach

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