Interview

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Er habe schon längst begonnen, aber er verlaufe anders, als wir ihn uns vorstellten, sagt der Forscher Bleddyn E. Bowen.

23.10.2026, 05.05 Uhr

13 Leseminuten


Frage: Vor wenigen Wochen verkündete das amerikanische Militär, Waffen im Weltraum zu haben. Und gerade erst klagte das ukrainische Militär, es werde auf dem Schlachtfeld behindert, weil es angeblich Verbindungsprobleme mit Starlink und dessen militärischer Version Starshield hatte. Erleben wir gerade den Beginn des Zeitalters der Weltraumkriege?

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Antwort: Nein, diese Dinge sind seit Jahrzehnten Realität. Antisatellitenwaffen etwa haben eine sehr lange Geschichte. Sie sind fast so alt wie das Raumfahrtzeitalter selbst. Und ähnliche Diskussionen wie jetzt in der Ukraine gab es auch nach dem Golfkrieg von 1991.

Frage: Ein russischer Satellit näherte sich vor kurzem bis auf wenige hundert Meter einem amerikanischen Satelliten, der vermutlich der Ukraine militärisch hilft. Es sah aus wie eine Jagdszene. Solche Manöver sind doch neu, oder nicht?

Antwort: Es ist wohl der am besten dokumentierte Fall, in dem ein Satellit seinem Ziel so nahe kam. Wir haben aber in den letzten rund zehn Jahren viele russische und chinesische Annäherungsmanöver dokumentiert. Auch die USA haben Inspektionssatelliten im Einsatz, die nahe an andere Objekte heranfliegen, aber viele Details sind geheim. Bei den chinesischen Satelliten der sogenannten SJ-Serie wurde ausserdem beobachtet, wie einer als eine Art Weltraumschlepper einen ausgedienten chinesischen Satelliten packte. Er schleppte ihn aus der geostationären Umlaufbahn in eine höhere Umlaufbahn.

Frage: Die USA sprachen davon, dass sie «Weltraumkontrollwaffen» im Orbit stationiert hätten. Was genau könnten sie damit gemeint haben?

Antwort: Am wahrscheinlichsten ist eine Plattform für elektronische Kriegsführung. Also Satelliten, die die Elektronik anderer Satelliten stören können.

Frage: Jahrzehntelang folgte man einem Prinzip der Abschreckung im Verborgenen. Warum geht das Pentagon gerade jetzt damit an die Öffentlichkeit?

<strong>Bleddyn E. Bowen</strong>

Pd

Bleddyn E. Bowen ist Professor für Astropolitik an der Universität Durham. Er hat mit «Original Sin: Power, Technology and War in Outer Space» und «War in Space: Strategy, Spacepower, Geopolitics» zwei Standardwerke zum Thema verfasst.

Antwort: Die US-Regierung richtet sich an die amerikanische Bevölkerung. Sie will zeigen, dass man aktiv ist. Wer glaubt, dass damit ein abschreckendes Signal an die Russen und Chinesen gesendet werden sollte, irrt sich. Wenn die russischen oder chinesischen Militärgeheimdienste nicht bereits wussten, dass die Amerikaner über diese Systeme verfügen, leisten sie keine gute Arbeit.

Frage: In Ihrem Buch «Original Sin» argumentieren Sie, dass die Raumfahrt von Anfang an von militärischen Zielen angetrieben wurde . . .

Antwort: . . . und die zivile Raumfahrt eigentlich nur ein Nebenprodukt war, genau. Bis in die 1950er Jahre waren Raketen sehr unberechenbare, unerprobte und schwer zu handhabende Technologien. Dann gab es die Aussicht, Raketen für thermonukleare Bomben einsetzen zu können, und das rechtfertigte quasi unbegrenzte Investitionen. Diese Raketen ermöglichten dann erst die Nutzung des Weltraums für andere Zwecke, also nicht nur für den Transport von Atomwaffen. Nur aus reiner Neugierde für wissenschaftliche Projekte solche Raketen zu entwickeln, wäre viel zu teuer gewesen.

Der amerikanische Atomwaffentest «Starfish Prime» erzeugte künstliche Polarlichter, hier von Honolulu aus gesehen.

Der amerikanische Atomwaffentest «Starfish Prime» erzeugte künstliche Polarlichter, hier von Honolulu aus gesehen.

U. S. Department of Defense

Frage: Den vorläufigen Höhepunkt dieser Militarisierung bildeten in den 1960er Jahren Atomwaffentests im Weltraum. Was haben die USA und die Sowjets damals aus den Tests gelernt?

Antwort: Dass Atombomben im Weltall zu zünden eine richtig dumme Idee ist. In jeglicher Hinsicht. Der berüchtigtste Test war der «Starfish Prime»-Test. Eine Bombe mit einer Sprengkraft von 1,4 Megatonnen, rund hundertmal so stark wie jene von Hiroshima, wurde in 400 Kilometern Höhe gezündet. In Hawaii, 1450 Kilometer entfernt, wurden Strassenlampen, Telefonstationen und Alarmanlagen durch den elektromagnetischen Impuls zerstört.

Frage: Strassenlampen und Alarmanlagen wären jetzt noch verkraftbar.

Antwort: Die Strahlung, die von «Starfish Prime» und einem späteren sowjetischen Test freigesetzt wurde, vernichtete auch einen Drittel aller aktiven Satelliten. Darunter Grossbritanniens allerersten Satelliten, Ariel 1. Diese Lektion floss dann in den Atomteststoppvertrag von 1963 ein, in dem man Atomwaffentests nicht nur in Ozeanen oder in der Atmosphäre, sondern auch im Weltraum verbot.

Zwischen Forschung und Aufrüstung: Ein Techniker begutachtet 1963 ein Modell des britischen Satelliten UK-3, der später in Ariel 3 umbenannt und 1967 ins All geschickt wurde.

Zwischen Forschung und Aufrüstung: Ein Techniker begutachtet 1963 ein Modell des britischen Satelliten UK-3, der später in Ariel 3 umbenannt und 1967 ins All geschickt wurde.

Terry Fincher / Hulton / Getty

Frage: 1967 folgte dann der Weltraumvertrag, im Grunde das kosmische Völkerrecht.

Antwort: Ja, wobei es eigentlich einfach ein simpler Rüstungskontrollvertrag ist. Die USA und die Sowjetunion vereinbarten, keine Atomwaffen und andere Massenvernichtungswaffen in die Umlaufbahn zu bringen. Und einigten sich, den Mond und andere Himmelskörper nicht militärisch zu nutzen. Aber andere Waffentypen im Orbitraum? Kein Problem. Raketen, die mit Atombomben den Weltraum durchqueren? Absolut in Ordnung. Satelliten für militärische Zwecke? Sicher doch.

Frage: Die Sowjetunion hatte damals schon Satelliten mit Waffen im Weltraum.

Antwort: Genau, die Istrebiteli Sputnikow, sogenannte Satellitenzerstörer. Dabei handelte es sich um manövrierfähige Satelliten in einer niedrigen Erdumlaufbahn. Sie sollten einen anderen Satelliten verfolgen oder auf der richtigen Umlaufbahn abpassen. Und auf Befehl feuerten sie Projektile auf den Zielsatelliten ab.

Frage: Im Grunde wie eine Kanone.

Antwort: Eher wie eine richtig teure Schrotflinte.

Frage: Wie reagierten die USA auf diese Art von Bedrohung?

Antwort: Recht gelassen, da der erwartete Nutzen in einem Atomkrieg ziemlich begrenzt war. Der wirkliche Nutzen von Satelliten zeigte sich erst so richtig im Golfkrieg 1991.

Frage: Sie nannten das den ersten Weltraumkrieg.

Antwort: Die Amerikaner hatten eine zahlenmässig kleinere Streitkraft geschickt, zumindest glaubten sie das, weil sie die Iraker falsch einschätzten. Aber die Amerikaner wurden mit Satelliteninformationen aus dem Weltraum versorgt und unterstützt. Der technologische Unterschied war gigantisch: Eine grosse mechanisierte Armee mit massierten Verbänden war einer Armee mit Weltraumunterstützung nicht gewachsen. Die Amerikaner hatten mehr Probleme mit Friendly Fire als mit irakischem Beschuss.

Frage: Wie reagierten die Chinesen und die Russen darauf?

Antwort: Es war für die Sowjetunion und China beunruhigend zu beobachten. Der Irak hatte deren Modell übernommen und die Streitkräfte auf grosse mechanisierte Verbände ausgerichtet. Die Sowjetunion war auch der Hauptlieferant der Iraker. Nun erkannten sie, dass sie ihre konventionellen Kriegspläne gegen westliche Streitkräfte überdenken mussten. Gerade China investierte verstärkt in Weltraumsysteme und kopierte die Amerikaner. Mit dem Unterschied, dass die Chinesen nicht kampferprobt sind.

Frage: Viele Militärstrategen schlossen aus diesen Erfahrungen, dass der Weltraum quasi die optimale Position auf dem Schlachtfeld sei. Wer den Weltraum beherrscht, kontrolliert die Erde. Sie nannten das in einem Interview «gefährlichen Unsinn». Warum?

Antwort: Wir können zuerst einfach einmal ein paar Beispiele durchgehen. Die Taliban konnten zwar gegen die Satelliten der Amerikaner nichts ausrichten, aber was ist dann in Afghanistan passiert? Und wer hat im Irak gewonnen? Heute ist das Land quasi ein iranischer Stellvertreterstaat. Und dann ist da Iran selbst, das zwar etwas Unterstützung erhalten dürfte von den Russen, aber kaum nennenswerte eigene Weltraumsysteme besitzt. Und den Iranern ist es trotzdem gelungen, die Amerikaner quasi aus dem Golf zu vertreiben.

Frage: Also: Weltraumkontrolle alleine genügt nicht.

Antwort: Genau. Sogar wenn der Gegner gar nichts unternimmt, um die Weltraumsysteme zu zerstören, kann dieser bestehen, wenn er denn klug agiert, Zeit zur Vorbereitung, eine eigene gute Strategie und vielleicht noch etwas Glück hat. Dann bedeutet die Kontrolle über den Weltraum längst nicht die Kontrolle über die Welt.

Frage: Sie sagen, die Obsession mit dem Weltraum rühre von mangelhaften Geschichtskenntnissen her.

Antwort: Viele heutige Militärstrategen vergleichen den Weltraum strategisch mit einem Ozean. Das halte ich für falsch.

Frage: Was heisst das: Der Weltraum ist ein Ozean?

Antwort: Man stellt sich den Weltraum als riesige, leere Weite vor, die niemandem gehört, wie die hohe See, und auf der es vor allem darum geht, die Verkehrswege zu kontrollieren. Dann denkt man plötzlich in Flotten, Stützpunkten und Engpässen und träumt von der grossen Entscheidungsschlacht um die Vorherrschaft im All. Wer diese Schlacht gewinnt, so die Logik, hat die Erde im Griff. Genau wie bei den Ozeanen, da dachte man auch: Wer das Meer kontrolliert, kontrolliert die ganze Welt. Dabei stimmte nicht einmal das.

Frage: Wieso?

Antwort: Selbst auf dem Höhepunkt der britischen See- und Kolonialmacht, sagen wir in den Jahren 1850 bis 1900, kontrollierte Grossbritannien nicht die ganze Welt. Es war zwar das mächtigste Imperium der Welt, aber es hatte beispielsweise keine Kontrolle darüber, was Russland in Zentralasien tun konnte. Es hatte keinen Einfluss darauf, was Japan in seinem entstehenden Imperium tat. Und es konnte auch nicht den Aufstieg der USA verhindern.

Der Krieg im All entscheidet sich auch am Boden: Ein ukrainischer Soldat testet die Fernsteuerung eines Anti-Drohnen-Systems.

Der Krieg im All entscheidet sich auch am Boden: Ein ukrainischer Soldat testet die Fernsteuerung eines Anti-Drohnen-Systems.

Dominic Nahr / NZZ

Frage: Aber ist nicht gerade jetzt die Situation der Ukraine ein Gegenbeispiel? Solange sie Zugriff auf Satellitendaten der USA hat und auf das Satelliteninternet von SpaceX hat, kann sie gegen die Russen bestehen, obwohl sie an Masse unterlegen ist. Und sobald diese Unterstützung wegfällt, wird es prekär.

Antwort: Die Weltraumunterstützung durch die USA und SpaceX ist ein wirklich wertvolles und wichtiges Gut für die Ukrainer, aber es ist nicht ihr einziger Trumpf. Sie haben vermutlich auch ein paar eigene Satelliten. Und die Ukrainer sind in vielen Dingen gut, beherrschen unterschiedliche Strategien. Natürlich ist die Starshield-Abhängigkeit ein Problem für die Ukraine. Ohne sind sie definitiv schwächer, aber die Ukraine wird nicht über Nacht zusammenbrechen.

Frage: Wenn der Weltraum nicht der nächste Ozean ist, wie müssen wir ihn dann verstehen?

Antwort: Wir müssen ihn uns, und vor allem die nähere Erdumlaufbahn, wie eine Küstenumgebung vorstellen. Diese Zone beginnt in etwa 100 Kilometern Höhe. Und mit dieser Zone besteht eine sehr enge Wechselwirkung von der Erde aus: Satelliten oder Raumstationen, die sich dort befinden, können von der Erde aus bedroht sein. Durch bodengestützte Antisatellitensysteme zum Beispiel. Zugleich könnten diese Anlagen wiederum stets von feindlichen Satelliten, die noch etwas weiter von der Erde entfernt kreisen, bedroht werden.

Auch kleinere Mächte können den Weltraum bedrohen: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un beobachtet 2017 den Start einer Hwasong-12-Rakete.

Auch kleinere Mächte können den Weltraum bedrohen: Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un beobachtet 2017 den Start einer Hwasong-12-Rakete.

KCNA/EPA

Frage: Dann gibt es aber einen Unterschied zum Schifffahrtsvergleich. Nicht alle Länder haben einen Meerzugang. Aber alle Staaten grenzen physisch an den Weltraum.

Antwort: Das heisst, dass alle diesen Küstenbereich nutzen können. Der Weltraum ist eben nicht ein Ozean, auf dem nur die grossen Seekräfte kämpfen können. Nordkorea kann Raketen hochschiessen, die nicht besonders komplex sind, oder eine Atombombe im Weltall zünden und alle Satelliten ausschalten. Es kann den Weltraum für viele Menschen zerstören, ohne selbst eine grosse Weltraummacht sein zu müssen.

Frage: Wenn Laien an Krieg im Weltraum denken, stellen sie sich meist etwas wie «Star Wars» vor, wo irgendein Raumschiff explodiert. Aber wie sähe eine Schlacht im Orbit aus Sicht der Orbitalmechanik tatsächlich aus?

Antwort: Das könnte passieren. Es könnte zu Explosionen kommen. Aber dann gäbe es eine Menge Trümmer und damit einhergehende Kollateralschäden.

Frage: China zerstörte 2007 einen eigenen Satelliten, dessen Trümmerteile noch Jahrzehnte in der niedrigen Erdumlaufbahn fliegen werden.

Antwort: Genau. Natürlich wären auch Atomexplosionen im Weltraum immer noch denkbar, ebenso wie Satelliten mit Greifarmen oder Rammangriffe. Was aber bereits stattfindet, sind elektronische Kriegsführung und Cyberoperationen. Solche Angriffe kann man auch länger geheim halten, den Feind im Ungewissen lassen. Idealerweise behält man solche Fähigkeiten bis zum allerersten Einsatz geheim, so dass man dann die grösste Wirkung erzielt. Wir wissen also einfach nicht, was alles möglich ist und was passieren wird.

Die Popkultur stellte sich den Krieg im All schon früh erstaunlich konkret vor: Im James-Bond-Film «Man lebt nur zweimal» von 1967 öffnet das Raumfahrzeug des Bösewichts seine Spitze, um eine amerikanische Raumkapsel einzufangen und einen K

Die Popkultur stellte sich den Krieg im All schon früh erstaunlich konkret vor: Im James-Bond-Film «Man lebt nur zweimal» von 1967 öffnet das Raumfahrzeug des Bösewichts seine Spitze, um eine amerikanische Raumkapsel einzufangen und einen Krieg zwischen den Supermächten zu provozieren.

Eon Productions

Frage: Sie sprachen von Trümmerfeldern. Wissenschafter sprechen hier vom Kessler-Syndrom, dass also Trümmerteile auf andere Trümmerteile treffen und so immer grössere Wolken an kleinen Trümmern den Weltraum quasi für alle unzugänglich machen. Hält diese Möglichkeit nicht alle Staaten von solchen Angriffen auf Satelliten ab?

Antwort: Die Risiken eines Kessler-Syndroms sind physikalisch noch nicht abschliessend geklärt. Es ist zum Beispiel unklar, ob wir nicht bereits einen Kipppunkt erreicht haben, was ein unkontrolliertes Anwachsen der Weltraummüllmenge angeht, selbst wenn wir morgen alle regulären Weltraumstarts einstellen. Aber es ist auch nicht so, dass plötzlich etwas passiert und wir dann den Weltraum nicht mehr nutzen könnten. Wenn ich ein chinesischer Kriegsplaner wäre, der Taiwan im Blick hätte, wäre mir die Weltraumverschmutzung egal. Ich würde die amerikanischen Satelliten zerstören, um den Krieg in sechs Monaten zu gewinnen.

Frage: In Ihrem Buch «War in Space» analysieren Sie dieses Kriegsszenario mit Taiwan. Viele amerikanische Analysten befürchten eine Art «Pearl Harbor im Weltraum», einen massiven chinesischen Erstschlag gegen Satelliten der USA. Zu Recht?

Antwort: Ein «Weltraum-Pearl-Harbor» ist durchaus denkbar. Aber es ist nur eine Möglichkeit. Die Chinesen könnten sich auch sagen, wir behalten uns einen solchen Angriff für später im Konflikt in der Hinterhand.

Greifarme im All können bergen – oder zur Waffe werden: Die Darstellung zeigt eine geplante Mission von ESA und ClearSpace, die Weltraumschrott einfangen soll.

ClearSpace/ESA

Frage: Warum könnte es für China klüger sein, zu Beginn eines Konflikts einige oder gar alle amerikanischen Satelliten unberührt zu lassen?

Antwort: Nehmen wir an, den Chinesen gelänge es, die taiwanischen Inseln vor dem chinesischen Festland wie Quemoy und Matsu einzunehmen und im nächsten Schritt ganz Taiwan abzuriegeln. Die Amerikaner würden ihre Truppen in Japan, Guam und Korea zusammenziehen und sich auf eine Konfrontation mit der Marine der Volksbefreiungsarmee vorbereiten, um die Blockade zu durchbrechen. Und für das brauchten sie die einwandfreie Funktion all ihrer Weltraumsysteme.

Frage: Okay . . .

Antwort: Wenn also die amerikanischen Streitkräfte im Einsatzgebiet wären und auf die Infrastruktur der chinesischen Marine oder des chinesischen Festlands vorrückten, dann wäre das der ideale Zeitpunkt für einen chinesischen Angriff auf die Satellitensysteme. Die Amerikaner wären anfällig für Gegenangriffe, hätten nicht viel Zeit, sich anzupassen.

Frage: Manche dieser Satelliten dienen auch als Frühwarnsysteme für nukleare Interkontinentalraketen. Besteht die Gefahr, einen Atomkrieg auszulösen, wenn man einige dieser Satelliten ausschaltet?

Antwort: Ja, das ist ein Risiko. Das hängt sehr davon ab, was man anvisiert, wie es geschieht und in welchem Kontext es geschieht.

Frage: Wird Starlink eigentlich zum legitimen Angriffsziel, wenn es von Militärs genutzt wird?

Antwort: Zivile Ziele, Zivilisten und zivile Infrastruktur, werden im Krieg immer angegriffen. Auch die private Lieferung von Kriegsmaterial ist nichts Neues.

Frage: Europa plant mit Iris nun ein eigenes System. Wie lange dürfte es dauern, bis Europa ein solches System aufgebaut hat?

Antwort: Zehn Jahre. Und das setzt voraus, dass Europa es schafft, seine Angelegenheiten in den Griff zu bekommen und auf politischer Ebene kohärent zu handeln. Frankreich und Deutschland streiten sich immer noch um nationale Industrien. Gerade ist der Versuch gescheitert, gemeinsam ein Kampfflugzeug zu entwickeln. Das ist ein wirklich schlechtes Omen für die Zukunft.

Frage: Immerhin, könnte man argumentieren, ist Europa im Weltall weniger erpressbar. Die USA sind im Kriegsfall ja viel stärker auf Weltrauminfrastruktur angewiesen, etwa auch im Vergleich zu Russland.

Antwort: Das ist ein weitverbreiteter Irrtum, der nun überall diskutiert wird. Man denkt: «Russland hat ja nichts zu verlieren. Deshalb könnte es eine Atombombe im Weltraum zünden und alle Satelliten zerstören.» Nein, Russland hat selbst immer noch 350 Satelliten im All, mehr als Japan und Indien. Und diese Satelliten sind für das Funktionieren des russischen Staates, sowohl des zivilen als auch des militärischen, absolut unerlässlich.

Frage: Inwiefern?

Antwort: In Sibirien, dem asiatischen Landesteil, sind Satellitenkommunikationsnetze für die Fernsehübertragung unabdingbar, und das Fernsehen spielt nach wie vor eine zentrale Rolle im russischen Alltag der Zivilbevölkerung sowie in der staatlichen Kommunikation und Kontrolle. Verliert Russland viele dieser Systeme, verliert der russische Staat einen wichtigen Teil seiner Funktionsfähigkeit. Daher wird Russland nicht einfach mit einer Atombombe alle Satellitensysteme angreifen.

Auch Russland ist auf Satelliten angewiesen: Eine Sojus-Rakete startet im November 2024 vom russischen Weltraumbahnhof Wostotschny und bringt Satelliten ins All.

Roscosmos/Reuters

Frage: Was ist denn von Gerüchten um russische Satelliten zu halten, die Atomwaffen tragen sollen, etwa Kosmos 2553?

Antwort: Ach, das ist doch nur eine alberne Geschichte. Ein amerikanischer Kongressabgeordneter hat etwas Vages gesagt, da er eine vertrauliche Information erhalten hatte, die er aber gar nicht richtig verstanden hat. Ich denke, Folgendes ist passiert: Die Russen haben einen Satelliten getestet und ins All geschickt, der möglicherweise eine Atombombe tragen könnte. Aber sie haben keine Bombe daran angebracht. Der Weltraum ist eine extrem raue Umgebung. Wenn man dort oben eine Atombombe platziert und sie fünfzehn Jahre lang ohne Wartung um die Erde kreisen lässt, wie sicher kann man sich sein, dass sie morgen noch funktioniert, wenn man den Knopf drückt?

Frage: Keine Ahnung . . .

Antwort: Exakt. Die Russen sind sehr gut darin, bestimmte Militärtechnologien zu testen und sie dann aufzubauschen, und die westlichen Medien schlucken das alles. Schauen Sie sich die Kinschal-Hyperschallrakete an. Mein Gott, das ist die am meisten gehypte Rakete aller Zeiten, und dabei ist sie nur eine weitere Rakete.

Frage: Eine tödliche Rakete.

Antwort: Natürlich, eine grosse tödliche Rakete. Aber wir haben eine regelrechte phallische Obsession mit diesen russischen Raketen. Und natürlich ist es furchtbar, wenn damit Ukrainer getötet werden. Aber die Russen brauchen das gar nicht aufzubauschen. Wenn sie uns mit Atomwaffen angreifen wollen, können sie das bereits jetzt jederzeit tun.

Frage: Was halten Sie von den Plänen, einen Atomreaktor auf dem Mond oder eine Mondbasis zu bauen?

Antwort: Das hat keine militärische Relevanz. Alles auf dem Mond ist wirtschaftlich und militärisch irrelevant, sei es für Strategie, nationale Sicherheit, Krieg oder das nationale Überleben. Es gibt viele Orte auf der Erde, die angesichts der aktuellen Energiekosten einen Atomreaktor gut gebrauchen könnten. Vergessen Sie den Mond. Er ist quasi eine sehr teure und unwirtlichere Antarktis. Und es gibt dort nichts, worüber es sich lohnen würde, einen massiven geopolitischen Streit auszutragen. Noch nicht. Und auch in absehbarer Zeit nicht.

Frage: Und Elon Musks Pläne für den Mars?

Antwort: Elon Musk ist meiner Meinung nach herzlich willkommen, zum Mars zu fliegen. Ich wünsche ihm alles Gute in diesem Bestreben. Das mit dem Mars ist reine Utopie, zumindest was die Pläne von SpaceX angeht. Der Mond ist für die bemannte Raumfahrt viel einfacher zu bereisen als der Mars, und selbst dort tun wir uns noch schwer, Projekte in grossem Massstab durchzuführen.

Frage: Trump hat die Idee Reagans mit dem Golden Dome wiederbelebt. Steuern wir unaufhaltsam auf ein Wettrüsten im Weltraum zu?

Antwort: Es ist ja nicht so, dass die Menschen nicht verstünden, dass ein Krieg im Weltraum für viele Menschen schlecht sein wird. Aber die Gefahr ist eigentlich eine ganz andere. Wir sprechen üblicherweise von den Rüstungswettläufen vor dem Ersten Weltkrieg zwischen Deutschland und England bei der Marine. Oder in den 1950er und 1960er Jahren zwischen den Sowjets und den USA. Aber niemand hat je wirklich definiert, was ein Wettrüsten genau ist.

Frage: Wieso brauchen wir dafür eine genaue Definition?

Antwort: Weil es gefährlich wird, wenn plötzlich die eine oder die andere Seite glaubt, dass sie sich in einem Wettrüsten befindet. Das ist der Moment, in dem die Sache ausser Kontrolle gerät. Dann sieht man keinen Ausweg mehr ausser: vorwärts.

Frage: Sie erforschen das Thema seit fünfzehn Jahren. Nie war die Aufmerksamkeit für Ihr Gebiet grösser als jetzt. Wie finden Sie das?

Antwort: Oh, es ist nie ein gutes Zeichen, wenn ich ständig mit Journalisten spreche. Das bedeutet, dass etwas Schlimmes passiert. So ist das eben, wenn man Kriegsexperte ist.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael Schilliger

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