Die Erde wird sich laut einer neuen Auswertung stärker aufheizen als bisher geschätzt. Das Risiko für Fluten, Hitzewellen und Waldbrände steigt. Für Fachleute eine Folge von Trumps Rückzug aus Klimaschutzprogrammen.
21.10.2026, 15.13 Uhr
Waldbrand (Symbolbild): »Müssen alle Register ziehen«
Foto: Frank Ossenbrink / IMAGOEigentlich hat sich die Weltgemeinschaft vorgenommen, alles zu unternehmen, damit sich die Erde maximal um 1,5 Grad Celsius aufheizt. Nur so könnten laut Klimaforschern die schlimmsten Folgen des Klimawandels verhindert werden.
Tatsächlich steuert die Erde mit der aktuellen weltweiten Klimapolitik auf eine Erwärmung von 2,8 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts zu, im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, zeigt ein Bericht der Uno. Die Direktorin des Uno-Umweltprogramms (Unep), Inger Andersen, warnt vor verheerenden Folgen. Jeder Bruchteil eines Grades zusätzlich steigere das Risiko für klimabedingte Naturkatastrophen wie Fluten, Hitzewellen und Waldbrände, wie sie in diesem Jahr bereits viele Länder erlebt hätten.
Durch Rückzug der USA noch schlechter als im Vorjahr
Mit der Prognose von 2,8 Grad Celsius hat sich der Pfad der Weltgemeinschaft seit dem vergangenen Jahr diesmal nicht verbessert. Dies liegt dem Bericht zufolge vor allem am Rückzug der USA, die sich von ihren vorherigen Klimaschutzplänen unter US-Präsident Donald Trump vollständig verabschiedet haben. Da die USA der zweitgrößte Verursacher von Treibhausgasen – nach China – seien, spiegelten sich solche politischen Veränderungen direkt in weltweiten Schätzungen wider, erklären die Autoren. Zudem seien Daten zum bisherigen Ausstoß von Treibhausgasen nach oben korrigiert worden.
Unep-Direktorin Inge Andersen: »Erwärmung so gering wie möglich halten«
Foto: Bianca Otero / ZUMA Press Wire / IMAGOSelbst im optimistischsten berechneten Szenario, in dem alle Länder ihre Klimapläne einhalten und ihre angestrebten Klimaneutralitätsziele erreichen, würde sich die Erde bis zum Jahr 2100 um 2,1 Grad erwärmen, heißt es weiter.
1,5 Grad fast sicher überschritten – gibt es ein Zurück?
Das liegt weit über den angestrebten 1,5 Grad. Dieses Ziel gilt zwar noch nicht offiziell als gerissen, da dafür die 1,5-Grad-Grenze langfristiger überschritten werden müsste. Doch die Welt befindet sich auf dem Weg dorthin: Das EU-Erdbeobachtungsprogramm Copernicus sieht für die Jahre 2023 bis 2025 erstmals für einen Dreijahreszeitraum eine durchschnittliche Erwärmung von mehr als 1,5 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter.
Experten gehen mittlerweile überwiegend davon aus, dass die 1,5-Grad-Marke nicht gehalten werden kann. Die letzte Hoffnung richtet sich daher nun darauf, das Überschreiten so kurz wie möglich zu halten – und die klimaschädlichen Emissionen so weit zu verringern, dass die Temperatur wieder absinkt.
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»Eine Überschreitung bedeutet keine Kapitulation. Wir können sie immer noch so gering und so kurz wie möglich halten – und die Temperaturen bis zum Ende des Jahrhunderts wieder unter 1,5 Grad senken«, betont Uno-Generalsekretär António Guterres anlässlich des Berichts.
Emissionen müssten schnell sinken
Dafür müssten die weltweiten Treibhausgasemissionen deutlich sinken, um zum Ende des Jahrhunderts wieder bei 1,5 Grad oder darunter zu landen – nämlich um 18 Prozent bis 2030, um 45 Prozent bis 2035 und um 69 Prozent bis zum Jahr 2040, alles verglichen mit dem Niveau von 2025.
Solch eine steile Abwärtskurve ist im Moment nicht absehbar: Selbst wenn die Länder all ihre geplanten Klimaschutzmaßnahmen umsetzen, würden die Emissionen laut Uno-Berechnung bis 2030 nur um bis zu 8 Prozent sinken – und bis 2035 um bis zu 15 Prozent.
Zudem müssten große Mengen CO₂ der Atmosphäre entzogen werden. Dies gilt unter Klimaforschern mittlerweile als unverzichtbar, ist aber mit enormen technologischen und anderen Hürden verbunden und unverhältnismäßig teuer.
Aus Erfolgen lernen
»Wir müssen alle Register ziehen, um den Höchstwert der Erwärmung so gering wie möglich zu halten und bis zum Ende des Jahrhunderts wieder auf 1,5 Grad zu kommen. Das ist möglich«, sagte Unep-Direktorin Andersen.
Es gebe mittlerweile etliche Erfolgsgeschichten, wie Emissionen schnell verringert werden könnten, führt Andersen an. Der Bericht verweist darauf, dass seit dem Pariser Klimaabkommen die erneuerbaren Energien etwa dreimal so schnell zugelegt hätten, wie dies damals erwartet worden sei. »Es liegt nun an den Staaten, dringend Maßnahmen zu ergreifen, die zu schnellen, tiefgreifenden und nachhaltigen Emissionssenkungen führen und die Welt auf den Weg zu einem stabileren Klima sowie stabileren Volkswirtschaften und Gesellschaften bringen«, so Andersen.
Krisentreffen in Antalya
Im November trifft sich die Weltgemeinschaft im türkischen Antalya, um bei der Weltklimakonferenz darüber zu beraten, wie die Krise in den Griff zu bekommen ist. Nicht mehr mit am Tisch: die USA, die unter Trump erneut aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind.
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Auch anderswo stehen Entscheidungen an, die fürs Weltklima eine große Rolle spielen: So steht bei der Stichwahl in Brasilien – mit seinem riesigen Amazonas-Regenwald zentral für das Weltklima – der linke Präsident Luiz Inácio Lula da Silva dem rechten Herausforderer Flávio Bolsonaro gegenüber. Unter der Präsidentschaft von dessen Vater Jair Bolsonaro stieg die Abholzung des Waldes massiv an.
Einiges hat das internationale Ringen um mehr Klimaschutz jedoch gebracht: Seit dem Beginn des Pariser Klimaabkommens vor zehn Jahren hat sich die jährliche Erwärmungsprognose verringert, damals ging man von 3 bis 3,5 Grad aus.
Die immensen Schäden durch Umweltkatastrophen werden bald nicht mehr versicherbar sein, mahnt eine Gruppe von Insidern aus der Versicherungsbranche. Hier lesen Sie, ob dadurch gar eine neue Finanzkrise droht.
koe/dpa/Reuters/AFP
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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