Einige Gehminuten vom Berliner Alexanderplatz entfernt, in der Karl-Marx-Allee 33, befindet sich das aufwendig sanierte Kino International, für viele ein Inbegriff moderner DDR-Architektur. Am Freitagabend fand dort das »Festival des kritischen Geistes« statt, eine Hommage nicht nur an den Liedermacher und Lyriker Wolf Biermann, sondern im Grunde an alle, die sich in der DDR ihre innere Unabhängigkeit bewahrt hatten.
Dass auch Angela Merkel eine Ansprache hielt, passte gut zur aktuellen Diskussionslage im Land. Vor allem in den vergangenen Wochen wurde darüber debattiert, wer eine passende Bundespräsidentin sein könnte, ob es auch wirklich, wirklich eine Frau sein sollte. Merkel allerdings hat diesen Job im Grunde längst übernommen. Einen offiziellen Titel braucht die frühere Kanzlerin dazu nicht. Sie ist das Staatsoberhaupt nicht weniger Herzen, so sagen es auch Umfragen.
Merkel bei der Festveranstaltung für Biermann im Kino International: Leiser Spott auch für einen Jubilar
Foto: Sebastian Gollnow / dpaMan kann sich vorstellen, dass Kanzler Friedrich Merz dieser Umstand nicht so gefällt, er sieht in dieser Parteifreundin ja angeblich seine ewige Nemesis. Nach dem Ende ihrer 16-jährigen Kanzlerschaft hielt Merkel sich zuerst zurück, das änderte sich in den vergangenen ein, zwei Jahren. Inzwischen kommt sie aus dem politischen Plaudern nicht mehr heraus. Sie veranstaltet Lesungen, nimmt an Podiumsdiskussionen teil, hält Reden, verleiht Preise, erhält welche, pflanzt Bäume, reicht einem durstigen kleinen Jungen bei einer Signierstunde ihr Wasserglas. Merkel kehrte nicht auf irgendeine Bildfläche zurück, sie hat sich ihre eigene geschaffen.
Im späten September sprach sie anlässlich einer Ausstellungseröffnung. Es war der Tag nach der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern, bei der die CDU unter fünf Prozent blieb. Merkel sagte, der Anspruch einer Volkspartei müsse sein, Brücken zu bauen. Und obwohl sie an dem Abend offiziell über Adenauer und ein Bildnis von ihm redete, war den Anwesenden klar, dass das gegen ihre eigene, von Merz angeführte Partei ging, die mit dem Osten nicht wirklich warm wird. Sie ist längst das überparteiliche Über-Ich der Nation.
Ein Anti-DDR-Fest
Zurück zum Abend im Kino International, der zwei Anlässe hatte. Biermann wird 15. November 90 Jahre alt und einen Tag später jährt sich seine Zwangsausbürgerung aus der DDR zum 50. Mal. Der Liedermacher sang am Freitag vor vollem Haus kraftvoll, verschiedene Leute aus dem Kulturbetrieb rezitierte Texte von ihm, im Saal wurde viel applaudiert. Es war ein im besten Sinne ostalgischer Abend, ein Fest gegen die Nostalgisierung einer Diktatur.
Merkel trat ans Pult, nachdem Biermann die Gitarre zur Seite gelegt hatte. Ihre unprätentiöse Rhetorik, dieser neue Hintergrundsound der Republik, passte gut in diesen Saal. Natürlich darf man ihre Aussagen nicht überinterpretieren. Dass sie den frühen Biermann unter anderem mit dem bekannten Vers »Setzt eurem Werk ein gutes Ende, indem ihr uns den neuen Anfang lasst« zitierte, muss man nicht gleich auf die aktuelle Politik beziehen. Oder?
Merkel versteht durchaus zu sticheln, es ist ihre Art, Stellung zu beziehen, Widerspruch zu üben. Selbst Biermann wurde an diesem Abend von ihr aufgezogen. Sie sagte, er sei früher – wenn sie sich diese Anmerkung erlauben dürfe – ziemlich von sich überzeugt gewesen. Demut sei zumindest in jungen Jahren nicht seine Stärke gewesen. Dieser leise Spott dürfte den Jubilar allerdings geschmeichelt haben.
Nicht ununterbrochen im Mittelpunkt stehen
Ebenso fiel das auf: Ihr eigener Redebeitrag dauerte weniger als 20 Minuten, aber über Stunden lauschte sie von ihrem Platz aus den anderen Teilnehmern. Sie hält es aus, nicht ununterbrochen im Mittelpunkt zu stehen. Als die Erfurter Künstlerin Gabriele Stötzer überraschend von ihrem Sitz auf dem Podium aufstand und Biermann bat, das Lied »Ermutigung« zu spielen, das ihr während ihrer Haft Halt gegeben hatte, wirkte der Saal bewegt und Merkel schien ihrer Körperhaltung zufolge genauso gebannt wie viele andere.
Früher hatte sie mit ihrer Familie in Templin selbst Biermann-Lieder gelauscht, ihr Pastorenvater hatte Tonbandaufnahmen besorgt. Sie war Anfang zwanzig und Leipziger Physikstudentin, als der Liedermacher ausgebürgert wurde, sie war Anfang 50, als sie Kanzlerin wurde, nun ist sie 72 und scheint ihre irgendwie inoffizielle, aber öffentliche Rolle zu genießen. Sie ist mit lässigen Leuten wie Barack Obama befreundet, nimmt Termine nach ihrem Geschmack wahr, solche, die ihr wichtig erscheinen. Als Elder Stateswoman ist sie die Idealbesetzung, dieser Erfahrungsschatz, diese Kontakte, die sich auch angenehm unterscheiden von denen ihres Vorgängers Gerhard Schröder.
Merkel beim Besuch des Deutschen Meeresmuseums in Stralsund, 2025: Anwesenheit im bundesrepublikanischen Raum
Foto: Stefan Sauer / dpaVielleicht ist Merkel der Grund, weshalb es Merz offenbar so schwerfällt, sich auch noch eine starke Frau in Schloss Bellevue oder im sanierungsbedingten Ersatzbau vorzustellen (der dichter an seinem Dienstsitz liegt). Bisher waren ausschließlich Männer Bundespräsidenten, auffallend spät in der Diskussion über die Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier hat Merz in einer internen Sitzung klargestellt, die CDU werde eine Kandidatin vorschlagen. Gefallen ist wohl der Satz »ich bin festgelegt in der Frage, dass es eine Frau werden muss«, der so klingt, als habe er sich märtyrerhaft durchgerungen. Nun ist vor allem die CSU-Frau Ilse Aigner im Gespräch.
Aber auch eine künftige Bundespräsidentin muss sich – wie bereits Steinmeier – mit Merkels Anwesenheit im bundesrepublikanischen Raum arrangieren. Andererseits gilt: Je mehr Menschen sich unüberhörbar für die Demokratie einbringen, desto besser. Ein Freiheitsverfechter wie der Comedian Hape Kerkeling ist ebenso notwendig, vielleicht sollte sich sogar jeder, der sich für eine demokratische Gesellschaft einsetzt, wie eine Bundespräsidentin oder ein Bundespräsident fühlen.
Denn es gilt, was Merkel an dem Biermann-Abend über die Gegenwart sagte: »Unser Land ist geeint, aber noch aufgeregt und zerrissen. Wir ahnen, dass die Demokratie verletzlicher ist, als wir dachten, dass sie mehr braucht als nur freie Wahlen. Sie braucht uns, die Bürger, die in einer Demokratie leben wollen.«
Eine kluge Mahnung, wie sie einer gefühlten Bundespräsidentin gut ansteht.
Source: Der Spiegel · Ulrike Knöfel
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