Real Madrid werden Propagandatechniken wie von Joseph Goebbels vorgeworfen – der Schiedsrichterstreit eskaliert

Der Coach José Mourinho wettert gegen die Referees, der LigaprÀsident Javier Tebas zieht einen drastischen Vergleich: Vor dem Clåsico gegen Barcelona spitzt sich der Machtkampf im spanischen Fussball zu.

21.10.2026, 05.30 Uhr

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JosĂ© Mourinho, der ZĂŒndler: Der Trainer von Real Madrid heizt den Streit um Spaniens Schiedsrichter weiter an.

JosĂ© Mourinho, der ZĂŒndler: Der Trainer von Real Madrid heizt den Streit um Spaniens Schiedsrichter weiter an.

Daniel Gonzalez / EPA

Am Sonntagabend hat die Masche wieder einmal funktioniert. Nach Tagen der wĂŒsten Attacken auf Spaniens Schiedsrichter startete Real Madrid mit einem klaren 4:1-Sieg gegen Sevilla in eine richtungsweisende Woche.

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Den Weg zum Sieg bereitete Arda GĂŒler mit einem prĂ€chtigen Fernschuss zum 1:0. Allerdings hĂ€tte der TĂŒrke zuvor wegen einer TĂ€tlichkeit vom Platz gestellt werden mĂŒssen. Doch welcher Schiedsrichter traut sich schon einen Pfiff dieser Art so frĂŒh in der Partie gegen ein furioses Real?

Über seinen Vereinssender Real Madrid TV bringt der Klub die Schiedsrichter seit Jahren zum Weinen – manchmal ganz buchstĂ€blich wie im spanischen Cup-Final 2025. Mit selektiven Videoschnipseln ihrer vermeintlichen Fehler zulasten Reals wird versucht, die Referees einzuschĂŒchtern.

In dieser Saison ist nun auch noch der passionierte ZĂŒndler JosĂ© Mourinho zurĂŒckgekehrt. Zwar bemĂŒhte sich der portugiesische Coach anfangs um eine neue Rolle als gelĂ€uterter Elder Statesman. Doch nach den ersten Niederlagen und Kritiken an der konturlosen Spielkultur nahm er wieder seine bekannten Muster auf. Schuldige mussten her, die immer gleichen – die Schiedsrichter.

Die Macht der permanenten Empörung

Die jĂŒngste Kampagne begann nach einer Pleite im Derby bei AtlĂ©tico Madrid. An der Medienkonferenz tauchte Mourinho mit Ausdrucken von zwei Spielszenen auf, die seiner Meinung nach Platzverweise fĂŒr den Gegner hĂ€tten nach sich ziehen mĂŒssen. Das sorgte fĂŒr belustigte Spekulationen ĂŒber die technische AusrĂŒstung von Reals Reisegruppe.

Doch der Spass war vorbei, als Madrid eine rote Karte fĂŒr seinen StĂŒrmer VinĂ­cius im nĂ€chsten Match gegen Villarreal und die folgende Vier-Spiele-Sperre zum Beweis vermeintlich systematischer Korruption stilisierte. Dabei waren Platzverweis wie Strafmass unter Experten unstrittig: VinĂ­cius hatte einen Gegner an den Haaren gezogen und danach ausufernd Offizielle beleidigt.

Rote Karte fĂŒr VinĂ­cius JĂșnior: Der Schiedsrichter DĂ­az de Mera Escuderos stellt den StĂŒrmer von Real Madrid im Heimspiel gegen Villarreal vom Platz.

Rote Karte fĂŒr VinĂ­cius JĂșnior: Der Schiedsrichter DĂ­az de Mera Escuderos stellt den StĂŒrmer von Real Madrid im Heimspiel gegen Villarreal vom Platz.

Pablo Garcia / Imago

Wo selbst richtige Entscheidungen gegen Real zu solchem Aufruhr fĂŒhren, lĂ€sst mancher die Pfeife lieber stecken: Das ist das KalkĂŒl, und manchmal geht es so offenkundig auf wie nun gegen Sevilla. Die kolportierte BegrĂŒndung, warum der Video Assistant Referee (VAR) in der Szene nicht eingriff, klingt geradezu nach Satire. Angeblich war es im BernabĂ©u-Stadion, der modernsten Hightech-Arena des Kontinents, nicht möglich, unmissverstĂ€ndliche Zeitlupenbilder zu generieren.

«Der VAR hat den Schiedsrichter wohl nicht gerufen, damit sie nicht mit neun Punkten RĂŒckstand zum ClĂĄsico fahren», vermutete der Sevilla-Coach Luis GarcĂ­a Plaza mit einem Ausblick auf Reals Spitzenspiel nĂ€chsten Sonntag beim noch verlustpunktfreien FC Barcelona. Sevillas Presseabteilung flĂŒchtete sich in Galgenhumor: Als der ĂŒbertragende Fernsehsender in einem Post das kunstvolle, aber wegen eines möglichen Fouls umstrittene 2:0 von Kylian MbappĂ© als wĂŒrdig fĂŒr den Pariser Louvre pries, konterte der Verein: «Da habt ihr den Prado so nah und geht in das Museum, das fĂŒr Klau bekannt ist.»

Pérez gegen Tebas: Der Konflikt wird giftiger

Der LigaprĂ€sident Javier Tebas beliess es vorige Woche nicht bei Spott – er fuhr schweres GeschĂŒtz auf, indem er die Medienstrategie von Real Madrid mit Propagandatechniken von Joseph Goebbels verglich. Real forderte seinen RĂŒcktritt, Sportminister RodrĂ­guez Uribes zumindest eine Entschuldigung. Die Presse spekuliert derweil ĂŒber ein mögliches Amtsverbot fĂŒr Tebas durch das spanische Sportgericht; auf welcher juristischen Grundlage, bleibt in den Meldungen unklar.

Javier Tebas, PrÀsident der spanischen Liga.

Javier Tebas, PrÀsident der spanischen Liga.

PD

Bis auf den monströsen Vergleich ist wenig neu an der Auseinandersetzung. Seit 2013 amtiert Tebas, seither liegt er im Clinch mit Reals PrĂ€sident Florentino PĂ©rez, dabei bezeichnet Tebas sich sogar als Fan des Vereins. Doch der Machtkampf befeuerte schon zahlreiche Gerichtsprozesse. Tebas, der die Liga sanierte und ĂŒber breite UnterstĂŒtzung bei den ĂŒbrigen Vereinen verfĂŒgt, muss miterleben, wie eines der grossen Zugpferde der Liga immer wieder gegen sie agitiert. Dahinter steht nicht zuletzt Reals jahrelanger Versuch, eine europĂ€ische Superliga zu legitimieren.

PĂ©rez hat nicht nur mit ihrem Scheitern eine veritable Niederlage kassiert. Der wirtschaftlich fĂŒhrende Fussballverein Europas hat seit 2024 keinen Titel mehr gewonnen. Viele Beobachter fĂŒhren das auf PĂ©rez’ erratische und starlastige Kaderplanung zurĂŒck. Doch weil nicht sein kann, was nicht sein darf, lĂ€sst PĂ©rez umso heftiger an Verschwörungstheorien stricken.

Immer wieder – auch im aktuellen Kontext – verweist Real auf den Fall des ehemaligen SchiedsrichterfunktionĂ€rs Negreira, der bis 2018 vom FC Barcelona stattliche Beraterhonorare kassierte. Die juristischen Ermittlungen haben bisher allerdings keinen Nachweis fĂŒr Manipulationen erbracht, so sehr Real als NebenklĂ€ger in dem Verfahren auftreten mag und jĂŒngst auch ein 500-seitiges Dossier an den europĂ€ischen Fussballverband (Uefa) schickte. PĂ©rez’ moralische AutoritĂ€t wĂ€re dabei grösser, hĂ€tte er sich nicht erst in dem Moment fĂŒr den Fall zu interessieren begonnen, als Barcelona aus dem Superliga-Projekt ausstieg.

Spanien erwartet am Sonntag nun einen «ClĂĄsico in Flammen», wie es die Sportzeitung «AS» schreibt. Davor trifft Real am Mittwoch in der Champions League auf RB Leipzig. Bei der letzten Auseinandersetzung dieser Teams im Achtelfinal 2024 siegte der spĂ€tere Titelgewinner Real zunĂ€chst auswĂ€rts mit 1:0 – wobei den Sachsen ein Tor aberkannt wurde, das man selbst laut dem Real-Profi Toni Kroos «hĂ€tte geben mĂŒssen». Im RĂŒckspiel gab es ein 1:1, nachdem VinĂ­cius bei einer TĂ€tlichkeit mit einer Verwarnung davongekommen war und danach Reals Treffer erzielt hatte.

Real bevorzugt von den Schiedsrichtern? Auf den Videoschnipseln des Klubsenders werden diese Szenen bestimmt nicht zu sehen sein.

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Source: Neue ZĂŒrcher Zeitung · Florian Haupt

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