Quereinsteigerin als „Königsmacherin“?
Neuseeland steht wohl vor einer schwierigen Regierungsbildung: Bei der Parlamentswahl am Samstag (Ortszeit) haben sich die konservative National Party von Ministerpräsident Christopher Luxon und die sozialdemokratische Labour-Partei des Herausforderers Chris Hipkins ein Kopf-an-Kopf-Rennen geliefert. Nach Auszählung von mehr als 95 Prozent der Stimmen lagen die beiden großen Parteien des Landes mit jeweils rund 29 Prozent der Stimmen nahezu gleichauf. Kleinere Parteien dürften somit eine entscheidende Rolle spielen.
Online seit heute, 13.35 Uhr
Luxons Nationalpartei führt seit 2023 eine Koalition mit der rechtsliberalen ACT-Partei und der populistischen New Zealand First und hofft auf eine zweite Amtszeit des konservativen Regierungschefs. Laut einer Hochrechnung der Wahlkommission könnte die Koalition erneut eine knappe Mehrheit im Parlament erreichen. Auch bei der letzten Wahl war er gegen den 48-jährigen Labour-Chef Hipkins angetreten. Hipkins war bereits 2023 nach dem Rücktritt von Jacinda Ardern mehrere Monate lang Ministerpräsident.
Vertreter von National und Labour Party erklärten jeweils, der Wahlausgang bleibe vorerst unklar. „Es ist ermutigend zu sehen, dass National nach den bisherigen Zahlen wieder die stärkste Partei im Parlament ist und wir einen Weg zur Bildung der nächsten Regierung haben“, sagte Premierminister Luxon in Auckland. Das Rennen sei derzeit jedoch noch zu knapp für eine Entscheidung.
Labour-Chef Hipkins äußerte sich in der Nähe von Wellington ähnlich: „Neuseeland hat heute Abend gesprochen.“ Es werde jedoch noch etwas dauern, um genau herauszufinden, wie die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler laute.
Quereinsteigerin als mögliche „Königsmacherin“
Bei der zukünftigen Regierungsbildung liegt ein besonderes Augenmerk vor allem auf der aufstrebenden Opportunity Party: Sie liegt laut dem Liveticker der Zeitung „The New Zealand Herald“ mit 6,0 Prozent über der Fünfprozenthürde und dürfte damit erstmals ins Parlament einziehen. Mit voraussichtlich mehreren Sitzen könnte sie zum entscheidenden Partner bei der Regierungsbildung werden.
Der 56-jährige Regierungschef Luxon hatte eine Zusammenarbeit mit Opportunity bisher ausgeschlossen. Grund ist vor allem die Steuerpolitik der Partei, die eine neue Bodensteuer und ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert – beides lehnt der konservative Regierungschef ab. Opportunity-Chefin Qiulae Wong hält dagegen an ihrem Angebot fest, mit beiden politischen Lagern zu verhandeln.
Die 38-jährige Wong ist eine politische Quereinsteigerin. Die frühere Unternehmensberaterin und Nachhaltigkeitsexpertin stieß 2025 eher zufällig auf eine Stellenanzeige der Opportunity Party, die eine neue Vorsitzende suchte. Sie bewarb sich – und schaffte innerhalb eines Jahres den Aufstieg von einer weitgehend unbekannten Politikerin zur möglichen „Königsmacherin“.
Hauptthema Wirtschaft
Rund 3,8 Millionen Menschen waren zur Wahl aufgerufen. Die Bevölkerung des Pazifikstaates beschäftigt vor allem die angespannte Wirtschaftslage mit hohen Lebenshaltungskosten, Inflation und steigender Arbeitslosigkeit. Luxons Regierung steht deshalb unter Druck. Mögliche Entlastungen für die Haushalte dominierten den Wahlkampf.
Auch bezahlbarer Wohnraum ist weiterhin ein großes Thema, obwohl sich die Immobilienpreise zuletzt weitgehend stabilisiert haben. Wählerinnen und Wähler der indigenen Maori betrachten zudem Versuche der aktuellen Regierung mit Sorge, Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Lebensbedingungen zurückzunehmen.
In den kommenden Wochen werden außerdem noch Hunderttausende Sonderstimmen ausgezählt. Dazu gehören unter anderem Stimmen von Neuseeländerinnen und Neuseeländern im Ausland und von Wählerinnen und Wählern, die außerhalb ihres eigentlichen Wahlkreises abgestimmt haben. In der Vergangenheit haben diese Stimmen traditionell eher dem linken Lager genützt. Das endgültige Ergebnis wird für den 27. November erwartet. Die nachträgliche Auszählung könnte die Kräfteverhältnisse noch verschieben.
Mehr Mandate für Regierung notwendig
Eine weitere Besonderheit des neuseeländischen Wahlsystems könnte zudem dafür sorgen, dass das Parlament größer wird als üblich. Normalerweise hat es 120 Sitze. Bei dieser Wahl sind jedoch Überhangmandate möglich: Gewinnt eine Partei mehr Direktmandate in den Wahlkreisen, als ihr nach ihrem landesweiten Stimmenanteil zustehen, darf sie diese zusätzlichen Sitze behalten.
Das Parlament in der Hauptstadt Wellington wird dann entsprechend vergrößert. Nach bisherigen Berechnungen könnte es diesmal auf etwa 130 Abgeordnete anwachsen. Damit wären für eine Mehrheit nicht wie üblich 61, sondern mindestens 66 Sitze nötig.
Source: ORF · ORF.at
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇦🇹 AT
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira