Stand: 26.10.2026 • 10:06 Uhr
US-Präsident Trump wurde 2024 von vielen Menschen gewählt, die sonst nicht für die Republikaner stimmen. Kurz vor den Zwischenwahlen zeigen Umfragen nun: Diese Wähler hat er besonders enttäuscht.
Auch in der US-amerikanischen Politik gibt es das Wort Koalition ("coalition"), es hat aber eine ganz andere Bedeutung als bei uns. Die "Trump-Coalition" bestand bei der Wahl 2024 aus den gesellschaftlichen Gruppen, die Donald Trump erfolgreich angesprochen und mit denen er die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte.
Aus dieser Koalition sind innerhalb von zwei Jahren wichtige Teile herausgebrochen, sie ist deutlich geschrumpft. Zu Beginn seiner zweiten Amtszeit im Februar 2025 hatte Trump in den Umfragen des Pew Research Centers noch 47 Prozent Zustimmung, kaum weniger als sein Wahlergebnis im November 2024. Fast zwei Jahr später, im Oktober 2026, ist der Wert auf 30 Prozent abgesackt. Mehr als ein Drittel der "Trump-Coalition" ist enttäuscht und wendet sich wieder ab. Und diese Enttäuschung ist ausgerechnet in den Gruppen am größten, die er damals neu für sich gewinnen konnte.
2024 gewann Trump das "Popular Vote"
Bei den republikanischen Stammwählern gelang Trump bei der vergangenen Präsidentschaftswahl - wie schon bei den vorangegangenen Wahlen - eine hohe Mobilisierung: Weiße Wählerinnen und Wähler außerhalb der Großstädte, konservative und religiös geprägte Menschen, vor allem evangelikale Christen, sympathisierten nicht nur mit ihm, sie gaben auch in großer Zahl ihre Stimmen für ihn ab.
So gelang es ihm erstmals und anders als noch 2016, auch das "Popular Vote" zu gewinnen, also die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. 77,3 Millionen (49,7 Prozent) wählten Trump, 75 Millionen (48,2 Prozent) seine damalige demokratische Gegenkandidatin Kamala Harris.
Das Beachtliche bei der Wahl 2024: Trump gewann entscheidende Stimmen in Gruppen, die nicht zum klassisch republikanischen Wählerpotential gehören. Gegenüber 2016 und 2020 wurde er deutlich stärker von ethnischen Minderheiten gewählt, den Latinos und in geringerer Zahl auch von Schwarzen. Beide Gruppen blieben zwar mehrheitlich demokratisch. Aber Trump konnte gerade unter den männlichen Latinos und Schwarzen beträchtlich zulegen. Und junge Männer insgesamt unterstützten Trump stärker als früher - egal welcher Hautfarbe.
Umfragen sehen Republikaner jetzt im Nachteil
Zwei Jahre später hat sich das Bild völlig verändert. In den Umfragen zu den Kongresswahlen liegen die Republikaner deutlich hinter den Demokraten und fürchten um die Mehrheit im Repräsentantenhaus, vielleicht sogar im Senat. Nach der jüngsten Erhebung des Pew Research Center wollen nur 36 Prozent der Befragten bei der Wahl zum Repräsentantenhaus für einen republikanischen Kandidaten stimmen, 44 Prozent für Demokraten. 15 Prozent sind unentschlossen, fünf Prozent neigen zu anderen, nicht parteigebundenen Personen.
Diese Pew-Umfrage ist deshalb spannend, weil sie ganz direkt nach dem Einfluss von Präsident Trump auf die Entscheidung fragt. Nur 19 Prozent sehen ihre Stimme als ein Votum für Trump, 44 als eine Stimme gegen ihn. Immerhin wirbt Trump bei fast jeder Wahlkampfveranstaltung dafür, an ihn zu denken, auch wenn er nicht selbst auf dem Wahlzettel stehe.
Unter den Wählerinnen und Wählern, die einen republikanischen Kandidaten wählen wollen, möchten weniger als die Hälfte (48 Prozent) ihr Kreuz als Stimme für Trump gewertet wissen. Dafür ist die Gegenmobilisierung umso stärker. 84 Prozent derer mit demokratischer Wahlabsicht sehen ihre Entscheidung auch als Stimme gegen Trump
Die Enttäuschung ist so breit, dass sie in alle Wählergruppen der Trump-Koalition reicht. Aber sie ist längst nicht in allen Gruppen gleich groß. Am stärksten abgewendet haben sich diejenigen, die aus typisch demokratisch geprägten Milieus kommen und 2024 zum ersten Mal Trump gewählt haben - viele Latinos und Schwarze.
Latinos mittlerweile kritischer gegenüber Trump
Vor allem ein genauerer Blick auf die Latinos macht den Stimmungswandel deutlich. Bei den Wahlen 2016 und 2020 war Trump hier noch deutlich unterlegen. Hillary Clinton hatte in dieser Gruppe 2016 einen Vorsprung von 38 Prozentpunkten, Joe Biden 2020 immerhin noch von 25 Punkten. Trump konnte diesen Rückstand 2024 auf nur drei Punkte verringern, holte also fast die Hälfte der Stimmen in dieser Gruppe. Aktuell wollen nur noch 24 Prozent im November republikanische Kandidaten wählen.
Die Latinos stellten 2024 zwar laut Nachwahlerhebungen nur elf Prozent der Wählerschaft, machen aber rund 20 Prozent der Bevölkerung aus. Der Altersdurchschnitt ist niedrig, viele wachsen noch ins Wahlalter hinein. Der politische Einfluss dieser Wählergruppe wird wachsen.
Bei der Präsidentschaftswahl 2024 war es neben der Inflation und den wirtschaftlichen Problemen, gerade bei Selbständigen, auch Trumps harte Migrationspolitik, die die Latinos überzeugte. Als Menschen, von denen viele selbst legal eingewandert waren oder aus Einwanderungsfamilien stammen, die sich durch harte Arbeit eine Existenz aufgebaut haben, war bei ihnen die Ablehnung der illegalen Migration besonders deutlich.
Zu den sechs Bundesstaaten, die Trump 2024 von den Demokraten gewinnen und mit denen er den Sieg im Wahlmännergremium erringen konnte, gehörten mit Arizona und Nevada zwei Bundesstaaten dazu, in denen die Latinos mit ihrem hohen Bevölkerungsanteil entscheidend waren. So sehr viele in dieser Gruppe auf Trump gehofft haben, so groß ist ihre jetzt die Enttäuschung darüber, dass Preise weiter gestiegen sind, dass das Familienbudget weiter geschrumpft ist.
Auch Jüngere rücken von Trump ab
Ebenfalls deutlich ist der Absturz bei den Jüngeren. Diese Gruppe wählt traditionell mit großer Mehrheit demokratisch. Trump hatte seinen Rückstand bei den 18- bis 29-Jährigen von 30 Punkten 2016 auf 19 Punkte 2024 verringern können.
Aber in dieser Gruppe waren Frauen und Männer klar gespalten. Junge Frauen wählten überwiegend Harris, junge Männer Trump. Die spielten bei seinen Wahlerfolgen im Mittleren Westen eine große Rolle, in Michigan, Wisconsin und Pennsylvania. Hier hatten große Teile der weißen Arbeiterschicht den Demokraten den Rücken gekehrt, darunter viele junge Männer. Inflation und Wirtschaftslage waren wichtige Motive, aber auch Trumps Versprechen, Militäreinsätze und Kriege zu beenden.
Tatsächlich hat Trump einen höchst unpopulären neuen Krieg gegen Iran begonnen - ein Grund, warum sich die Jüngeren abgewendet haben. Nur 23 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wollen bei den anstehenden Wahlen für das Abgeordnetenhaus einen republikanischen Kandidaten unterstützen. Die Zustimmung unter den jungen Trump-Wählern von 2024 hat sich praktisch halbiert.
Wechselwähler sind nicht entscheidend
Wahlen in den USA werden schon seit vielen Jahren kaum noch durch Wechselwähler entschieden. Verschiedene Studien kommen zu dem Schluss, dass nur etwa fünf bis höchstens zehn Prozent der Wählerinnen und Wähler überhaupt offen für einen Parteiwechsel sind, der große Rest ist fest gebunden in einem der beiden Lager.
Der größte Teil der milliardenteuren Wahlkampagnen hat zum Ziel, die eigenen Anhänger zu mobilisieren oder die gegnerischen zu demobilisieren. Deshalb war Trumps Koalition 2024 so bemerkenswert. Er hatte beachtliche Teile aus der eigentlich demokratischen Koalition zum Wechsel animiert - und dazu unter den Jungen viele Erstwähler gebunden. Dieses wertvolle Kapital hat er offenbar weitgehend wieder verspielt.
Source: Tagesschau · Jörg Schönenborn
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