Die Stadt Zürich wird über Nacht um 2,5 Milliarden Franken reicher – nun will sie Hunderte Millionen Franken in einen Wohnfonds stecken
Der vermeintliche Geldsegen ist zwar üppig. Trotzdem dürfte er die Finanzprobleme der Stadt kaum lösen.
07.11.2026, 05.08 Uhr
4 Leseminuten
Das Lochergut gehört zu den städtischen Liegenschaften. Deren Wert ist stark gestiegen.
Andrea Zahler / CH Media
Man könnte meinen, es sei ein unverhoffter Geldregen über der Stadt Zürich niedergegangen. Mit einem Schlag ist die Stadt, die in letzter Zeit mit negativen Finanzzahlen von sich reden machte, um 2,5 Milliarden Franken reicher geworden.
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Der Grund: Die Stadt Zürich hat im Januar 2027 gestützt auf die kantonale Gesetzgebung die alle vier Jahre vorgeschriebene Neubewertung ihrer Liegenschaften im Finanzvermögen vorgenommen. Dies ist an sich nichts Ungewöhnliches, aber dieses Mal ist die Aufwertung beispiellos.
Denn der Kanton hat die massgeblichen Steuerlandwerte zum ersten Mal seit 2009 angepasst. Statt 2,7 Milliarden Franken sind die Liegenschaften nun sagenhafte 5,2 Milliarden Franken wert. Für das Jahr 2027 budgetiert die Stadt damit nicht mehr ein Minus von 407 Millionen Franken, sondern ein Plus von 1,34 Milliarden Franken.
Doch die Sache hat einen Haken. Es handelt sich nicht um reales, sondern um reines Buchgeld. Der städtische Finanzvorstand Daniel Leupi (Grüne) sagt am Freitag: «Der Stadt fliesst kein einziger Rappen zu.»
Der Schuldenberg wächst also nach wie vor an und wird ohne Gegenmassnahmen gemäss Prognosen bis ins Jahr 2030 rund 16 Milliarden Franken erreichen. Diese Verschuldung wird vor allem durch Investitionen ausgelöst, die die Stadt mit realem Geld bezahlen muss. Der Buchgewinn bei den Liegenschaften ändert nichts daran.
Neubewertung droht Mieten zu verteuern
Folgenlos bleibt der Buchgewinn trotzdem nicht. Leupi nutzt ihn vielmehr, um ein milliardenschweres Wohnungsbauprogramm zu schnüren, das er am Freitag bekanntgegeben hat: das «ausserordentliche Massnahmenpaket Wohnen». Das sei nötig, sagt Leupi: Die Neubewertung drohe sonst die Mieten auf städtischem Land zu verteuern.
Von der Neubewertung sind in erster Linie Liegenschaften und unbebaute Landreserven im Finanzvermögen betroffen, die für den gemeinnützigen Wohnbau vorgesehen sind. Wenn der Wert einer Liegenschaft steigt, steigen dort auch die Mieten. Die im gemeinnützigen Wohnbau übliche Kostenmiete basiert auf dem Bilanzwert der Liegenschaft.
Deshalb verschiebt die Stadt 750 Millionen Franken in den städtischen Wohnraumfonds. Zusammen mit den bereits budgetierten 50 Millionen Franken umfasst die neue Einlage 800 Millionen Franken. Die Stadt soll sich damit dem Drittelsziel annähern, die Vorgabe, wonach ein Drittel der städtischen Wohnungen gemeinnützig sein soll.
Mit diesen Mitteln kann die Stadt zwar nicht direkt Liegenschaften kaufen. Der Sinn des Fonds ist es, Investitions- und Abschreibungsbeiträge zu sprechen. Das heisst: Mit einem Beitrag aus der Stadtkasse wird der Buchwert teurer Liegenschaften künstlich reduziert. Die Mieten können dadurch tief gehalten werden.
Solange dieses Geld an städtische Liegenschaften fliesst, handelt es sich um eine rein buchhalterische Umbuchung. Es bedeutet aber auch, dass der Buchgewinn vollumfänglich zugunsten der Mieter in städtischen oder sonstigen gemeinnützigen Liegenschaften verwendet wird.
Das Massnahmenpaket umfasst zwei weitere Elemente. So soll der Stadtrat einfacher Land im Baurecht an Genossenschaften abgeben können. Zudem will die Stadt Liegenschaften im grossen Stil vom Finanz- ins Verwaltungsvermögen verschieben, wobei man von Umwidmungen spricht. Sie sind damit offiziell keine Wertanlagen mehr: Was im Verwaltungsvermögen figuriert, dient der Zweckerfüllung einer Gemeinde.
Auch hier handelt es sich um Buchgeld, das verschoben wird. Bemerkenswert ist aber, dass der Stadtrat einen Rahmenkredit in der Höhe von 1,75 Milliarden Franken beantragen will.
Bisher musste jede Umwidmung einzeln von Stadtparlament und Stimmberechtigten genehmigt werden. Stimmt das Volk dem Rahmenkredit zu, kann der Stadtrat dies in Eigenregie tun. Die Umwidmung könne so deutlich rascher erfolgen, argumentiert der Stadtrat – und es sei auch eine Entlastung der Stimmberechtigten angesichts dicht gestaffelter Abstimmungstermine.
FDP findet Vorgehen «skandalös»
Bei den Bürgerlichen stossen die Ideen Leupis auf Ablehnung. Die Mitte spricht von einem «Taschenspielertrick». Die SVP findet, dass die Aufwertungsgewinne eine spürbare Steuersenkung rechtfertigten.
Die GLP nennt die ganze Übung «unausgereift». Der Stadtrat solle sich besser darauf konzentrieren, die Finanzen in den Griff zu bekommen, schreibt die Partei sinngemäss.
Aus Sicht der FDP ist das Vorgehen der Stadt sogar «skandalös», wie es der FDP-Fraktionspräsident Emanuel Tschannen ausdrückt. Ihn stört vor allem der geplante Rahmenkredit von 1,75 Milliarden Franken: Das sei eine «Blankovollmacht», bei der die Mitbestimmung der Stimmbevölkerung ausgehebelt werde.
Tschannen sagt, es sei grundsätzlich der falsche Weg, dass die Stadt wie in den vergangenen vier Jahren für 1,3 Milliarden Franken Liegenschaften zusammenkaufe. Die Folge sei nicht mehr gemeinnütziger Wohnraum, sondern eine Verstaatlichung des Wohnungsmarkts, von der am Ende nur eine handverlesene Minderheit profitiere: jene Mieter, die zufällig in Liegenschaften wohnten, die die Stadt kaufe.
«Fair wäre diese Politik nur, wenn bei diesen Bewohnern die Bedürftigkeit konsequent geprüft würde. Doch das geschieht nicht.» Mit dem Massnahmenpaket werde diese falsche Politik nur noch weiter gefördert.
Bei den linken Parteien stösst das Paket wenig überraschend auf Zuspruch. Für die SP ist die Neubewertung der Beweis, dass sich der Kauf von Liegenschaften lohnt. Die Partei lanciert deshalb prompt eine neue städtische Volksinitiative «für mehr bezahlbare Wohnungen». Damit will sie den drei städtischen Wohnbaustiftungen 720 Millionen Franken an neuem Stiftungskapital zukommen lassen.
Dies wäre dann kein Buchgeld. Sondern Ausgaben in Franken und Rappen. Sie würden den Schuldenberg weiter anwachsen lassen.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Michael von Ledebur
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