Mehrere Personen haben sich in der Tessiner Magadino-Ebene mit dem tropischen Chikungunya-Virus angesteckt – ohne zuvor in Risikogebiete gereist zu sein.
Peter Jankovsky, Bellinzona05.11.2026, 15.11 Uhr
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Die Tigermücke stammt aus Südostasien und ist an ihren weissen Streifen auf Beinen und Rumpf erkennbar. Seit über zwanzig Jahren ist sie im Tessin heimisch, eingeschleppt aus Norditalien. Die Behörden bekämpfen die Tigermücke, die tropische Krankheitserreger übertragen kann, erfolgreich und haben ihre Ausbreitung eingedämmt.
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Dennoch kam es nun im Tessin erstmals zu einer lokalen Übertragung des Chikungunya-Virus. Vier Personen aus der Magadinoebene infizierten sich, obwohl sie in keine Risikogebiete gereist waren. Das teilte das kantonale Departement für Gesundheit und Soziales am Mittwoch mit. Alle Erkrankten wohnen an derselben Strasse. Die Ansteckungen erfolgten Ende des Sommers. Die Betroffenen haben sich erholt, leiden aber noch unter Gelenkschmerzen.
Mückenschutz nun auch im Tessin
Vermutlich löste ein infizierter Reiserückkehrer die Übertragungskette aus. Die Person trug das Virus unwissentlich in sich und wurde von einer lokalen Tigermücke gestochen. Diese nahm den Erreger auf und verbreitete ihn durch weitere Stiche. Für den Kantonsarzt Giorgio Merlani kommt das nicht überraschend. Angesichts der langjährigen Präsenz der Tigermücke seien solche Fälle im Tessin zu erwarten gewesen, erklärte er gegenüber Ticinonews und dem Corriere del Ticino. Besorgnis sei nicht angebracht. Seit Herbst gebe es keine neuen Fälle, eine direkte Übertragung von Mensch zu Mensch sei ausgeschlossen. Mit sinkenden Temperaturen nehme zudem die Mückenaktivität ab.
Doch wie sieht es im kommenden Sommer aus? Laut Merlani bleiben lokale Ansteckungen möglich. Fieber, starke Gelenk- und Muskelschmerzen sowie Kopfweh, teilweise mit Hautausschlag, sollten deshalb nicht nur mit Tropenreisen verbunden werden. Rückkehrer aus Gebieten mit Chikungunya-Vorkommen sollten sich an einen Arzt wenden, sobald sie Beschwerden haben. Zudem gelte es sich auch im Tessin vor Mückenstichen zu schützen, um eine lokale Infektionskette zu verhindern.
Die vier Tessiner Fälle sind laut dem Bundesamt für Gesundheit die ersten bekannten lokalen Chikungunya-Übertragungen in der Schweiz. Ins Tessin gelangte die Tigermücke 2003 als blinder Passagier in Fahrzeugen aus Norditalien. Dort war sie in den 1990er-Jahren erstmals in importierten Altreifen aus Asien entdeckt worden.
Entlang wichtiger Verkehrsachsen ist die Tigermücke inzwischen auch nördlich der Alpen gelangt. Lokale Nester gibt es in den Grossräumen Basel, Zürich und Genf sowie in Deutschland entlang des südlichen Rheins. Die Tigermücke kann neben Chikungunya auch Dengue- und Gelbfieberviren übertragen. In Norditalien kam es wiederholt zu kleineren Epidemien, ebenso in Spanien, Kroatien und Frankreich.
Bekämpfung mit sterilisierten Männchen
In der betroffenen Zone der Tessiner Magadino-Ebene haben die Behörden epidemiologische Abklärungen und Massnahmen zur Bekämpfung eingeleitet. Gemeinsam mit der Fachhochschule Supsi und den Gemeinden bekämpfen sie Larven und ausgewachsene Mücken. Ergänzend werden sterilisierte männliche Tigermücken freigesetzt. Sie paaren sich mit Weibchen, ohne Nachwuchs zu erzeugen. So soll die Population schrumpfen. Auch die Bevölkerung kann helfen: Kleinste Wasseransammlungen in Blumentöpfen, Untersetzern und anderen Behältern dienen als Brutstätten und müssen beseitigt werden.
Langfristig stellt jedoch ein anderer Erreger das Tessin vor grössere Herausforderungen – das West-Nil-Virus. Anders als Chikungunya wird es hauptsächlich durch heimische Stechmücken übertragen. Diese infizieren sich bei Zugvögeln und können das Virus auf Menschen übertragen. 2022 wurde der Erreger in der Schweiz erstmals in Stechmücken nachgewiesen. Drei Jahre später folgte im Tessin die erste bekannte lokale menschliche Infektion. Besonders in Italien ist das West-Nil-Virus verbreitet. Mit steigenden Temperaturen könnte das Risiko für eine Infektion aber auch in der Schweiz zunehmen.
Deshalb baut der Bund die Überwachung übertragbarer Krankheiten mit einem nationalen Projekt aus. Ziel sind die frühere Erkennung von Infektionen und eine schnellere Reaktionen der Gesundheitsbehörden. Das Projekt gehört zu DigiSanté, dem Bundesprogramm zur Digitalisierung und Vernetzung des Schweizer Gesundheitswesens.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Peter Jankovsky, Bellinzona
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