Passagier beim Boarding eines Privatjets.

Stand: 27.10.2026 • 11:42 Uhr

Superreiche heizen die Klimakrise mit Privatjets, Konsum und Investitionen an. Gleichzeitig leiden ärmere Menschen stärker unter ihren Folgen. Wie lässt sich Klimaschutz sozial gerecht gestalten?

Michelle Goddemeier

Zwei Sekunden: So lange dauert es, bis Privatjets weltweit mehr CO2 ausstoßen, als ein Mensch aus der ärmeren Hälfte der Weltbevölkerung in einem ganzen Jahr verursacht. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Berechnung von Oxfam. Die Entwicklungsorganisation untersucht in ihrem Bericht, wie stark Superreiche mit ihrem Lebensstil und ihren Investitionen die Klimakrise anheizen.

Die Zahlen zeigen eine große Ungleichheit: Während einige Menschen mit Privatjets reisen und viel konsumieren, fehlt anderen das Geld, um sich ausreichend vor Hitze, Überschwemmungen oder steigenden Energiekosten zu schützen. Sind die Reichen also schuld am Klimawandel? "Die Reichen sind nicht alleine schuld an der Klimakrise, aber sie tragen eine enorme Verantwortung", sagt Claudia Kemfert, Energieökonomin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.

Große Unterschiede beim Lebensstil

Weltweit verursachen Kemfert zufolge die reichsten zehn Prozent der Menschen fast die Hälfte der CO2-Emissionen. Auf das reichste Prozent entfielen demzufolge etwa 17 Prozent der Emissionen, auf die ärmere Hälfte der Bevölkerung dagegen nur acht Prozent.

Wie groß die Unterschiede beim persönlichen Lebensstil sind, zeigt sich besonders beim Fliegen. "Wer viel und weit fliegt, das sieht man sehr deutlich, verursacht auch sehr viel mehr CO2-Emissionen", sagt Kemfert. Ein großes Thema sind dabei Privatjets. "Nichts symbolisiert den klimaschädlichen Lebensstil der Überreichen eindrücklicher als das", berichtet auch Leonie Petersen, Referentin für sozial-ökologische Transformation bei Oxfam der ARD-Finanzredaktion.

Auf Privatjets gingen laut Oxfam-Bericht 2025 weltweit insgesamt 16 Millionen Tonnen Kohlendioxid zurück. An deutschen Flughäfen starteten danach im vergangenen Jahr über 55.000 Privatjets, die zusammen mehr als 182.000 Tonnen CO2 ausstießen. Hinzu kämen bei Superreichen größere Wohnungen und mehr Konsum. Doch ihre Klimabilanz endet dort nicht.

Was ist Oxfam?

Oxfam ist eine internationale Nothilfe- und Entwicklungsorganisation, die weltweit Armut bekämpfen will. Dafür arbeitet Oxfam nach eigenen Angaben mit rund 3.000 lokalen Partnern in fast 80 Ländern zusammen. In Deutschland betreibt das Hilfswerk 57 Secondhandshops mit ca. 4.000 ehrenamtlichen Mitarbeitenden.

Investitionen sind enorm wichtig

Auch die Investitionen von Superreichen spielen eine wichtige Rolle. Oxfam hat die Beteiligungen von 1.000 Milliardären an insgesamt 1.095 Unternehmen untersucht. Dem Bericht zufolge flossen 2025 rund 71 Prozent ihrer Investitionen in besonders klimaschädliche Branchen wie Öl, Gas und Chemie. Die den Beteiligungen zugerechneten Emissionen beliefen sich auf insgesamt 486 Millionen Tonnen sogenannter CO2-Äquivalente. Das ist eine Maßeinheit, die die Klimawirkung verschiedener Treibhausgase mit der von CO2 vergleichbar macht.

Die Emissionen werden dabei anteilig den Investoren zugerechnet. Bei den 49 Deutschen unter ​diesen Milliardären lagen die Investitionsemissionen demzufolge mit durchschnittlich rund 705.000 Tonnen ‌CO2-Äquivalenten weit über dem internationalen Durchschnitt.

"Also es geht eben nicht nur darum, wie Menschen leben, sondern auch darum, wohin ihr Geld fließt", sagt Kemfert. Das habe viel mit Einkommen und Vermögen zu tun. Auch in Deutschland sind die Unterschiede laut Oxfam groß: Eine Person aus dem reichsten 0,1 Prozent der Bevölkerung verursacht danach 52-mal so viele CO2-Emissionen wie eine Person aus der ärmeren Hälfte.

Reiche können sich besser schützen

Die Ungleichheit zeigt sich auch bei den Folgen der Erderwärmung. Menschen mit hohen Einkommen können sich häufig besser vor Extremwetter schützen. "Reichere Menschen leben beispielsweise eher in Gegenden, die weniger anfällig sind für klimabedingte Katastrophen wie Dürren oder Überschwemmungen", so Petersen von Oxfam.

Ärmere Menschen wohnten hingegen häufiger in schlecht isolierten Gebäuden, könnten sich eine energetische Sanierung nicht ohne Weiteres leisten und verfügten nach einer Katastrophe über weniger finanzielle Rücklagen. "Das heißt, sie sind stärker betroffen von den Folgen der Klimakrise", sagt Petersen.

Oxfam zufolge ist die Zahl der Todesfälle durch Überschwemmungen in Ländern mit größerer Ungleichheit siebenmal so hoch wie in weniger ungleichen Ländern. Die Organisation argumentiert, dass soziale Ungleichheit Klimakatastrophen verschärft, weil sie darüber mitentscheidet, wer besonders gefährdet ist und wer sich von Schäden erholen kann.

Oxfam-Zahlen

Es gab in der Vergangenheit immer wieder Kritik an der Methodik von Oxfam. Hier erklärt die Organisation, mit welchen Daten sie arbeitet.

Oxfam argumentiert, ihre Veröffentlichungen seien keine Wissenschaft und gäben dies auch nicht vor. Entscheidend sei, dass die extreme Ungleichheit des Vermögens real sei. Darauf wolle die Organisation hinweisen.

Klimakatastrophen verschärfen soziale Ungleichheit

Auch Kemfert sieht darin ein zentrales Problem. "Diejenigen, die besonders viele Emissionen verursachen, die können sich meistens auch am besten vor den Folgen der Klimakrise schützen." Menschen mit geringerem Einkommen seien dagegen häufig besonders verletzlich.

Damit verstärke der Klimawandel bereits bestehende soziale Unterschiede. Wer wenig besitzt, kann durch eine Katastrophe einen großen Teil seiner Lebensgrundlage verlieren. Wohlhabendere Menschen können Schäden eher ausgleichen und ihr Vermögen schützen.

Stärkere Besteuerung und Entlastungen für Ärmere

Was also tun? Oxfam fordert, hohe Vermögen und Privatjets stärker zu besteuern. Die Einnahmen sollen helfen, die Wirtschaft klimafreundlich umzubauen und die Folgen der Klimakrise zu bewältigen. "Wer die Klimakrise so stark befeuert, muss auch für ihre Bewältigung zahlen, statt die Kosten auf die Allgemeinheit abzuwälzen", sagt Oxfam-Referent Manuel Schmitt.

Die Organisation fordert zudem, wirtschaftlich benachteiligte Länder und ärmere Bevölkerungsschichten bei der Bewältigung der Klimakrise angemessen zu unterstützen. Ähnlich sieht das DIW-Experten Kemfert: "Menschen, die ein geringeres Einkommen oder mittleres Einkommen haben, müssen gezielt durch ein sozial gestaffeltes Klimageld entlastet werden."

"Klimaschutz muss bezahlbar und sozial gerecht sein"

Kemfert setzt zusätzlich auf den Abbau klimaschädlicher Subventionen. "Dienstwagenprivileg als ein Beispiel oder auch der Tankrabatt. Wir sollten hier fossile Energien nicht künstlich billig halten oder dauerhaft subventionieren." Auch ein vergünstigtes Deutschland-Ticket oder Social-Leasing-Programme - das vergünstigte Leasing von Elektroautos - seien Möglichkeiten. "Wichtig ist, dass Klimaschutz sich lohnt und vor allen Dingen auch für alle bezahlbar und sozial gerecht ist", so Kemfert.

Die Frage ist also nicht nur, wer wie viel CO2 verursacht. Es geht auch darum, wie sich Emissionen wirksam senken lassen - und wie die Kosten des Klimaschutzes so verteilt werden, dass Menschen mit wenig Geld nicht übermäßig belastet werden.

Source: Tagesschau · Michelle Goddemeier

At a glance

Topic
World
Country
🇩🇪 DE
Publisher language
DE
Added to Allnira