Nachfolge von Guy Parmelin: Die SVP liefert skurrile Episoden und lässt eine entscheidende Frage offen

Lange Zeit war Céline Amaudruz die einzige Bundesratskandidatin. Dann kam der Freitagmorgen – und mit ihm eine Welle von weiteren Kandidaten. Rückblick auf eine denkwürdige Kandidatensuche.

23.10.2026, 18.53 Uhr

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Vor 170 Jahren wurde in diesem Saal der moderne Bundesstaat gegründet. Am Freitag nahmen hier zwei Bundesratskandidaten Platz, die vom äussersten Rand dieses Staates gekommen waren: der Walliser Staatsrat Franz Ruppen und der Walliser Natio

Vor 170 Jahren wurde in diesem Saal der moderne Bundesstaat gegründet. Am Freitag nahmen hier zwei Bundesratskandidaten Platz, die vom äussersten Rand dieses Staates gekommen waren: der Walliser Staatsrat Franz Ruppen und der Walliser Nationalrat Michael Graber.

Anthony Anex / Keystone

Dieser Freitag war für die SVP ein Tag der Entscheidungen. Bis zum Mittag sollten sämtliche Kandidaten für die Nachfolge von Bundesrat Guy Parmelin an die Öffentlichkeit gehen. Schon um zehn Uhr war jedoch klar, dass dieser Tag nicht bloss Entscheidungen, sondern auch allerlei Sonderlichkeiten mit sich bringen würde.

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Michael Graber

Michael Graber

PD

Im Empire-Saal des Rathauses zum Äusseren Stand in Bern hatten die Väter des modernen Bundesstaates vor über 170 Jahren die erste Verfassung verabschiedet. An diesem Morgen nahmen hier zwei Politiker Platz, die vom äussersten Rand dieses Staates gekommen waren: Der Walliser Staatsrat Franz Ruppen aus Naters. Und neben ihm der Walliser Nationalrat Michael Graber aus Brig. Beide waren in den Tagen zuvor weit entfernt vom Kreis der Favoriten gewesen, nun sassen sie im Zentrum der Aufmerksamkeit. Sie nutzten sie auf ihre jeweils eigene Weise.

Ruppen, 55, gab sich polyglott als «bâtisseurs des ponts», also als Brückenbauer zwischen den Sprachregionen, und handelte jedes Traktandum einer 1.-August-Rede ab: den Föderalismus, die Konkordanz, das Ständemehr, die Einheit in der Vielfalt. Letztgenanntes sei «etwas vom Schönsten», was man über die Schweiz sagen könne.

Graber, 45, zählte erst die bekanntesten Kriegsschauplätze der Gegenwart auf und rekapitulierte dann die Aufregerthemen der vergangenen Tage: Krawalle in Mailand und Paris, der Wahlsieg der Linken in Berlin. Das erinnere an «düsterste DDR-Zeiten». In derart unsicheren Zeiten, das die zentrale Botschaft Grabers, sei er «ein sicherer Wert für den Bundesrat».

Franz Ruppen

Franz Ruppen

NZZ

An seinem Revers trug Graber eine rote Hellebarde, das Symbol der Partei im Kampf gegen die EU-Verträge. Ruppen hingegen einen «Valais»-Pin.

Am Rand des Saals stand der versammelte Vorstand der SVP Oberwallis und hielt den grossen Moment an historischer Stätte auf dem Smartphone fest: Eine der jüngeren Sektionen der grössten Partei im Staat nominierte an diesem Vormittag nicht bloss einen, sondern gleich zwei Kandidaten für den Bundesrat.

Derweil versandte die Zürcher Kantonalsektion, die vor mehr als dreissig Jahren die moderne SVP überhaupt erst erfunden hatte, ein kurzes Communiqué. Ohne einen Kandidaten. Domenik Lederberger, Präsident der Zürcher SVP, erklärte später: «Bundesräte fallen nicht vom Himmel.»

Das war bezeichnend für eine skurrile Kandidatensuche.

Lange Zeit nur eine Kandidatin

Noch am Tag von Guy Parmelins Rücktrittsankündigung verschickte die SVP ein Communiqué, das sich bisweilen las wie ein Stellenbeschrieb. Die Partei gab an, explizit nach einem potenziellen Vorsteher des Justiz- oder des Verteidigungsdepartements zu suchen, die am ehesten frei würden.

Céline Amaudruz

Céline Amaudruz

Keystone

Lange Zeit war die Genfer Nationalrätin Céline Amaudruz die einzige Kandidatin. Um ihre Bewerbung bekanntzugeben, beorderte sie die Medienschaffenden in einen Saal in der Nähe des Bahnhofs in Genf. Der Raum war behelfsmässig eingerichtet, neben den Mikrofonen auf dem Tisch stand eine faltige kleine Fahne des Kantons Genf, hinter Amaudruz, an der Wand, hing eine Schweizer Flagge, die nach wenigen Minuten herunterfiel. Zum Schluss richtete Amaudruz eine Kampfansage Richtung Parteizentrale in Bern. Sie sagte, es wäre eine «dramatische Botschaft» für die Westschweiz, wenn die SVP keinen Romand auf dem Ticket der offiziellen Kandidaten berücksichtigen sollte.

Die Szene war ein Sinnbild für die Differenzen zwischen Amaudruz und der deutschschweizerisch geprägten SVP-Fraktion, die in jenen Tagen spürbar wurden. SVP-Parlamentarier äusserten hinter vorgehaltener Hand Zweifel an ihrer Eignung, die SVP-nahe «Weltwoche» bezeichnete sie – obschon Vizepräsidentin der Partei – als «absolutes Leichtgewicht». Es war, als sollte Amaudruz als Bundesrätin verhindert werden.

Allerdings wurde die Liste der Absagen immer länger: die Bündner Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher, die St. Galler Ständerätin Esther Friedli, die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli oder der Thurgauer Nationalrat Pascal Schmid.

Jean-Pierre Gallati

Jean-Pierre Gallati

PD

Wobei die Verzichtserklärungen teilweise kurios daherkamen. Schmid etwa erklärte sein Nein in einem anderthalbseitigen Interview – und damit deutlich ausführlicher als so mancher seine Kandidatur. Friedli und Rickli empfahlen derweil die national kaum bekannten Regierungsräte Franz Ruppen (Wallis) und Jean-Pierre Gallati (Aargau) zur Wahl, womit sich die medialen Kandidatenkarusselle noch schneller drehten: Porträts, Interviews, Live-Ticker, Breaking News. Nur stand die SVP nach wie vor mit nur einer Kandidatin da.

Bis vergangenen Mittwoch. Dann ging es los.

Die letzten Stunden

An jenem Morgen informierte der Solothurner Nationalrat Rémy Wyssmann an einer Medienkonferenz über seine Bundesratskandidatur. Er sprach viel Französisch, als wolle er sich als Westschweizer Alternative zu Amaudruz anbieten, was selbst innerhalb der SVP bisweilen belächelt wurde. Auch bei den anderen Parteien dürfte Wyssmanns Auftritt nicht allzu gut angekommen sein: Er gab sich lieber staatskritisch als staatsmännisch.

Marco Chiesa

Marco Chiesa

Keystone

Dann der Donnerstag: Mit Marco Chiesa und Pierre Alain Schnegg gaben zwei profilierte Politiker ihre Kandidatur bekannt. Chiesa ist Tessiner Ständerat und als ehemaliger Parteipräsident landesweit bekannt. Chiesas Problem: Sein Kanton ist mit Ignazio Cassis bereits in der Landesregierung vertreten, wenngleich dieser mit Parmelins Rücktritt dienstältester Magistrat ist und eine baldige Demission absehbar scheint.

Das gleiche Problem hat Schnegg, der Berner Regierungspräsident, der jedoch aus dem Berner Jura stammt und entsprechend als Westschweizer zählt. Schnegg könnte damit jene Person sein, die Amaudruz vom Ticket fernhält. Zumal er mit seiner Konzilianz auch für linke Parlamentarierinnen und Parlamentarier wählbar scheint.

Ob der Parteipräsident Marcel Dettling deshalb am Donnerstagabend so gelöst war? Beim Auftakt zu den Zürcher Wahlen in einer Mehrzweckhalle in Pfäffikon riss Dettling gutgelaunt Sprüche über die anderen Parteien, etwa die FDP, der ein Wecker nichts bringe, «wenn sie nicht hört, was es geschlagen hat».

Vielleicht war Dettling auch so gelöst, weil er zu diesem Zeitpunkt schon wusste, dass am Freitag, kurz vor Ablauf der Anmeldefrist, weitere Kandidaturen folgen würden. Ein fiebriger Freitag kündigte sich jedenfalls am Donnerstagabend schon an, ein Deadline-Day wie auf dem Fussball-Transfermarkt.

Pierre Alain Schnegg

NZZ

Neben Ruppen und Graber stieg am Freitag dann auch noch Gallati ins Rennen. Der Aargauer Regierungsrat galt im Kantonsparlament als Scharfmacher, hat sich in der Exekutive aber zum Konkordanzpolitiker entwickelt, für den selbst sozialdemokratische Politiker aus dem Aargau schwärmen. Das macht ihn zwar interessant für die Vereinigte Bundesversammlung, aber nicht für die SVP-Fraktion, die letztlich über die Zusammensetzung des Tickets entscheidet. Zumal die SVP-Parlamentarier in Bern nicht vergessen haben, dass sich Gallati während der Corona-Pandemie hinter den Bundesrat und damit gegen die eigene Partei gestellt hat.

Rémy Wyssmann

Keystone

Das Ende hängt von Aeschi ab

Kurz vor Schluss meldete sich auch noch die SVP des Kantons Zug. Tagelang hatte die Öffentlichkeit gerätselt, ob deren bekanntestes Gesicht, Nationalrat Thomas Aeschi, kandidieren wird oder nicht.

Als Fraktionschef der SVP im Parlament ist er der letzte verbliebene Favorit. Kandidierte er, müsste die Partei ihn offiziell nominieren und dafür sorgen, dass er auch gewählt wird. Alles andere wäre die Desavouierung einer langjährigen Stütze der Partei. Zumal Aeschi bereits 2015 kandidierte und deutlich einem damals noch unbekannten Nationalrat aus der Waadt unterlag. Dem scheidenden Wirtschaftsminister Guy Parmelin.

Thomas Aeschi

PD

Die Frage, wer auf das Ticket für die Bundesratswahl kommt und wie viele Plätze zu vergeben sind, hängt somit davon ab, ob sich Aeschi erneut zur Wahl stellt.

In der sibyllinischen Mitteilung aus dem Kanton Zug hiess es, die Kantonalsektion nominiere Aeschi offiziell für die Nachfolge von Parmelin. Sein «persönlicher Entscheid über eine Kandidatur» stehe aber noch aus.

Am Ende des Vormittages blieb damit die vermutlich entscheidende Frage weiterhin offen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Renato Schatz, Matthias Venetz

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