Die neuen Gelbwesten sind linker, urbaner und migrantischer als die alten
Die Gelbwesten-Bewegung von 2026 hat wenig mit jener von 2018 zu tun. Linke Gruppen erfanden das populäre Label neu.
21.10.2026, 05.30 Uhr
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Ein vermummter Demonstrant beobachtet am 17. Oktober in Paris Bereitschaftspolizisten neben dem Graffito «Die Polizei tötet unsere Kinder».
Thibault Camus / AP
Mitte Oktober solidarisierte sich die Gelbwesten-Bewegung mit den Schülerprotesten, die Frankreich seit drei Wochen durchrüttelten, und schloss sich dem Protesttag am 17. Oktober an. Die gemeinsame Parole: «Gelbwesten und Jugend – unsere Kämpfe treffen aufeinander!»
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Der Protesttag hatte ein gigantisches Ausmass: Auf dessen Website waren 1757 Aktionen angekündigt, darunter 811 Demonstrationen. Einige von ihnen verwandelten sich innerhalb von Minuten in eine Zerstörungsorgie. In Lyon beispielsweise kamen etwa 20 000 Menschen zusammen. Rasch dominierten aber nicht mehr gelbe Westen, sondern schwarze Jacken und Sturmmasken das Bild. Etwa dreissig Minuten nach Beginn der Demonstration wurde das Tourismusbüro angegriffen. Laut der Schilderung von «Lyon Mag» strömten dann Tausende durch die Innenstadt, um Geschäfte zu plündern, um zu zerstören und zu brandschatzen.
Wie konnte ein friedlicher Protest gegen höhere Lebenshaltungskosten derart ausarten? Viele glauben, dass die Linksradikalen die Bewegung gekapert hätten. Eine Quelle aus den Sicherheitsbehörden sagte der AFP, man habe gewusst, dass die extreme Linke nach einer Gelegenheit gesucht habe, auf die Strasse zu gehen: «Sie nutzten die Schülerbewegung aus wie Kuckucke und infiltrierten sie.» Man beobachte ein beispielloses Bündnis zwischen der «Ultralinken, der radikalen Linken und Jugendlichen aus den Vierteln», ergänzte die Quelle.
Verbindung mit den Linkspopulisten
Immer wieder war die Wiederkehr der Gelbwesten in den letzten Jahren vorausgesagt worden, doch seit den letzten Protesten von 2019 hatten sie nichts mehr von sich hören lassen. Damals hatte sich die heterogene Bewegung jeder parteilichen Vereinnahmung verweigert. Zwar hatte sie einige politische Erfolge zu vermelden, doch organisieren konnte sie sich nie.
Jetzt waren sie plötzlich zurück, aber auffallend anders: Die Gelbwesten protestierten nicht nur gegen die gestiegenen Lebenshaltungskosten, sondern nahmen auch die Forderungen der Schüler und eine Reihe weiterer linker Anliegen auf: Arbeiterrechte, Klima und Rassismus.
Das war kein Zufall. Kurz nach den landesweiten Protesten der Schüler am 6. Oktober veröffentlichten mehrere linksgerichtete ehemalige Aktivisten der Gelbwesten Videos in den sozialen Netzwerken, in denen sie sich mit den Schülern im Namen der Bewegung solidarisierten. Nicht alle waren damit einverstanden. Sophie Tissier, eine Aktivistin der ersten Stunde, die 2018 in Paris eine Gelbwesten-Demonstration angemeldet hatte, kritisierte auf France 24 die «Vereinnahmung der Bewegung durch alle Seiten, von der extremen Linken über die Kommunistische Partei bis hin zu La France insoumise». Mit den Gelbwesten belebte die Linke ein verwaistes Label und drückte ihm ihren Stempel auf.
Seit Wochen hatte die linkspopulistische Partei La France insoumise die Schülerproteste angefeuert und teilweise auch die Führung übernommen. Auch für den 17. Oktober rief LFI offiziell zur Teilnahme auf und schickte ihre Abgeordneten auf die Strasse.
Schülerinnen protestieren am 13. Oktober in Rennes mit Palästina-Fahne gegen die aus ihrer Sicht schlechte Ausstattung der Schulen.
Jeremias Gonzalez / AP
Klimabewegung und schwarzer Block mit im Boot
Wie bei Gen-Z-Protesten üblich, wurde vor allem online mobilisiert. Über eine Protest-Website konnte jeder, der eine Aktion plante, diese gleich interaktiv auf der Website anmelden. Es war eine professionelle Protest-Infrastruktur, die das Protestieren leicht machte.
Laut dem Impressum standen mehrere linke Gruppierungen hinter der Website. Unter ihnen war auch der Mouvement du 26 septembre, der Ende September mit Unterstützung von Greta Thunberg einen grossen Klimamarsch organisiert hatte und von LFI (La France insoumise) unterstützt worden war. Weitere linke Verbände wie der linke Bauernverband Confédération paysanne oder die Gewerkschaft Solidaires riefen zur Teilnahme am 17. Oktober auf.
Zur Infrastruktur des Protests gehörte auch ein der Website angeschlossener Telegram-Kanal mit 27 000 Abonnenten. Hier wurden Informationen geteilt und Aktionen koordiniert. Am 16. Oktober wurde ein Beitrag der Antifa-Plattform Contre attaque mit dem Titel «17. Oktober: Und wenn wir die Propagandamedien abschalten würden?» geteilt. Dazu war eine Karte mit den Standorten grosser Pariser Medienhäuser abgebildet. Der grösste Feind der sozialen Bewegung sei nicht die Polizei, sondern «die grossen Medien, die Kommunikationskanäle im Besitz rechtsextremer Milliardäre . . .», hiess es.
Die Drohungen wurden Realität. Am 17. Oktober griffen rund hundert Vermummte den Sitz von CNews und Europe 1 an, der auf der Liste zuoberst stand, und schlugen Scheiben ein. Die Polizei nahm 21 Personen fest. Die Linksradikalen hatten die Proteste wohl nicht gekapert, sondern sassen von Anfang an mit im Boot.
Ein Demonstrant steht am 17. Oktober in Paris vor einem brennenden Motorrad. Den Protesten folgten gewalttätige Ausschreitungen.
Abdul Saboor / Reuters
Die neuen Gelbwesten stammen aus den Banlieues
Die Gelbwesten waren eine überwiegend ländliche, weisse Bewegung. Doch am 17. Oktober waren neben den Linksradikalen auch viele Migranten aus den Banlieues unterwegs. Das zeigen die Aufnahmen der Unruhen sowie das, was bisher über die Festgenommenen bekannt wurde.
Der linke Politikwissenschafter Charif Elalaoui sagte schon eine Woche vor den Unruhen der kommunistischen Zeitschrift «Contretemps», er stelle hinter den Protestaufrufen «vor allem die Präsenz junger, rassifizierter Personen, mehrheitlich Männer» fest. Die meisten von ihnen seien zum Zeitpunkt der Proteste von 2018 noch minderjährig gewesen und stammten aus den Arbeitervierteln. Sie bedienten sich jedoch der Symbole der Gelbwesten-Bewegung, um an sie anzuknüpfen. Er brachte auch den Begriff des «Rassenkapitalismus» ins Spiel: Diese Gruppen litten besonders unter den steigenden Treibstoffpreisen sowie unter «den ethnisch-rassischen und räumlichen Zuweisungen, denen diese Bevölkerungsgruppen ausgesetzt sind».
Allgegenwärtig waren Fahnen Palästinas und Algeriens. Symbole der französischen Republik wie eine Jeanne-d’Arc-Statue wurden teilweise mit diesen Flaggen zugedeckt. Schon der Demonstrationsaufruf hatte die Verbindung zwischen den Protesten und dem algerischen Unabhängigkeitskrieg gezogen. Der Aufruf erinnerte daran, dass am 17. Oktober 1961 in Paris bei einer Demonstration Dutzende Algerier getötet worden waren. Die LFI-Fraktionschefin Mathilde Panot wies ebenfalls auf diese Verbindung hin: Ihre Partei werde an der Seite der Schüler und Gelbwesten stehen und zugleich der Toten von 1961 gedenken.
Für Frankreich ist die Krise noch nicht ausgestanden. Die Organisatoren der Proteste rufen zum Rücktritt Macrons auf, des angeschlagenen Präsidenten, dem nur noch knapp sieben Monate im Amt bleiben. Am Samstag, 24. Oktober, soll wieder breit mobilisiert werden. Bereits sind 214 Proteste geplant.
Ausgebrannte Autos am 18. Oktober in Paris, einen Tag nach den Ausschreitungen.
Abdul Saboor / Reuters
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Daniel Rickenbacher
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