Gerhard Pfister, Natalie Rickli oder Magdalena Martullo-Blocher – weshalb das Bundesratsamt bei vielen Spitzenpolitikern kein inneres Feuer mehr entfacht
Schon zum zweiten Mal dominieren prominente Absagen die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger im Bundesrat. Bis vor einigen Jahren war ein Verzicht die Ausnahme.
22.10.2026, 05.30 Uhr
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Kameras in der Wandelhalle bei einer Bundesratswahl: Der mediale Druck hat zugenommen.
Keystone
Johann Jakob Stehlin war National- und Ständerat und zweimaliger Präsident der grossen Kammer. Am 11. Juli 1855 wurde Stehlin, eine Basler Grösse aus dem «Daigg», im vierten Wahlgang mit 83 Stimmen als Nachfolger von Josef Munzinger in den Bundesrat gewählt. Doch Stehlin nahm die Wahl nicht an. Er zog es vor, in Basel als Bürgermeister zu wirken. Mit den Worten «Jo, wisse Si, mir sinn halt nit so ambiziees» soll Stehlin seinen Verzicht gemäss Überlieferung begründet haben.
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Wahrscheinlicher ist, dass er in seiner Heimatstadt ganz einfach mehr verdiente. Die Episode wirkt wie ein Vorläufer für das, was die SVP derzeit erlebt: Reihenweise sagen Favoriten und Hoffnungsträgerinnen ab – inzwischen sind es mit Esther Friedli, Natalie Rickli, Magdalena Martullo-Blocher und Pascal Schmid bereits vier. Stets sind die Erklärungen ähnlich: Andere berufliche und politische Pläne gehen vor.
Die SVP ist bereits die zweite Partei, die diese Erfahrung macht: Bei der Wahl der Nachfolge der Mitte-Bundesrätin Viola Amherd zogen sich nach kurzer Bedenkfrist Persönlichkeiten wie Gerhard Pfister oder Philipp Matthias Bregy zurück, obwohl deren Interesse am Bundesratsamt als gesichert galt. Schliesslich blieben nur zwei Bewerber übrig: der Bauernpräsident Markus Ritter und der Zuger Regierungsrat Martin Pfister, der auf nationaler Ebene kaum bekannt war. Entgegen den anfänglichen Erwartungen setzte sich Pfister durch.
Jeder hielt sich selbst für am besten geeignet
Die Gründe für die Absagen mögen individuell unterschiedlich gelagert sein, doch die Tendenz ist bemerkenswert. Während Jahrzehnten galt das Bundesratsamt für viele Politikerinnen und Politiker als Krönung ihrer Karriere. Es kursierte sogar das Bonmot, dass die eidgenössischen Räte aus 246 Möchtegern-Bundesräten bestünden.
Schon zu den Anfangszeiten des Bundesstaates gab es zwar vereinzelt Politiker, die nach ihrer Wahl das Amt nicht antraten – meist aus gesundheitlichen oder beruflichen Gründen. Zwischen 1875 und 1881 nahmen gleich drei Personen die Wahl nicht an. Doch von da an dauerte es 112 Jahre bis zum nächsten Verzicht – einem politischen Ausnahmefall: 1993 schlug der Neuenburger SP-Nationalrat Francis Matthey auf Druck seiner Partei die Wahl aus, nachdem die von der Partei favorisierte Christiane Brunner nicht gewählt worden war.
In den ersten Jahrzehnten des Bundesstaates und bis weit ins 20. Jahrhundert gehörte es für die gebildete und wirtschaftliche Elite zum Selbstverständnis, öffentliche Ämter zu übernehmen. Das Bundesratsamt war in dieser Optik nicht nur ein persönlicher Karrieresprung. Es war mit einer staatspolitischen Verpflichtung verbunden, die gesellschaftlich deutlich stärker verankert war als heute.
Gleichzeitig war die parteiinterne Kandidatenauswahl weniger formalisiert, und die Präsentation der Nominierten wurde medial kaum inszeniert. Vieles geschah im Hintergrund, in parteiinternen Gremien. Personen, die wenig Interesse an einer Wahl hatten, gelangten deshalb nicht automatisch in den Fokus der Öffentlichkeit, publikumswirksame Absagen waren nicht an der Tagesordnung. Zu offiziellen Zweiertickets, die von den Parteien unter Beobachtung der Medien zusammengestellt wurden, kam es zwar vereinzelt schon ab den späten 1970er Jahren. Sie etablierten sich aber erst nach der turbulenten Wahl von 1993.
Die Familie geht vor
Zwar gab es auch früher Politiker, die als mögliche Bundesräte gehandelt wurden, dann aber offiziell absagten. Als bei der Bundesratswahl von 1999 gleich zwei CVP-Sitze neu besetzt wurden, winkte auch ein Favorit ab. Der St. Galler CVP-Politiker Eugen David galt jahrelang als möglicher Bundesrat, trat aber nicht an, weil mit Ruth Metzler und Rita Roos bereits zwei Frauen aus der Ostschweiz im Rennen waren. Doch solche öffentlich wahrgenommenen Verzichtserklärungen waren die Ausnahme.
Das änderte sich nach der Jahrtausendwende. Mit der zunehmenden Personalisierung und der politischen Polarisierung wuchsen die Belastung und der mediale Druck. Bundesräte bewegten sich vermehrt im Spannungsfeld zwischen Parteipolitik und Konkordanz. Parteipolitische Angriffe auf Regierungsmitglieder häuften sich.
Die Parteien versuchten stärker Einfluss auf den Kurs ihrer Bundesräte zu nehmen. Samuel Schmid wurde von seiner Partei wegen seiner politischen Positionen sogar als «halber SVP-Bundesrat» kritisiert und von Teilen seiner eigenen Partei zunehmend isoliert. Didier Burkhalter begründete seinen Rücktritt unter anderem damit, dass die Haltung des Regierungskollegiums sich zunehmend von seinen persönlichen Grundwerten entfernt habe. Mit dem Bedeutungsgewinn der Person hinter dem Amt rückten auch persönliche Eigenschaften und Lebensentwürfe verstärkt in den Vordergrund.
Gleichzeitig sind Topjobs in der Wirtschaft zur attraktiven Alternative zum Bundesratsamt geworden, nicht zuletzt finanziell. Auch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird für Bundesratskandidatinnen und -kandidaten wichtiger. So wollten Andrea Caroni (FDP) und Pirmin Bischof (Mitte) 2018 wegen der kleinen Kinder nicht antreten. Der frühere Thurgauer SVP-Nationalrat Peter Spuhler wurde wiederholt als möglicher Bundesrat gehandelt, verzichtete aber als Unternehmer stets auf eine Kandidatur.
Die jüngsten Absagen bei der SVP stehen damit für eine Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet. Das Bundesratsamt ist für Schweizer Politikerinnen und Politiker nicht mehr das Mass aller Dinge. Kaum ein Politiker drückte das so bildhaft aus wie der Bündner Martin Candinas, der 2025 lange als ein Favorit für die Nachfolge von Amherd galt. So reizvoll das Amt sei, es entfache «kein inneres Feuer» in ihm, vermeldete er – und sagte trotz guten Aussichten ab.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Gerny
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