Stand: 04.11.2026 • 14:21 Uhr
Bekannt wurde die RNA-Medizin vor allem während der Corona-Pandemie - durch die mRNA-Impfstoffe. Künftig könnten solche Therapien auch bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, seltenen Krankheiten oder Krebs zum Einsatz kommen.
Von Ulrike Till, Emily Burkhart, Ralf Kölbel, ARD-Wissenschaftsredaktion (SWR)
Mit der Covid-mRNA-Impfung ist die RNA-basierte Medizin weltweit bekannt geworden - doch ihr Potenzial reicht Forscherinnen und Forschern zufolge weit darüber hinaus. Bereits rund ein Dutzend RNA-Medikamente sind in der EU zugelassen, weitere befinden sich in Entwicklung, etwa zur Behandlung von Tumoren oder Herzkrankheiten.
Welche Chancen mit dieser Technologie verbunden sind und welche politischen Rahmenbedingungen dafür nötig sind, analysiert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in ihrer neuen Stellungnahme zur RNA-basierten Medizin.
Eine Bauanleitung für die Zelle
In menschlichen Zellen werden ständig Proteine hergestellt - als Baustoffe beispielsweise für Muskeln oder Helfer der Immunabwehr. Die Anleitung dazu liegt im Erbgut, in der DNA. Die Boten-RNA (mRNA) wird als Kopie dieser Bauanleitung zu den "Protein-Fabriken" der Zelle gebracht.
Genau hier setzen auch RNA-Medikamente an: Sie liefern eine Bauanleitung, sodass die Zelle vorübergehend ein gewünschtes Protein herstellt, oder sie bremsen die Produktion krankheitsrelevanter Proteine. "RNA ist ein vielseitiges Werkzeug", sagt Jörg Vogel, Direktor des Helmholtz-Instituts für RNA-basierte Infektionsforschung und Sprecher der Leopoldina-Arbeitsgruppe RNA-basierte Therapien. Die gleiche Technologie lasse sich auf viele verschiedene Krankheiten anwenden - vom seltenen Gendefekt bis zur weit verbreiteten Volkskrankheit.
Welche Therapien es bereits gibt
Ein Beispiel ist Inclisiran, ein zugelassener Wirkstoff gegen zu hohe Werte des LDL-Cholesterins. LDL wird oft als "schlechtes" Cholesterin bezeichnet: Ist zu viel davon im Blut, kann das Ablagerungen in den Gefäßen begünstigen. Der Wirkstoff bremst die Herstellung eines Proteins, das den Cholesterinspiegel beeinflusst. Dadurch sinkt der LDL-Wert.
Bei anderen Krankheiten steht die Forschung noch am Anfang. So wird beispielsweise ein RNA-Wirkstoff gegen Herzschwäche in Studien geprüft. Eine Zulassung gibt es dafür bislang nicht.
Wie weit ist die Forschung gegen Krebs?
Bei mRNA-Impfstoffen stellt der Körper ein ausgewähltes Protein her, das das Immunsystem erkennen und gezielt bekämpfen kann. Dieses Prinzip lässt sich auch therapeutisch gegen Krebs nutzen. Die Behandlung kann auf den individuellen Tumor eines Patienten zugeschnitten werden, was die Herstellung jedoch aufwendig macht.
"Hier wird quasi ein Impfstoff personalisiert für jeden einzelnen Patienten aus den Daten des eigenen Tumorgewebes hergestellt", erklärt Selma Ugurel, Chefärztin für Dermatologie an der Uniklinik Bielefeld, im SWR-Interview.
Beim schwarzen Hautkrebs (Melanom) gibt es nun erste Ergebnisse der letzten Phase einer großen Studie mit mehr als 1.100 Betroffenen. Nach erfolgreicher Operation erhielten alle eine etablierte Immuntherapie, 757 zusätzlich eine personalisierte mRNA-Impfung. In dieser Gruppe sank das Rückfallrisiko um 42 Prozent. Ugurel nennt die Daten "sehr vielversprechend" und hofft, "dass wir hier bald eine neue Therapie für unsere Patienten in Deutschland zur Verfügung haben werden."
Behandlung seltener Krankheiten
Manche seltenen Krankheiten beruhen auf Fehlern im Erbgut: Die Zelle bekommt eine falsche Bauanleitung und stellt ein defektes oder gar kein Protein her. RNA-Wirkstoffe setzen an der Boten-RNA an, ohne die DNA - das Erbgut im Zellkern - zu verändern. Sie können bewirken, dass die Zelle die Anleitung anders abliest und wieder ein brauchbares Protein bildet - wie bei der Muskelerkrankung Duchenne-Muskeldystrophie.
Wirkstoffe wie Nusinersen können die fehlerhafte RNA so verändern, dass wieder ein funktionsfähiges Muskelprotein entsteht. Andere Wirkstoffe bauen krankmachende RNA gezielt ab oder liefern per mRNA vorübergehend eine fehlende Bauanleitung nach, sodass die Zelle das gewünschte Protein selbst produzieren kann.
Eine zentrale Herausforderung ist der Transport: RNA ist im Körper instabil und erreicht nicht automatisch die richtigen Zellen. Winzige Fetthüllen können sie schützen und beim Transport helfen. Trotzdem lassen sich noch längst nicht alle Organe gezielt erreichen. Hinzu kommen mögliche Nebenwirkungen, etwa unerwünschte Reaktionen des Immunsystems. Deshalb muss jede neue Behandlung einzeln geprüft werden. Außerdem ist offen, wie sich solche aufwendigen Einzelbehandlungen finanzieren lassen.
Empfehlung: Nationale Forschungsstrategie
Die Leopoldina sieht in Deutschland starke Grundlagenforschung und Expertise etwa in Biomedizin und Nukleinsäurechemie und verweist auf mehrere spezialisierte Forschungszentren - unter anderem in Würzburg, Berlin, München und Mainz. Zugleich sieht die Wissenschaftsakademie Lücken: Es fehle eine nationale Strategie, frühe Studien am Menschen seien teils unterfinanziert und bei Ausgangsstoffen bestehe eine starke Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten.
"Wir haben eine große Abhängigkeit zum Beispiel von Asien, bei den Vorstufen für diese Medikamente. Man kann das ein bisschen salopp so formulieren: Wenn China uns den Hahn zudreht, dann können wir diese RNA-basierte Medizin nicht so umsetzen, wie wir das wollen", sagt Jörg Vogel.
Die Empfehlungen der Leopoldina reichen daher von besserer Vernetzung und Förderung bis zum Ausbau von Produktionskapazitäten und Lieferketten. Für Patientinnen und Patienten zählt am Ende nicht nur, ob eine Therapie entwickelt werden kann. Sie muss auch zuverlässig hergestellt werden, bezahlbar sein und diejenigen erreichen, die sie brauchen.
Source: Tagesschau · Ulrike Till, Emily Burkhart, Ralf Kölbel, ARD-Wissenschaftsredaktion (SWR)
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