Gastkommentar
Jan Kapusnak
Unzählige archäologische Funde belegen die jüdische Präsenz im Raum Israel – die Palästinenser erfinden für sich einen antiken Abstammungsmythos
Der Machtkampf um historische Legitimität wird zwischen Israeli und Palästinensern nicht nur auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Wo der jüdische Staat immer neue archäologische Funde vorweisen kann, steht die palästinensische Seite diesbezüglich mit leeren Händen da.
03.11.2026, 05.30 Uhr
6 Leseminuten
Inschrift auf Englisch, Arabisch wie auch Hebräisch: Münze aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina von 1927.
Wikimedia Commons
Eine Münze aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina von 1927 ist zu einer wiederkehrenden Trophäe in propalästinensischen Beiträgen in den sozialen Netzwerken geworden. Weil sie das Wort «Palestine» trägt, wird sie als Beweis dafür angeführt, dass vor der Gründung Israels ein souveräner palästinensischer Staat existiert habe. Palästina war jedoch eine geografische und administrative Bezeichnung für den britischen Mandatsbereich. Einen souveränen palästinensisch-arabischen Staat hat es nie gegeben. Im Jahr 1927 bezeichnete der Name ein von London verwaltetes Gebiet, dessen Palestine Currency Board die Münze herausgab.
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Die Münze trägt Inschriften auf Englisch, Arabisch und Hebräisch. Im Hebräischen folgen auf «Palästina» die Initialen für Eretz Israel, das Land Israel. Gerade jenes Objekt, das gegen jüdische Souveränität angeführt wird, trägt somit auch den historischen jüdischen Namen für das Land. Verstärkt wird die Ironie durch den Hashtag, der viele dieser Beiträge begleitet: #NumismaticTruth.
Geschichten aus uralter Zeit
Solche Behauptungen werden trotz dichtem historischem Befund weithin geglaubt. Israels Verbindung zum Land ist über drei Jahrtausende dokumentiert, wiegt in den sozialen Netzwerken aber oft weniger als ein Foto mit falscher Bildunterschrift.
Die altägyptische Merenptah-Stele erwähnt Israel um 1208 v. Chr. in Kanaan. Die Inschrift von Tel Dan aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. verweist auf das «Haus David». Hebräische Inschriften, judäische Münzen, die Schriftrollen vom Toten Meer, Ritualbäder, Synagogen und Grabstätten dokumentieren israelitische und jüdische Gesellschaften, die lange vor der Entstehung des Christentums und des Islams in diesem Land verwurzelt waren.
Einen souveränen palästinensisch-arabischen Staat hat es nie gegeben.
Neue Entdeckungen erweitern diesen Befund. Im Jahr 2025 veröffentlichten Forscher eine Studie über einen 220 Quadratmeter grossen, in den Fels gehauenen Komplex am Osthang der Jerusalemer Davidsstadt. Er wurde vermutlich zwischen etwa 2000 und 1550 v. Chr. angelegt und bis ins 8. Jahrhundert v. Chr. genutzt. Seine acht Räume enthielten einen Altar, einen aufgerichteten Kultstein, Anlagen zur Herstellung von Wein und Öl, Siegel sowie Keramik mit althebräischen Inschriften.
Archäologen deuten den Komplex als Kultstätte der Bewohner Judas zur Zeit des ersten Tempels. Seine Aufgabe könnte mit den in der Bibel beschriebenen Reformen König Hiskias zusammengehangen haben. Als einzige bekannte Jerusalemer Kultstätte aus dieser Epoche liefert er seltene materielle Zeugnisse des religiösen Lebens in Juda, während der erste Tempel noch stand.
Die Archäologie bestätigt nicht jeden biblischen Bericht, dokumentiert aber die historische Welt, in der diese Texte entstanden. Über einzelne Könige, Kriege und Heiligtümer wird gestritten. Die Sprache, die religiösen Praktiken und die politischen Gebilde des alten Israel und Juda sind jedoch keine nachträglichen zionistischen Erfindungen.
Auch nach dem Verlust der jüdischen Souveränität unter römischer Herrschaft blieb diese Verbindung bestehen. Juden lebten durch die vielen Jahrhunderte weiterhin unter oft prekären Bedingungen im Land. Um 1882 lebten etwa 25 000 Juden in Palästina, das entsprach rund 5 Prozent der damaligen Gesamtbevölkerung. Einwanderungswellen verstärkten ihre Präsenz. Jerusalem und das Land Israel blieben zentral für jüdisches Gebet, Recht und kollektive Erinnerung. Hebräisch überdauerte im religiösen und im kulturellen Leben. Der Zionismus gab dieser alten nationalen Bindung eine moderne politische Form.
Flüchtlinge nicht nur aus Europa
Grossbritannien und die Vereinten Nationen erkannten jüdische nationale Bestrebungen an, doch nicht sie waren es, die Israel schufen. Zionisten bauten die politischen, gesellschaftlichen und militärischen Institutionen auf, aus denen der Staat hervorging. Sie handelten nicht im Auftrag eines europäischen Mutterlandes. Viele waren Flüchtlinge aus Europa, andere kamen aus dem Nahen Osten und Nordafrika. Ihre Bewegung strebte nach Rückkehr und Selbstbestimmung in ihrer historischen Heimat.
Ein Grossteil des heutigen «antizionistischen» Diskurses deutet diese Geschichte um. Der Begriff «Palästinismus» bezeichnet ein ideologisches Muster, das nicht nur palästinensische Unabhängigkeit fordert, sondern jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich für illegitim erklärt. Darin erscheinen Juden als ortsfremde Siedler, deren Geschichte bestenfalls als Religion und schlimmstenfalls als Propaganda gilt. Der Widerstand gegen den jüdischen Staat lässt sich dann als «Dekolonisierung» ausgeben.
Die vergleichsweise späte Entstehung des palästinensischen Nationalismus in den sechziger Jahren spricht nicht gegen den palästinensischen Anspruch auf Selbstbestimmung. Einen palästinensischen Staat neben Israel zu fordern, ist legitim. Einer anstelle Israels indes, und das ist die Botschaft der weltweit skandierten Kampfparole «From the River to the Sea», wäre ein Projekt zur Beseitigung des jüdischen Staates und würde Juden dasselbe Recht verweigern.
Der palästinensische Nationalismus braucht gar keinen antiken Abstammungsmythos, und doch reissen die Bemühungen nicht ab, sich eine nicht existierende Herkunftsgeschichte zu erfinden. So etwa werden die Kanaaniter, die Philister und die Byzantiner verzerrend zu einem palästinensischen Volk umgedeutet, das angeblich in ungebrochener Linie bis in die Antike zurückreicht.
Selbst biblische Gestalten werden ihrer jüdischen Identität beraubt, damit sie in dieses Narrativ passen. Mahmud Abbas hat Jesus wiederholt als «palästinensischen Gesandten» bezeichnet. Im Jahr 2023 erklärte die demokratische amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, Christus sei im «heutigen Palästina» geboren worden, und verglich die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten mit der Vertreibung der Palästinenser. Ein Jahr später zeigte eine im Vatikan ausgestellte Krippenszene das Jesuskind auf einer Kufiya. Diese moderne geografische Analogie verschleiert, dass Maria, Josef und Jesus Juden aus dem römisch beherrschten Judäa und Galiläa waren.
Diese rückwirkende Nationalisierung hat auch die akademische Debatte erreicht. Der israelkritische Historiker William Dalrymple stellte kürzlich einen Zusammenhang zwischen der intellektuellen Blüte des byzantinischen Gaza und seiner heutigen hohen Alphabetisierungsrate her. Beides präsentierte er als Ausdruck einer dauerhaften palästinensischen Bildungstradition, die «trotz israelischer Besetzung und Belagerung» bewahrt worden sei.
Gaza war im 5. und 6. Jahrhundert tatsächlich ein bedeutendes Zentrum der Gelehrsamkeit und wurde als «Athen Asiens» gerühmt. Seine Gelehrten gehörten jedoch zur griechischsprachigen christlichen Welt des Byzantinischen Reiches und nicht zu einer palästinensischen Nation im modernen Sinne. Nach der arabisch-muslimischen Eroberung um 637 verschwanden die tragenden Institutionen dieser Kultur allmählich, während Gaza arabisiert und islamisiert wurde.
Diese Zivilisation zu einem frühen Kapitel der palästinensischen Nationalgeschichte zu erklären, verwandelt die Geschichte eines Ortes in die Biografie einer modernen Nation. Eine Bewegung, die Palästina angeblich dekolonisieren will, eignet sich damit eine Vergangenheit an, deren Bewohner sich nicht als Palästinenser verstanden hätten.
Wiederholte Schändungen
Jüdische Geschichte wird allerdings nicht nur rhetorisch ausgelöscht. Das Josefsgrab in Nablus, Juden heilig und von mehreren Religionsgemeinschaften verehrt, wurde wiederholt geschändet. Im Jahr 2000 plünderte ein palästinensischer Mob die Anlage, setzte sie in Brand und verbrannte religiöse Bücher. Im Jahr 2015 legten Hunderte palästinensische Randalierer erneut Feuer und beschädigten den Gebetsbereich der Frauen schwer. Im April 2022 drangen etwa hundert Fanatiker in das Heiligtum ein und zertrümmerten den Grabstein. Zwei jüdische Gläubige, die es am folgenden Tag erreichen wollten, wurden angeschossen und verletzt.
Auch archäologische Zeugnisse wurden absichtlich beschädigt. Bei Strassenarbeiten der Palästinensischen Autonomiebehörde am Berg Ebal im Jahr 2021 trugen Arbeiter Teile einer 3200 Jahre alten Aussenmauer ab, zermahlten die Steine zu Schotter und verwendeten sie für den Strassenbau. Das zentrale Bauwerk blieb erhalten. Viele Archäologen betrachten es als frühisraelitische Kultstätte. Adam Zertals Identifizierung mit dem Altar Josuas bleibt jedoch umstritten. Gerade deshalb müssen die Funde erhalten bleiben.
Archäologie bestimmt weder Besitzrechte noch Grenzen. Sie belegt jedoch, welche Völker, Sprachen und Kulturen an einem Ort existierten. Für die dauerhafte Präsenz von Juden im Land Israel ist der materielle Befund überwältigend. Er findet sich in Inschriften, Münzen, Bauwerken, Schriftrollen und Gräbern.
Palästinensische Rechte benötigen weder einen kanaanitischen Abstammungsmythos noch die Vereinnahmung früherer Zivilisationen. Eine glaubwürdige palästinensische Nationalgeschichte kann mit der tatsächlichen Entwicklung der arabischen Gesellschaft im Land beginnen, ohne die jüdische Vergangenheit auszulöschen.
Die Mandatsmünze zeigt den ganzen Mechanismus von Wunschdenken und Verdrängung. «Palestine» wird wahrgenommen, während Eretz Israel ignoriert wird. Ein britisches Verwaltungsobjekt wird zum Beleg für einen Staat, den es nie gab, während der eingeprägte Hinweis auf die jüdische nationale Verbundenheit verschwindet. Mit archäologischen Funden geschieht Ähnliches. Sie werden nicht widerlegt, sondern politisch für bedeutungslos erklärt oder einer anderen Nationalgeschichte zugeschlagen.
Jan Kapusnak lebt als freier Autor in Tel Aviv und schreibt über den Nahen Osten, Israel sowie geopolitische Themen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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