Die Konkurrenz fragt sich: Wie lässt sich Tadej Pogacar stoppen? Geld allein wird nicht reichen
Weniger Spektakel, mehr Zeitfahren: In Paris stellen die Organisatoren die Strecke der nächsten Tour de France vor. Doch an der Favoritenrolle von Tadej Pogacar ändert das wenig.
22.10.2026, 17.52 Uhr
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Rollt er dem sechsten Sieg entgegen? Obwohl Tadej Pogacar (in Gelb) verletzt ist, ist er der Topfavorit für die nächste Tour de France.
Gonzalo Fuentes / Reuters
Mit viel Pomp haben die Organisatoren der Tour de France am Donnerstag in Paris den Parcours der Frankreich-Rundfahrt 2027 vorgestellt. Die Tour startet im kommenden Sommer erstmals seit 2014 in Grossbritannien, der Grand Départ findet am 2. Juli in Edinburgh statt. Es folgen zwei weitere Etappen im Vereinigten Königreich, die via Liverpool nach Cardiff in Wales führen. Von dort verschiebt sich das Peloton nach Frankreich.
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Im Mutterland geht die Tour in der Normandie weiter. Danach folgt wie üblich die Runde durch die wichtigsten französischen Gebirge, den Jura, die Alpen und schliesslich die Pyrenäen. Der Parcours ist weniger spektakulär als in den vergangenen Jahren; Anstiege wie die Alpe d’Huez oder der Mont Ventoux fehlen im Programm. Dafür gibt es zwei Einzelzeitfahren über insgesamt 71 Kilometer – so viele wie seit 2012 nicht mehr.
Das kommt dem Belgier Remco Evenepoel entgegen, der im vergangenen Sommer Zweiter im Gesamtklassement wurde. Evenepoel ist der beste Zeitfahrer im Peloton, vierfacher Weltmeister und Olympiasieger in dieser Disziplin. Die beiden Zeitfahren sind der Versuch der Organisatoren, etwas Spannung in die Tour de France zurückzubringen. Auch wenn der Tour-Direktor Christian Prudhomme dies in Abrede stellte bei der Präsentation im Palais des Congrès.
Pogacar hat den Vertrag bis 2032 verlängert
In den vergangenen drei Jahren triumphierte stets Tadej Pogacar an der Tour de France und wurde dabei von Jahr zu Jahr dominanter. 2027 könnte der 28-jährige Slowene die Tour de France zum sechsten Mal für sich entscheiden und alleiniger Rekordsieger werden. Auch wenn er Ende August an der Vuelta stürzte und die letzten Wochen der Saison mit den Weltmeisterschaften und der Lombardei-Rundfahrt verpasste, ist er im kommenden Jahr in Frankreich der grosse Favorit.
An dieser Ausgangslage ändern auch die zwei Zeitfahren nichts. Das liess sogar Ralph Denk, der Teamchef von Red-Bull-Bora-Hansgrohe, Anfang dieser Woche durchblicken. Evenepoel ist bei seinem Team unter Vertrag. Denk sagte: «Zu Pogacar fehlen uns mehr als ein paar Prozente.» Der Slowene verlängerte seinen Vertrag mit UAE kürzlich obendrein bis 2032 und zerstörte die Hoffnung der Konkurrenz auf einen Rücktritt nach den Olympischen Spielen 2028 in Los Angeles – der Olympiasieg ist einer der wenigen Titel, die dem Slowenen noch im Palmarès fehlen.
Pogacar hat in den vergangenen Jahren nicht nur an der Tour de France, sondern auch an allen Monumenten ausser Paris–Roubaix sowie an den Weltmeisterschaften triumphiert. Pogacars verletzungsbedingte Absenz hat dem Radsport jüngst zwar einen verrückten Herbst beschert, Wildwest auf der Landstrasse. Weltmeister wurde überraschend der Amerikaner Brandon McNulty, an der Lombardei-Rundfahrt gewann das 20-jährige französische Supertalent Paul Seixas sein erstes Monument.
Lidl-Trek und Q36.5 heizen den Transfermarkt an
Diese Spannung war allerdings nur ein temporärer Zustand, Pogacar schuftet bereits am Comeback, hat durchblicken lassen, dass er sich im kommenden Jahr nebst der Tour de France erneut an Paris–Roubaix sowie der Vuelta versuchen wird. Und so fragt sich die Konkurrenz, wie sie den stärksten Velofahrer der Gegenwart herausfordern könnte. Über das Pogacar-Problem zerbrechen sich mehrere Spitzenteams den Kopf.
Im Sport lassen sich Herausforderungen bisweilen mit viel Geld bewältigen. Das versuchen zum Beispiel die deutsche Equipe Lidl-Trek sowie der Schweizer Rennstall Pinarello Q36.5. Die Konten der beiden Mannschaften sind üppig gefüllt. Q36.5 wird vom Rohstoff-Milliardär Ivan Glasenberg alimentiert. Bei Lidl-Trek hat die Schwarz-Gruppe, der der Discounter Lidl gehört, vor einem Jahr die Mehrheit übernommen.
Q36.5 hat in diesem Herbst um den britischen Star Tom Pidcock ein angriffslustiges Team aufgebaut, das versuchen wird, Pogacar in den Classiques herauszufordern. Die Equipe verpflichtete unter anderem den Schweizer Tour-de-France-Etappensieger Mauro Schmid und bezahlt ihm ein kolportiertes Jahressalär von 2 Millionen Euro. Eine ähnliche Summe dürfte für den EM-Zweiten Giulio Ciccone aus Italien fällig geworden sein, der ebenfalls zum Team stösst.
Bei Lidl-Trek scheinen Konflikte vorprogrammiert
Noch offensiver geht Lidl-Trek zu Werke. Die Mannschaft des Teamchefs Andy Schleck, des Tour-de-France-Siegers von 2010, nähert sich beim Budget dem Branchenkrösus UAE. Lidl-Trek hat pro Jahr geschätzte 45 Millionen Euro zur Verfügung, bei UAE dürften es 50 Millionen sein. All dieses Geld investiert die Mannschaft in Rundfahrten- und Bergspezialisten.
Zum talentierten Spanier Juan Ayuso sowie zum Dänen Mattias Skjelmose gesellt sich der Österreicher Felix Gall, der in der abgelaufenen Saison sowohl am Giro d’Italia als auch an der Vuelta auf dem Podest stand. Hinzu kommt der Zeitfahrspezialist Filippo Ganna als Edelhelfer auf Rundfahrten. Gerade Ayuso gilt als schwieriger Charakter. Sein früheres Team löste seinen Vertrag im vergangenen Jahr während der Vuelta auf, weil er sich weigerte, den Captain zu unterstützen. Konflikte unter den Leadern scheinen bei Lidl-Trek vorprogrammiert.
Die grösste Herausforderung bleibt aber – trotz üppigen Finanzen –, dass die Gruppe jener Fahrer, die grosse Rennen für sich entscheiden, klein geworden ist. Pogacar ist der Beste aus dieser Reihe, dazu gehören noch Seixas, Mathieu van der Poel, Wout van Aert, Evenepoel sowie Jonas Vingegaard, der Pogacar 2022 und 2023 an der Tour de France bezwungen hat.
Fahrer dieser Qualität sind selten und fehlen momentan auf dem Markt. Was bei Pinarello Q36.5 und Lidl-Trek wohl zur Erkenntnis führen wird, dass das Pogacar-Problem sich nicht mit Geld, sondern mit Geduld lösen lassen wird.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christof Krapf
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