Wer führt, wagt mehr. Einen Zusammenhang zwischen Rang und Risikobereitschaft gibt es laut einem internationalen Forschungsteam bei Schimpanse, wie auch bei Menschen.
29.10.2026, 10.56 Uhr
Schimpanse in Tansania
Foto: Anup Shah / Stone / Getty ImagesAffiges Verhalten mag Männern und Frauen in Führungspositionen gelegentlich ganz ohne wissenschaftlichen Bezug vorgeworfen werden. Nun haben Forscherinnen und Forscher aber tatsächlich eine Gemeinsamkeit entdeckt: Wer als Mensch oder Schimpanse in einer sozialen Gemeinschaft Führung übernimmt, zeigt oft eine überdurchschnittliche Risikobereitschaft.
Menschen in Führungspositionen schätzten sich selbst im Schnitt als risikobereiter ein als Menschen ohne Führungsverantwortung, schreibt das Team vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, der Technischen Universität Dresden und der University of Portsmouth im Fachjournal »The Leadership Quarterly« . Auch Schimpansen, die in ihren Gemeinschaften einen hohen sozialen Rang innehaben, werden als risikofreudiger eingeschätzt.
»Die Ergebnisse legen nahe, dass die Verbindung zwischen Führungsposition und Risikobereitschaft tiefe evolutionäre Wurzeln haben könnte«, sagt die federführende Autorin der Studie, Lou Marie Haux vom MPI für Bildungsforschung. »Die Parallelen zwischen der Risikobereitschaft bei Menschen und Schimpansen in Führungspositionen deuten darauf hin, dass sich diese Eigenschaft bei beiden Arten möglicherweise als Anpassungsstrategie entwickelt hat, um mit dem Wettbewerb in sozialen Hierarchien sowie mit den Anforderungen ungewisser und oft feindlicher Umgebungen fertigzuwerden.«
Wer risikobereiter ist, sollte jedoch nicht automatisch mit einer künftigen Führungsposition rechnen. »Wir wissen nicht mit Sicherheit, ob risikofreudige Menschen eher in Führungspositionen gelangen oder ob Führungsrollen Menschen risikobereiter machen«, sagt Forscherin Haux. Die Analyse deute eher auf ersteres hin, weil bei vielen Menschen die höhere Bereitschaft zum Risiko schon vorhanden sei, bevor sie in Führungspositionen gelangten. Es sei jedoch weitere Forschung nötig, um die Wechselwirkung genauer zu verstehen.
Bei den Schimpansen war der Zusammenhang zwischen Führungsposition und erhöhter Risikobereitschaft ausgeprägter als bei den Menschen. Die Autoren mutmaßen, der Unterschied ließe sich dadurch erklären, dass in der menschlichen Gesellschaft bei der Vergabe von Führungspositionen neben individuellen Eigenschaften auch Faktoren wie Bildung oder berufliche Qualifikationen eine Rolle spielen. In der Tierwelt hingegen kämen häufiger direkte Auseinandersetzungen vor, weshalb die Risikobereitschaft eine noch größere Rolle für den sozialen Status spielen könnte.
Für Primaten spielt Risikobereitschaft eine noch größere Rolle
Für die Analyse wurden Daten von mehr als 40.000 Menschen im Sozio-oekonomischen Panel ausgewertet, einer repräsentativen deutschen Langzeitstudie. Darin schätzen Befragte ihre Risikobereitschaft selbst ein. Neben Führungsverantwortung ging auch ein höheres Einkommen mit mehr Risikobereitschaft einher.
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Zudem befragten die Forscherinnen und Forscher Tierpflegerinnen und Tierpfleger über 86 Schimpansen aus Auffangstationen in Uganda und Kenia dazu, wie risikofreudig die Tiere sind. Diese Einschätzungen wurden mit dem jeweiligen Status der Tiere in ihrem sozialen Gefüge in Beziehung gesetzt.
jml/dpa
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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