Darf es etwas mehr sein? Die ewige Frage aus der Metzgerei beantworten die Käufer von Elektroautos gerne mit einem Ja: Wenn es die Wahl zwischen zwei Traktionsbatterien gibt, nehmen viele Menschen lieber die größere. Die kostet Geld: Im Fall des Kia EV2 beträgt der Aufpreis 4500 Euro, wenn es statt 42,2 kWh mit 317 km WLTP-Reichweite lieber 61 kWh und 453 km sein sollen. Der Einstiegspreis für die Version mit großer Batterie liegt bei 33.490 Euro. Der Testwagen in der Ausstattungslinie Earth (ab 35.790 Euro) kommt mit Zusatzpaketen auf einen Listenpreis von 40.740 Euro. Für wen empfiehlt sich die großzügige Lösung?
Der Kia EV2 wird seit März in der Statistik des Kraftfahrt-Bundesamts (KBA) geführt. Bis inklusive September wurden 5785 Stück neu zugelassen. Das ist mehr als ein Achtungserfolg: Der EV2 ist beliebt, und er belebt das Segment der elektrischen Kleinwagen. Verwunderlich ist das nicht, denn auch in diesem Test zeigt das Auto viele Stärken.
Dicht am ID. Polo, nur beim Design nicht
Die Hyundai Motor Group mit den Marken Hyundai und Kia ist einer der härtesten Konkurrenten des Volkswagen-Konzerns. Beide positionieren ihre Fahrzeuge unterschiedlich: Formal ähnelt der Kia EV2 mit 4,06 m Länge, einer Breite von 1,80 m und einer Höhe von 1,58 m dem VW ID. Polo (4,05 / 1,82 / 1,53 Meter). Beim Design dagegen grenzt er sich deutlich ab. Der Kia ist SUV-artig und fast kubisch gestaltet. Innerhalb der Markenhistorie steht er in der Tradition des kantigen Soul.
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Diese Formensprache hat einen Nutzen: Die Sitzposition ist aufrecht, und die Windschutzscheibe steht vergleichsweise steil. Das eine ist bequem, das andere suggeriert eine Übersichtlichkeit, die der EV2 in Wahrheit nicht hat. Der Testwagen war mit der Rundumsichtkamera ausgestattet, die Teil des „DriveWise-Park“-Pakets für 990 Euro und unbedingt empfehlenswert ist. Beim Einparken werden dann unter anderem die vorderen Räder angezeigt, was die Felgen vor Kratzern bewahren kann.
Kia EV2 - innen (10 Bilder)
Christoph M. Schwarzer / heise Medien
)Kleine Räder bevorzugt
Der Kia EV2 ist grundsätzlich komfortabel ausgelegt. Der Testwagen EV2 Earth hat serienmäßig 16-Zoll-Felgen, die sanfter abrollen als die 18- (im Design-Paket für 990 Euro) oder 19-Zoll-Felgen der GT-Line (ab 36.890 Euro). Außerdem ist die Reichweite höher als bei größeren Rädern. Zwar neigt sich der EV2 in Kurven spürbar zur Seite, aber was soll’s, Kia behauptet nirgends, dass er ein Sportsmann ist.
Der Kia EV2 richtet sich an jene komfortorientierte europäische Kundschaft, die im demografischen Wandel begriffen ist. Die leichtgängige Lenkung und der kleine Wendekreis von zehn Metern machen den Alltag angenehm. Auch sonst hat sich herumgesprochen, dass der südkoreanische Konzern mit der Plattform E-GMP (hier in der Ausführung mit 400 Volt Systemspannung) durchdachte Elektroautos baut.
Ein Beispiel dafür ist die mehrfach verstellbare Bremsenergierückgewinnung, also die Rekuperation über den Elektromotor an der Vorderachse. Am besten funktioniert der adaptive Modus, in dem automatisch zwischen dem nahezu widerstandslosen Gleiten und der gezielten Verzögerung bis zum Stillstand reguliert wird – je nachdem, ob es Vorausfahrende gibt oder nicht. Leider muss die Einstellung nach jedem Start neu aktiviert werden. Bei Volkswagen ist das über den Eco Assist dauerhaft möglich.
Kia EV2 - außen (4 Bilder)
Christoph M. Schwarzer / heise Medien
)Gegen einen Aufpreis von 990 Euro kann der Kia EV2 sogar mit 22 kW Wechselstrom laden. Diese Option ist allerdings gekoppelt an das „Winter Connect“-Paket für 1390 Euro, das unter anderem eine Wärmepumpe sowie die Fähigkeit zum Laden externer elektrischer Geräte sowohl innen als auch außen enthält. Gut also, dass es diese Option gibt, schade, dass sie so teuer ist, dass wohl nur ein kleiner Teil der EV2-Auslieferungen sie eingebaut haben wird.
Schwächen bei Funktionalität und Software
Perfekt ist der Kia EV2 nicht. Vielmehr leistet er sich kleine und durchaus störende Schwächen bei Funktionalität und Software. Beispiel Türgriffe: Sie schließen bündig mit der Karosserie ab. Bei der Annäherung erkennt der EV2 Earth den Schlüssel und signalisiert scheinbar das Entriegeln über das Ausklappen der Außenspiegel. Anschließend reicht es nicht aus, den Türgriff durch Druck auf die Innenseite nach außen zu hebeln, vielmehr muss zuerst am anderen Ende des Türgriffs nochmals per Fingertipp aufgeschlossen werden. Das ist nicht intuitiv.
Ein Dauerärgernis bei sämtlichen Pkws der Hyundai Motor Group sind die Bing- und Pieplaute, die nicht permanent abgestellt werden können und zu viele Fehlalarme liefern. In Auszügen: Zu häufig warnt der Aufmerksamkeitsassistent vor einem vermeintlich abgelenkten Blick, zu oft wird eine Überschreitung der Geschwindigkeit erkannt, weil das Schild falsch identifiziert wurde, und der Fernlichtassistent schaltet bei Dunkelheit nervös und nicht nachvollziehbar ein und aus.
Source: Heise · Christoph M. Schwarzer
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