Die Wunschkandidatin von Klaus Schwab: Nur der Ruf aus Paris könnte Christine Lagarde als WEF-Präsidentin noch verhindern

Christine Lagarde dürfte nach ihrem Abschied von der Europäischen Zentralbank neue Chefin des World Economic Forum werden – es sei denn, es zieht sie noch einmal in die französische Politik.

30.10.2026, 14.26 Uhr

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Christine Lagarde tritt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank zurück. Was führt die 70-jährige Französin im Schilde?

Christine Lagarde tritt als Präsidentin der Europäischen Zentralbank zurück. Was führt die 70-jährige Französin im Schilde?

Gian Ehrenzeller / Keystone

Namen alternativer Kandidaten kursieren nicht: Am Hauptsitz des World Economic Forum (WEF) in Cologny bei Genf rechnet die Belegschaft fest damit, dass Christine Lagarde künftig die Organisation führen wird. Mit ihrem gestern verkündeten Rücktritt als Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB) haben sich die Anzeichen weiter verdichtet: Erwartet wird, dass die 70-jährige Französin im kommenden Jahr, irgendwann nach dem Jahrestreffen in Davos, das WEF-Präsidium von Blackrock-Gründer Larry Fink und Roche-Vizepräsident André Hoffmann übernimmt.

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An der gestrigen Pressekonferenz äusserte sich Lagarde zwar nicht zu den Gerüchten über ihren Wechsel. Im August erklärte sie jedoch an einer vertraulichen Sitzung des 28-köpfigen WEF-Stiftungsrats gemäss Anwesenden wörtlich, sie sei «ready to serve» – also bereit für die Aufgabe. Lagarde habe sich damals bei den Mitgliedern des Gremiums bereits für das Vertrauen bedankt.

Angesichts dieser Ausgangslage gilt Lagardes Wahl an die WEF-Spitze als Formsache. Beobachter sind der Meinung, dass die hervorragend vernetzte Spitzenbeamtin für das WEF eine ideale Besetzung darstelle und die Voraussetzungen mitbringe, die Organisation wieder in ruhigere Fahrwasser zu steuern. Gleichwohl verweisen vorsichtige Stimmen auf einen verbleibenden Unsicherheitsfaktor: ein erneutes politisches Engagement in Frankreich.

Lagarde will nicht «neutral» bleiben

Im April 2027 wählt Frankreich ein neues Staatsoberhaupt. Umfragen deuten darauf hin, dass Marine Le Pen vom rechtspopulistischen Rassemblement National im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erzielen dürfte. Um einen Wahlsieg Le Pens abzuwenden, wurde in den vergangenen Monaten wiederholt spekuliert, ob sich Lagarde von der Gegenseite für eine Kandidatur – oder zumindest für ein Regierungsamt – gewinnen liesse.

Zwar schloss sie im Sommer gegenüber dem Sender Euronews aus, als Kandidatin in den Präsidentschaftswahlkampf einzusteigen. Ein kleines Restrisiko bleibt dennoch bestehen. Zumal Lagarde bereits vor rund 20 Jahren hochrangige Ministerposten in der französischen Regierung innehatte: Von 2005 bis 2007 war sie Handelsministerin, von 2007 bis 2011 Ministerin für Wirtschaft, Finanzen und Industrie.

Bemerkenswert wirken vor diesem Hintergrund Lagardes gestrige Äusserungen: «Ich glaube nicht, dass ich neutral bleiben kann», sagte sie zum Abschluss der Pressekonferenz. Mit der Neutralität, die ihr das EZB-Amt auferlege, fühle sie sich in der heutigen Zeit unwohl. «Mir geht es um die Wahrheit – und ich erlebe, dass die Wahrheit sehr oft durch Falschdarstellungen beschädigt oder konterkariert wird.»

Was sie damit im Detail meinte und bezweckte, blieb offen. Doch sie wirkte bei diesen Äusserungen wie eine Politikerin. Möglicherweise beabsichtigte sie aber auch nur, Aufmerksamkeit für ihre Autobiografie zu schaffen, die im Februar 2027 erscheinen soll – parallel zu ihrem EZB-Abschied. Ebenfalls denkbar ist, dass die Worte ihre künftige Amtsführung beim WEF skizzieren: mit klarem Kompass und deutlicher Haltung, statt nur auf Konsens und Konfliktvermeidung bedacht zu sein.

Die Männer hofierten, Lagarde lief raus

In der Vergangenheit durften Staats- und Regierungschefs in Davos auf einen wohlwollenden, zuvorkommenden und unkritischen Empfang zählen. Gründer Klaus Schwab bedachte selbst umstrittene Persönlichkeiten wie Chinas Staatschef Xi Jinping (2017), den brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro (2019) oder Donald Trump (2018, 2020) mit Lob – eine Linie, die die Co-Präsidenten Fink und Hoffmann 2026 fortführten.

Lagarde sorgte demgegenüber im vergangenen Januar für einen Eklat: Nachdem US-Handelsminister Howard Lutnick die wirtschaftliche Verfassung sowie den schwindenden globalen Einfluss Europas scharf kritisiert hatte, soll sie demonstrativ den Saal verlassen haben.

Zwar spielten die Beteiligten den Vorfall im Anschluss herunter, doch deutet die Episode darauf hin, dass Lagarde ihre Überzeugungen an der WEF-Spitze pointierter vertreten könnte als ihre männlichen Vorgänger.

Klaus Schwab und Christine Lagarde 2013 in Davos: Damals war die WEF-Welt noch in bester Ordnung.

Klaus Schwab und Christine Lagarde 2013 in Davos: Damals war die WEF-Welt noch in bester Ordnung.

Laurent Gillieron / Keystone

Die Wunschkandidatin des Gründers

Klaus Schwab selbst hegt offenbar keine Bedenken, Lagarde könnte für das Präsidium zu undiplomatisch agieren. Der Forumsgründer hatte sie früh als Wunschnachfolgerin auserkoren. Im Mai 2025 erklärte er in der «Financial Times», er habe mit ihr über einen vorzeitigen Rückzug bei der EZB gesprochen, um den Stabwechsel beim WEF einzuleiten. Sogar praktische Vorkehrungen wie die Suche nach einer Wohnung in der Schweiz seien getroffen worden, um den Antritt vor Ablauf des EZB-Mandats – «spätestens Anfang 2027» – zu ermöglichen.

Damals brachte Schwab Lagarde und die Notenbank in erhebliche Erklärungsnot. Lagarde soll über den Schritt höchst verärgert gewesen sein, und auch im Stiftungsrat stiess Schwabs Gang an die Öffentlichkeit auf Unverständnis. Rund eineinhalb Jahre später dürfte sich sein Plan dennoch erfüllen. Für den 88-Jährigen wäre dies nach den Turbulenzen der vergangenen Monate eine späte Genugtuung: Sein Lebenswerk bliebe in vertrauten Händen. Lagardes Hauptaufgabe bestünde darin zu verhindern, dass das WEF, das Schwab als Initiative zur Weltverbesserung sieht, zu einer blossen Geschäftsplattform verkommt.

Der genaue Wahltermin ist indessen offen. Nach Berichten der Nachrichtenagentur Reuters von vor zwei Wochen sollte der Stiftungsrat am 2. November zusammentreten, um die neue Vorsitzende zu küren. Gemäss Informationen der NZZ ist dieses Datum jedoch nicht mehr aktuell. Insider rechnen jedoch damit, dass das entscheidende Treffen noch im November stattfinden dürfte.

Das WEF nimmt zu den «vertraulichen Sitzungen» des Stiftungsrates offiziell keine Stellung. Die Medienstelle liess lediglich verlauten, das Gremium plane seine nächste Plenarsitzung vor Jahresende.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Thomas Schlittler

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