Moto Guzzi bereitet die Welt auf ein Motorrad vor, das mit gleich zwei liebgewonnenen Markentraditionen brechen dürfte. Das neue Modell mit dem Arbeitstitel „The Trip“ soll heute, Mittwoch, den 28. Oktober, vorgestellt werden. Als Antrieb verwendet Moto Guzzi den 457-cm³-Reihenzweizylinder aus dem Piaggio-Konzern, den die Marke Aprilia bereits in RS 457 und Tuono 457 verbaut. Das dürfte aber nicht die einzige Gemeinsamkeit sein. Statt der seit einigen Jahrzehnten für Guzzi typischen Kardanwelle treibt eine Kette das Hinterrad an.
Offiziell ist bislang wenig. Der Teaser auf dem Instagram-Kanal von Moto Guzzi zeigt nur kurze Ausschnitte: einen runden Scheinwerfer mit stilisiertem Tagfahrlicht, eine kompakte Front, ein kurzes Heck – grosso modo also die Silhouette eines modernen Roadsters der Mittelklasse. Dass Piaggio die Bezeichnungen „The Trip“ oder „The Trip 500“ als Marken angemeldet hat, ist zwar ein Indiz für die Namensplanung, aber noch keine Festlegung für das Serienmodell.
Bekannter Motor, eigenes Fahrwerk
Laut Datenblatt der Aprili RS 457 arbeitet der flüssigkeitsgekühlte Twin mit zwei obenliegenden Nockenwellen, vier Ventilen pro Zylinder und Ride-by-Wire. Mit einem Bohrungs-Hub-Verhältnis von 69 × 61,1 Millimeter und einer 270-Grad-Kurbelwelle leistet er 35 Kilowatt (47,6 PS) bei 9400/min und bringt eine maximale Drehkraft von 43,5 Nm bei 6700/min auf. Damit fiele das neue Modell in die Führerscheinklasse A2. Ein Sechsganggetriebe mit Anti-Hopping-Kupplung gehört dazu. Dass derselbe Motor im Konzern unterschiedlich ausgelegt wird, zeigt bereits die Tuono 457: Aprilia gibt ihr eine kürzere Endübersetzung für kräftigeren Durchzug als bei der RS.
(Bild: Piaggio)
Eine umetikettierte Aprilia scheint nicht geplant. Man erkennt eine Upside-down-Gabel, eine Aluminiumschwinge und darf aufgrund der Bilder zwei hintere Federbeine vermuten, während die Aprilia-Modelle ein Zentralfederbein haben. Statt des Aluminiumrahmens der RS 457, in den der Motor als tragendes Element eingebunden ist, könnte Guzzi einen eigenen Stahlrohrrahmen nutzen. Zu Bremsen und Assistent sagt Guzzi noch nichts. Die verwandte Aprilia bietet eine 320-Millimeter-Scheibe mit radialem Vierkolbensattel vorn, drei Fahrmodi, Traktionskontrolle, Zweikanal-ABS und ein 5-Zoll-TFT.
Gut bestückte, aber lukrative A2-Klasse
Eine A2-Auslegung begrenzt Motorräder auf 35 Kilowatt und ein Leistungsgewicht von 0,2 kW/kg. Bei der Spitzenleistung läge „The Trip“ damit gleichauf mit der konzerneigenen Tuono 457, die Aprilia in Deutschland für 6650 Euro anbietet, und der Honda CB500 Hornet mit ihren 471 cm³ und 35 kW, sowie 43 Nm. Die Kawasaki Z500 kommt auf 45 PS, die Yamaha MT-03 mit 321 cm³ auf 42 PS und 30 Nm, ist dafür aber leichter.
Das kommende Modell würde die Palette deutlich nach unten erweitern. Ein günstigeres A2-Motorrad zielt erkennbar auf jüngere Fahrerinnen und Fahrer, die bisher kaum zur Kundschaft der Marke gehören. Der Konzernmotor erspart Moto Guzzi Entwicklungskosten. Die Maschine dürfte zudem im indischen Baramati gefertigt werden, wo auch die Aprilia-457-Modelle entstehen.
Ob „The Trip“ ein Einzelmodell bleibt, ist offen. Bisher ist nur von einem Roadster die Rede. Scrambler- oder Reisevarianten auf derselben Basis lägen nahe, angekündigt sind sie nicht. Die Vorstellung fällt in das Jahr, in dem Moto Guzzi sein 105-jähriges Bestehen feiert. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass bei Guzzi die Kette als Sekundärantrieb über Jahrzehnte dominierte und auch der V-Motor gemessen am Gründungsjahr erst relativ spät in die Produktion genommen wurde. Wenn heute V2 und Kardan das Bild von Moto Guzzi bestimmen, muss man sich daran erinnern, dass genau jene beide Merkmale ursprünglich (1967) gar nicht für die Öffentlichkeit, sondern exklusiv für Behörden gedacht waren. Bleibt zu hoffen, dass mit „Trip“ eine kurze Reise gemeint sein soll, denn beim Verb „to trip“ müsste man inständig hoffen, dass Moto Guzzi mit dem neuen Modell nicht in etwas hineinstolpert.
(fpi)
Source: Heise · Florian Pillau
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