Irans Schattenflotte geht das Öl aus – Teheran dürfte trotzdem nicht kapitulieren
Bisher konnte Teheran noch Erdöl verkaufen, das sich ausserhalb des Persischen Golfs befand. Das Versiegen der Einnahmequelle wird die Islamische Republik laut Experten aber nicht zum Einlenken bringen. Im Gegenteil: Die USA und Iran versprechen neue, heftige Kämpfe.
23.10.2026, 14.48 Uhr
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Die wirtschaftliche Lage der meisten Iraner verschlechtert sich täglich – noch ist die Stabilität des Regimes jedoch kurzfristig nicht in Gefahr.
Abedin Taherkenareh / EPA
Bisher hatte Irans Wirtschaft noch eine letzte Reserve: Das Erdöl, das sich auf den Weltmeeren ausserhalb des Persischen Golfs befindet. Teheran hatte das Öl während der Zeit verschifft, in der die USA iranische Schiffe passieren liessen. Das Öl verkaufte die Islamische Republik mit seiner Schattenflotte für Milliarden Dollar vornehmlich an China.
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Doch seitdem die amerikanische Seeblockade die iranischen Exporte durch die Strasse von Hormuz verhindert, gehen auch die gelagerten Rohöl-Bestände auf Schiffen in Asien zur Neige. Die weltweiten Ölmengen, die sich in Asien auf Schiffen befinden, zeigen nach unten – ein Grossteil dieses Bestands stammte aus Iran. Laut dem «Wall Street Journal» ist der schwimmende Vorrat Irans in Fernost nahezu vollständig aufgebraucht.
Das amerikanische Regionalkommando für den Nahen Osten, Centcom, teilte vor wenigen Tagen mit, dass Iran seit Beginn der Blockade Erdöl im Wert von 25 Milliarden Dollar nicht mehr verkaufen konnte. Dies entspricht ungefähr einem Viertel des iranischen Staatshaushalts.
Iran wird nicht klein beigeben
«Niemand ist überrascht, dass der wirtschaftliche Schaden in Iran jeden Tag zunimmt», sagt Alex Vatanka, Iran-Analytiker des Middle East Institute in Washington im Gespräch. «Aber das heisst nicht, dass der Schaden so gross ist, dass die Iraner zu Donald Trump gehen und ihm alles geben, was er will.»
Die Gründe für die Sturheit sind vielfältig. Denn einerseits gelingt es dem iranischen Regime, die Kosten des Kriegs über die hohe Inflationsrate an die Bevölkerung weiterzugeben und weiterhin genug Mittel für den Sicherheitsapparat bereitzustellen. Andererseits dürften die Verbündeten der Islamischen Republik Teheran hinter den Kulissen unter die Arme greifen.
«Das Ende des iranischen Ölvorrats auf See ist bedeutend», gesteht Darius Barik von der Denkfabrik Bourse and Bazaar. «Denn damit verliert Iran seine letzte grosse Quelle von dringend benötigten Devisen.» Seitdem der Kurs des iranischen Rial im freien Fall ist, benötigt Teheran harte Währung aus dem Ausland noch dringender als zuvor. Doch glaubt auch der Berater für Geopolitik nicht, dass jetzt ein Kipppunkt überschritten ist, der Teheran zum Einlenken zwingt.
Iran hat bereits Massnahmen ergriffen, um Importe und so den Abfluss von Devisen zu verringern. Ende September hat der iranische Präsident etwa verboten, Luxusautos einzuführen. Durch die steigende Inflation konsumieren iranische Haushalte weniger, was ebenfalls zu geringeren Importen führt und die Nachfrage nach Auslandswährung verringert.
Ausserdem sei die iranische Wirtschaft wegen der schon lange anhaltenden Sanktionspolitik gegen das Land an Druck gewöhnt und könne diesen auffangen, sagt Barik: «Der Rückgang des BIP in Iran im ersten Quartal 2026 ist massiv, aber im Vergleich zum Wirtschaftseinbruch in der Ukraine nach Beginn des Kriegs vergleichsweise klein.»
Während Irans Wirtschaft zwischen März und Juni um rund 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum schrumpfte, ging das ukrainische Bruttoinlandprodukt im Jahr 2022 um etwa 30 Prozent zurück. Ebenfalls hält Barik die Wahrscheinlichkeit eines Volksaufstandes wegen der ökonomischen Lage für gering. «Viele Menschen in Iran konzentrieren sich derzeit vor allem darauf, über die Runden zu kommen, anstatt massenhaft zu protestieren.»
«Psychologisch gesehen ist der schwindende Erdölbestand auf See nicht der Punkt, der Iran zum Einlenken bringt», sagt auch der Iran-Experte Vatanka. «Dass der Ölexport über See zu Ende gehen wird, ist schon seit Beginn der Blockade eine Realität, die Iran eingepreist hat.» Vatanka geht zudem davon aus, dass China und Russland Iran mit Kreditlinien finanziell unterstützen, damit es nicht unter dem amerikanischen Druck zusammenbricht.
Ein neuer Krieg dürfte strategisch kaum etwas ändern
Auch die USA scheinen nicht zu glauben, dass die Blockade allein Iran in die Knie zwingt. Am Donnerstag drohte Donald Trump erneut mit weiteren Angriffen gegen die Islamische Republik. «Wir haben sie ordentlich verprügelt», sagte der amerikanische Präsident zu Reportern im Weissen Haus. «Und vielleicht legen wir noch ein bisschen nach.»
In der Vergangenheit hatte Trump bereits gedroht, iranische Energieinfrastruktur oder die Erdölterminals auf der Insel Kharg zu bombardieren, falls der Krieg wieder aufflammt. Mohsen Rezai, der Sekretär des iranischen Rats für nationale Sicherheit, kündigte am Donnerstag an, dass Teheran im Kriegsfall Rechenzentren für KI und andere technologische Infrastruktur in den Golfstaaten beschiessen werde.
Ebenso scheint Israel einen neuen Schlagabtausch vorzubereiten. Das Nachrichtenportal «Axios» berichtete, dass Dutzende Kampfjets des jüdischen Staates zu Beginn der Woche über Syrien und Irak an die iranische Grenze geflogen seien. Gemäss der «Financial Times» hatte Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sogar neue Angriffe vorbereiten lassen, die allerdings von Donald Trump gestoppt wurden.
Im Kriegsfall dürfte Teheran noch weiter eskalieren, als zuvor, meint Alex Vatanka. Der Iran-Experte schliesst etwa den Einsatz chemischer Waffen gegen Israel nicht aus, falls die Regierung in Jerusalem dem Krieg beiträte. Und falls die USA und Israel Iran mit einer weiteren heftigen Bombenkampagne überziehen würden, bleibe es unwahrscheinlich, dass Teheran einknicke: «Dieses Regime befindet sich in einem existenziellen Krieg», sagt Vatanka. «Selbst wenn die USA die Insel Kharg in die Luft sprengen, wird Iran keinen Kompromiss eingehen.»
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Rewert Hoffer
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