Demokratieaktivist seit der Schulzeit: Hongkongs Justiz schickt Joshua Wong für weitere zehn Jahre ins Gefängnis

Jahrelang setzte sich Joshua Wong in Hongkong friedlich gegen Bevormundung und für mehr Freiheitsrechte ein. Deshalb möchte ihn die chinesische Führung so lange wie möglich hinter Gittern belassen.

05.11.2026, 15.56 Uhr

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Aktualisiert


2017 tragen Polizisten Joshua Wong bei einem Protest in Hongkong weg.

2017 tragen Polizisten Joshua Wong bei einem Protest in Hongkong weg.

Vincent Yu / AP

Joshua Wong Chi-fung hatte es kommen sehen, aber das Urteil traf ihn trotzdem hart. Am Donnerstag hat ein Gericht in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong den 29-jährigen Demokratieaktivisten wegen vorgeblicher «Verschwörung mit ausländischen Mächten» zu weiteren zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Die Anklage warf ihm vor, zusammen mit seinem im Exil lebenden Mitstreiter Nathan Law bei ausländischen Staaten für Sanktionen und «feindselige Massnahmen» lobbyiert zu haben.

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Wong befindet sich bereits seit 2020 in Haft. 2024 war er, in einem grossen Prozess gegen 47 Aktivisten, zu vier Jahren und achten Monaten Freiheitsentzug verurteilt worden. Die neuerliche Verurteilung ist besonders perfid: Im kommenden Januar hätte er nach der Verbüssung seiner jetzigen Strafe freigelassen werden müssen. Stattdessen dürfte er bis 2036 in Gewahrsam bleiben.

Protest gegen Ideologisierung in der Schule

Gegriffen hat erneut das 2020 von Peking oktroyierte Sicherheitsgesetz, das die öffentliche Äusserung jeglichen Dissenses mit der offiziellen chinesischen Politik unter Strafe stellt. Die harschen Urteile der vergangenen Jahre aufgrund dieses Gesetzes hatten auf keinen Freispruch hoffen lassen. Deshalb gestand Wong seine Schuld ein und konnte so immerhin eine Strafminderung erwirken.

Wong, der in einer protestantischen Familie aufwuchs, ist das weltweit bekannte Aushängeschild der Schüler- und Studentenproteste in Hongkong, die sich zu einer Demokratie- und Freiheitsbewegung entwickelten und 2019 in monatelangen Blockaden und Protesten gegen ein Auslieferungsgesetz kulminierten. Erstmals bekannt wurde er 2012, als 15-Jähriger. Zusammen mit Gleichgesinnten wandte er sich damals gegen die Einführung eines verpflichtenden Patriotismus-Unterrichts in den Hongkonger Schulen.

Dieser sollte durch «moralische und nationale Erziehung» das harmonische Miteinander mit der Volksrepublik China stärken. Schüler und Eltern sahen darin den Versuch, die Hongkonger ideologisch auf Linie zu bringen. Zum Leidwesen der kommunistischen Führung in Peking hatte sich in Hongkong nach der Rückgabe der britischen Kronkolonie an China 1997 ein immer grösseres Selbstbewusstsein und eine eigene Identität herausgebildet. Wongs eloquentes und selbstsicheres Auftreten machte ihn zum international bekannten Anführer der friedlichen Protestbewegung. Dieser gelang es, breite Kreise für das Anliegen zu mobilisieren und die Hongkonger Führung zum Rückzug ihrer Pläne zu bewegen.

Einsatz für mehr politische Mitsprache

Zwei Jahre später waren Wongs Erfahrungen erneut gefragt. Diesmal ging es um den Einfluss der Hongkonger auf die Wahl ihres Regierungschefs. Peking legte Hongkongs Grundgesetz so restriktiv wie möglich aus, um eine freie Wahl zu verhindern. Dagegen formierte sich an den Universitäten und vonseiten demokratischer Aktivisten Widerstand.

Initiiert wurde der Protest zwar von Universitätsprofessoren, aber Schüler und Studenten schlossen sich ihm an. Wochenlang blockierten sie im Herbst 2014 friedlich die Hongkonger Innenstadt. Der Protest wurde als «Regenschirm-Bewegung» bekannt, Joshua Wong war eines ihrer Gesichter. Diesmal waren die Fronten schon verhärteter, zumal Peking viel direkter involviert war. Der Protest endete, ohne dass die Führung der Demokratiebewegung entgegengekommen war.

Noch grösser, aber auch nicht mehr so friedlich wurden die Proteste 2019 gegen ein Gesetz, das die Auslieferung von Peking missliebigen Personen an China erleichtern sollte. Der mittlerweile 23-jährige Joshua Wong hatte da bereits einen ersten Gefängnisaufenthalt hinter sich: 2017 war er wegen unbewilligten Demonstrierens während der Proteste 2014 verurteilt worden. Seine internationale Bekanntheit machte ihn 2019 zum gefragten Botschafter der Demokratiebewegung im Ausland. Allerdings war dieser nur ein kurzer Erfolg beschieden. Das Auslieferungsgesetz nahm die Regierung zwar zurück. Aber alle weiteren Forderungen, unter anderem nach mehr politischer Mitwirkung, wies sie ab.

Sicherheitsgesetz schnürt Aktivisten die Luft ab

Vor allem nahm Peking die Turbulenzen in der Finanzmetropole zum Anlass, um im Sommer 2020 ein Sicherheitsgesetz in Hongkong einzuführen, das den Demokratieaktivisten die Luft abschnürte und Hongkongs politische Eigenständigkeit praktisch beendete. Versuche demokratischer Politiker, sich an den Wahlen für die Hongkonger Legislative zu beteiligen, scheiterten.

Der Sicherheitsapparat nutzte das neue Machtinstrument für eine breit angelegte Verhaftungswelle. Ihr fielen alle Aktivisten – Professoren, Journalisten, Wissenschafter und Studenten – zum Opfer, die sich nicht ins Ausland abgesetzt hatten. Zu ihnen gehörte auch Wong.

Während der Verbüssung einer Strafe bereits die nächste Verurteilung vorzubereiten, um die Freilassung von Gefangenen zu verzögern, ist eine bewährte Strategie in Diktaturen. In Briefen an seine Freunde soll er die baldige Freilassung ersehnt haben. Nun wird Joshua Wong noch einmal für Jahre der Freiheit beraubt sein.

Source: Neue Zürcher Zeitung · Markus Ackeret

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