Menschen protestieren in Tel Aviv, Israel.

Israel wählt neues Parlament "König Bibi" polarisiert - setzt er sich noch mal durch?

Stand: 27.10.2026 • 13:11 Uhr

Benjamin Netanjahu hat Israel länger regiert als jeder andere Politiker vor ihm. Heute entscheiden die Wähler, ob eine weitere Amtszeit dazukommt. Es ist eine Abstimmung über einen Premier, der im Land wie kein zweiter polarisiert.

Julio Segador

Wer in diesen Tagen mit den Menschen in den Fußgängerzonen von Jerusalem oder Tel Aviv über die Wahl zur Knesset spricht, erlebt ein zutiefst zerrissenes Land. Die Gräben verlaufen quer durch Familien, Freundeskreise und die gesamte Gesellschaft. Und im Epizentrum dieser Zerrissenheit steht nun schon seit Jahren unverändert ein einziger Name: Benjamin Netanjahu.

Für seine treuen Anhänger, das Establishment der Likud-Partei und die religiös-nationale Rechte, ist er schlicht "König Bibi", der unersetzbare Führer und der verlässliche Beschützer des jüdischen Volkes. Seine Kritiker dagegen sehen in ihm einen rücksichtslosen, vom puren Selbsterhalt getriebenen Machtpolitiker. Einen Mann, dem das eigene politische Überleben und der Verbleib im Amt längst wichtiger seien als das Wohl und die demokratische Stabilität des Staates.

Sein zentrales Versprechen: Sicherheit

Netanjahus politische DNA ist seit Beginn seiner Karriere untrennbar mit einem zentralen Versprechen verknüpft: Sicherheit. Er inszeniert sich meisterhaft als der einzige Führer Israels, der den Mut und die strategische Härte besitzt, sich den existenziellen Bedrohungen in der Region und, wenn nötig, auch der gesamten Weltöffentlichkeit entgegenzustellen.

Wie tief dieses Selbstverständnis sitzt, demonstrierte der Premier erst vor wenigen Wochen vor den Vereinten Nationen in New York. Gleich zu Beginn seiner Rede legte er die diplomatische Etikette demonstrativ beiseite und rief den Delegierten im Saal entgegen: "Sollte es hier noch weitere moralische Feiglinge geben, die den Raum noch nicht verlassen haben, so mögen sie dies bitte jetzt tun. Danke."

Es ist genau diese kompromisslose, oft konfrontative Rhetorik, die bei einem großen Teil der israelischen Bevölkerung verfängt. In einer Region, die von permanenten geopolitischen Erschütterungen geprägt ist, sehnen sich Millionen von Israelis nach einer starken Hand.

Die Wählerbasis fordert Härte

Nach den kollektiven Traumata der vergangenen Jahre - insbesondere nach den verheerenden Terrorangriffen der Hamas vom 7. Oktober 2023 - positioniert sich Netanjahu umso vehementer als das unerschütterliche Bollwerk gegen Israels Feinde.

Er inszeniert sich als ein Führer, der in der Krise keine Schwäche zeigt und den erbitterten Kampf an mehreren Fronten als historischen Auftrag versteht. "Unser Volk ist stark. Die Israelis sind eine Nation von Löwen mit unbegrenzter Entschlossenheit, unser Land zu verteidigen und unsere Zukunft zu sichern", betont Netanjahu immer wieder in seinen martialischen Ansprachen an die Nation:

Das jüdische Volk ist immer wieder aus der Asche auferstanden. Aber als wir den Staat Israel und die Armee Israels gründeten, gelobten wir: Nie wieder. Nie wieder würden wir unseren Feinden schutzlos ausgeliefert sein.

Für die rechtskonservative Wählerbasis ist "Bibi" der einzige Politiker, der bereit ist, militärische Operationen auch gegen internationalen Druck und diplomatische Warnungen westlicher Verbündeter zu Ende zu bringen.

Seine Unterstützer rechnen ihm das konsequente Vorgehen der vergangenen Monate hoch an: die Zerschlagung der Infrastruktur der Hisbollah im Südlibanon, das Zurückdrängen der Hamas im Gazastreifen und die direkten Militärschläge gegen das Regime und dessen Stellvertreter in Teheran. In ihren Augen führt Netanjahu einen existenziellen Verteidigungskampf, bei dem Kompromisse Lebensgefahr bedeuten.

Massendemonstrationen gegen Justizumbau

Für die Opposition und Hunderttausende Israelis, die seit Monaten regelmäßig auf die Straßen gehen, ist diese Inszenierung als starker Landesvater jedoch nur eine Fassade. Sie blicken mit Entsetzen auf die tiefen innenpolitischen Verwerfungen, die Netanjahus Regierungszeit dem Land eingebrockt hat.

Der massivste gesellschaftliche Protest in der Geschichte des Staates entzündete sich an der von seiner Koalition vorangetriebenen, höchst umstrittenen Justizreform. Kritiker, Juristen und weite Teile der High-Tech- und Militärelite werfen Netanjahu vor, die Unabhängigkeit der Gerichte gezielt zu beschneiden und damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in Israel systematisch auszuhebeln.

Hinzu kommen die seit Jahren schwelenden Korruptionsprozesse wegen Betrugs, Untreue und Bestechlichkeit, die den Premierminister persönlich schwer belasten. Das Thema schlägt internationale Wellen: Sogar sein enger politischer Verbündeter, US-Präsident Donald Trump, schaltete sich ein und forderte während einer Rede vor der Knesset öffentlich eine Begnadigung des israelischen Regierungschefs.

Der Vorwurf: "Purer Selbsterhalt"

Für ehemalige Weggefährten wie Moshe Yaalon, den einstigen israelischen Verteidigungsminister, hat sich Netanjahus Triebfeder im Laufe der Jahrzehnte fundamental verändert. Er sieht im Premier keinen Staatsmann mehr, der vom klassischen zionistischen Ideal geleitet wird, sondern einen Politiker im permanenten Überlebensmodus.

"Er will an der Macht festhalten", kritisiert Yaalon scharf. "Wer also behauptet, er habe keine Strategie, der irrt: Er hat sehr wohl eine Strategie, doch diese hat nichts mit Außenbeziehungen, unserer Sicherheit oder den Interessen des Staates Israel zu tun. Es geht ihm einzig darum, aus persönlichen Interessen an der Macht zu bleiben."

Ähnlich umstritten wie Benjamin Netanjahu ist seine Ehefrau Sara. Kritiker schreiben ihr einen großen Einfluss auf seine Personalpolitik zu.

Rechtsextreme Allianzen und der Einfluss im Hintergrund

Um dieses Überleben und seine Regierungsmehrheiten zu sichern, ging Netanjahu in den vergangenen Jahren Allianzen ein, die vor kurzem noch als politisch undenkbar galten. Er formte Koalitionen mit ultranationalistischen, rechtsextremen und streng orthodoxen Kräften.

Kritiker monieren, dass diese Partner Zugeständnisse erpressen, die das ohnehin fragile gesellschaftliche Gefüge zwischen säkularen und religiösen Israelis sowie der arabischen Minderheit bis aufs Äußerste strapazieren.

Wie sehr Netanjahus Politik und Machtapparat nicht nur von ideologischen, sondern auch von hochgradig privaten Dynamiken bestimmt werden, enthüllen Berichte von Insidern aus dem engsten Zirkel der Macht. Nir Hefetz, Netanjahus langjähriger Sprecher und Vertrauter, beschreibt den außergewöhnlich großen Einfluss, den Ehefrau Sara Netanjahu im Hintergrund ausübt.

"Keine zentrale Personalentscheidung im Büro des Premierministers kommt ohne Saras Zustimmung zustande", berichtet Hefetz aus der Innensicht. "Ich würde sogar sagen, sie hat das absolute - und ich meine wirklich 'absolute', also uneingeschränkte - Monopol darauf, zu entscheiden, ob man jemandem vertrauen kann oder nicht."

Das Bild, das Insider zeichnen, zeigt ein System, in dem Loyalität zum Ehepaar Netanjahu über der fachlichen Eignung für Staatsämter steht.

Abstimmung auch über Netanjahus Erbe

In den Wahllokalen geht es heute für die Menschen in Israel um weit mehr als um die klassischen Parteiprogramme, Wirtschaftsfragen oder Sozialpolitik. Es ist eine Schicksalswahl und ein Referendum über ein zutiefst umstrittenes politisches Erbe.

Netanjahu hat das Land über Generationen geprägt wie kein Zweiter. Am Wahltag entscheidet sich, welchen Weg Israel einschlägt: Folgt die Mehrheit dem Narrativ des "Königs Bibi", dem unnachgiebigen Strategen in Zeiten des Krieges? Oder setzt sich die Erschöpfung einer Gesellschaft durch, die in ihm den großen Spalter sieht, der das Land an den Rand des demokratischen Abgrunds geführt hat? Die Antwort darauf wird die Zukunft des Nahen Ostens maßgeblich mitbestimmen.

Parlamentswahl in Israel

Israel wählt am 27. Oktober 2026 ein neues Parlament, die Knesset. Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die 120 Abgeordneten zu bestimmen.

Die Wahllokale sind zwischen 7.00 Uhr und 22.00 Uhr Ortszeit geöffnet (6.00 Uhr und 21.00 Uhr MEZ). Unmittelbar nach Schließung der Wahllokale veröffentlichen die israelischen Fernsehsender Prognosen auf Grundlage von Nachwahlbefragungen, die erste Hinweise auf den Wahlausgang geben könnten. Sollte kein Bündnis eine deutliche parlamentarische Mehrheit erreichen, könnte es jedoch dauern, bis sich ein klares Bild abzeichnet.

Die Mandate werden nach dem Verhältniswahlrecht über landesweite Parteilisten vergeben. Dabei müssen die Parteien eine Sperrklausel von 3,25 Prozent der abgegebenen Stimmen überwinden. Etwa ein Dutzend Parteien könnte diese Hürde nehmen. Die endgültige Auszählung und die Sitzverteilung dauern entsprechend lange. Das vorläufige Ergebnis wird für den 30. Oktober erwartet. Das amtliche Endergebnis wird eine Woche nach der Wahl, am 4. November, veröffentlicht.

Anschließend beauftragt der israelische Präsident jenen Kandidaten mit der Regierungsbildung, dem die besten Chancen eingeräumt werden. Dieser hat zunächst vier Wochen Zeit, eine Koalition zu schmieden.

Source: Tagesschau · Julio Segador

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