Dass die Präsidentenpartei bei den Zwischenwahlen eine Niederlage erleidet, hat in den USA fast schon Tradition. Die jetzige Abfuhr für die Republikaner ist in ihrem Ausmass aber nahezu beispiellos. Zu den grössten Verlierern gehörten vor allem zwei demokratische Präsidenten.
Ronald D. Gerste, Washington05.11.2026, 15.11 Uhr
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Erstmals in über 30 Jahren gewannen die Demokraten mit James Talarico einen Senatssitz in Texas.
Richard Rodriguez / Keystone
In einem Atemzug mit Jimmy Carter genannt zu werden, ist normalerweise das Letzte, was amerikanischen Präsidenten als erstrebenswert vorschwebt. Er gilt als schwacher Präsident, und seine Amtszeit von 1977 bis 1981 als eine Epoche der Verunsicherung und des Niedergangs der USA.
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Doch in einem Punkt blieb der Mann aus Georgia für fast alle seine Nachfolger unerreicht: Er hatte nach den Midterms 1978 trotz leichten Verlusten eine deutliche Mehrheit seiner Partei in beiden Häusern des Kongresses – im Senat gar mit 59 von 100 Sitzen. Ähnliches gelang nur George W. Bush 2002, der auf einer Woge nationaler Einheit nach den Terroranschlägen des 11. Septembers 2001 ritt.
Einer von vier Erdrutschen
Davon können Präsident Donald Trump und die Republikaner jetzt nur träumen. Der Begriff «landslide» (Erdrutsch) ist für die massiven Verluste der Republikaner angemessen. Noch sind nicht alle Stimmen ausgezählt. Aber die Demokraten gewinnen mindestens 34 Sitze im Repräsentantenhaus und 7 Sitze im Senat dazu. Die Zwischenwahlen vom Dienstag sind die vierten von insgesamt 21 Midterms seit dem Zweiten Weltkrieg, bei denen die Kontrolle sowohl über das Repräsentantenhaus als auch über den Senat von einer Partei auf die andere überging: ein sogenannter «double-chamber flip».
Der im April 1945 plötzlich aufgrund des Todes von Franklin D. Roosevelt ins Amt gekommene Vizepräsident Harry Truman erlebte im Jahr darauf herbe Verluste seiner Demokratischen Partei. Sie verlor 54 Sitze im Repräsentantenhaus und 10 im Senat – vornehmlich aufgrund einer Streikwelle im Land. Allerdings gelang Truman nur zwei Jahre danach die Kehrtwende. Er verschaffte mit seiner überraschenden Wiederwahl seiner Partei erneut die Mehrheit in beiden Häusern: Es war das Musterbeispiel eines «coattail effect» (Rockzipfel-Effekt), bei dem ein starker Präsident oder Kandidat die Parteifreunde mit zum Sieg zieht.
Fast exakt gleich drastische Verluste wie Truman erlitt mit Bill Clinton 1994 ein weiterer Demokrat: Die Partei verlor 54 Abgeordnete im Repräsentantenhaus und 9 Senatoren. Auch in seiner zweiten Amtszeit hatte Clinton in beiden Häusern eine republikanische Mehrheit gegen sich, die im Zuge der Lewinsky-Affäre ein Amtsenthebungsverfahren einleitete – eine Erfahrung, die Präsident Donald Trump mit einem von Demokraten geführten Repräsentantenhaus gegen Ende seiner ersten Amtszeit gleich zweifach machte.
George W. Bush und seine Republikanische Partei schliesslich verloren 2006 vor allem aufgrund der Unzufriedenheit der Wähler mit dem Irakkrieg 31 Sitze im Repräsentantenhaus und 6 Senatssitze.
Nach der Niederlage der Republikaner gilt nun auch Donald Trump als «lame-duck president» (lahme Ente). Obwohl er noch an der Staatsspitze steht, ist seine politische Gestaltungskraft durch die demokratischen Mehrheiten im Kongress eingeschränkt. Allerdings befindet er sich damit historisch gesehen in guter Gesellschaft: In einer ähnlichen Situation mit gegnerischen Mehrheiten in beiden Häusern während der letzten beiden Amtsjahre fanden sich fast alle seiner jüngeren Vorgänger: Ronald Reagan, George H. W. Bush, Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama.
Auch lahme Enten können stark sein
Ob der Präsident aber eine «lame duck» im engsten Sinne des Wortes ist oder sich mit dem Kongress produktiv arrangieren kann, liegt wesentlich an seinem persönlichen Politikstil und seiner Kompromissfähigkeit. Gleichzeitig hängt es auch vom Willen der Parlamentarier ab, über den Graben zwischen den Parteien hinweg – «across the aisle» – nach Lösungen zu suchen.
Es lässt sich kaum leugnen: In Zeiten zunehmender Polarisierung sind die Gegensätze zwischen ideologisch auseinanderdriftenden Parteien akzentuierter, die Kontroversen schärfer und die persönlichen Aversionen über Parteilager hinweg ausgeprägter geworden. Ronald Reagan etwa war ein Charmeur und in den Worten ihm wenig geneigter Kommentatoren ein «Teflon-Präsident», an dem nichts Negatives hängenzubleiben schien. Er hatte nach den Midterms von 1986 mit nur noch 177 Abgeordneten und 45 Senatoren eine vergleichbar bescheidene Basis im Kongress wie jetzt Trump.
Die oft trotz allen politischen Gegensätzen meist joviale, manchmal auch zähneknirschende Zusammenarbeit mit dem mächtigen Vorsitzenden des Repräsentantenhauses, dem Demokraten Tip O’Neill aus Boston, gilt bis heute als vorbildlich. Die beiden zelebrierten die Gemeinsamkeit irischer Vorfahren und hielten sich an die Grundregel: «Nach sechs Uhr abends können wir Freunde sein. Davor geht es um Politik!»
Als das vielleicht drastischste Beispiel für die verhärteten Fronten in der Gegenwart hingegen mag die Weigerung der republikanischen Senatsmehrheit in Obamas letztem Amtsjahr gelten, das Bestätigungsverfahren für dessen Kandidaten für den Supreme Court überhaupt zu beginnen. Man werde warten, bis ein neuer Präsident im Amt sei, wurde Obama beschieden, der damit deutlich erkennbar eine «lame duck» war.
Der Nachfolger, der den Posten am Obersten Gericht besetzte, war Donald Trump. In seiner zweiten Amtszeit hat er auch bisher kaum Gesetze im Kongress vorangetrieben. Und es wäre keine Überraschung, wenn Trump künftig in noch stärkerem Masse als bisher mithilfe von Verordnungen – «executive orders» – regiert.
Unabhängig von einer Niederlage bei den Zwischenwahlen gilt allerdings auch fast jeder Präsident, dessen zweite Amtszeit sich dem Ende nähert, als «lame duck». Oft richtet sich das Interesse mit dem sich immer länger hinziehenden Reigen der Vorwahlen im letzten Amtsjahr schon auf die potenziellen Nachfolger.
Es kam aber auch schon vor, dass sich ein Präsident frühzeitig selbst zur lahmen Ente machte. Theodore Roosevelt unterlief ein Fehler nach seinem überragenden Wahlsieg 1904, als er verkündete, in vier Jahren nicht noch einmal antreten zu wollen. Damals existierte die verfassungsmässige Begrenzung auf zwei Amtszeiten noch nicht. Ausserdem hatte er bis zu dieser Wahl die Amtszeit des ermordeten William McKinley zu Ende gebracht.
Der Status einer «lame duck» über vier Jahre änderte aber nichts daran, dass «Teddy» heute als einer der grossen Präsidenten eingestuft wird. Er brachte es in dieser zweiten Amtszeit zum Friedensnobelpreis. Und später wurde er auf dem Mount Rushmore verewigt.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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