1. Digitalgipfel: Handwerk keine Lösung für KI-Jobverluste

Der zweite Tag des Digitalgipfels der Bundesregierung beginnt mit einer Motivationsrede: Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) wünscht sich mehr Ambitionen. Innovation sei nicht um der Innovation willen wichtig, sondern aus Verantwortung für die Gesellschaft. Das „Team nein“ sei groß, und das sei einfacher als sich auf den Weg zu machen. „Wir müssen es schaffen, dass wir als Gesellschaft wieder an morgen glauben. Dass morgen besser sein kann als heute“, mahnt der Minister.

Derzeit werden mit künstlicher Intelligenz allerdings oftmals Stellenabbau und Rationalisierungsmaßnahmen begründet. Für Alexander Schweitzer (SPD), seit Mitte Oktober Arbeits- und Sozialminister im Kabinett Merz, sind die Digitalisierungsthemen keine neuen: Er hatte bereits als Landesminister Digitalthemen verantwortet. Die Chancen, die mit Digitalisierung und KI einhergingen, seien groß, betont Schweitzer: „Die Jobs der Zukunft gibt es nicht ohne KI.“

Die Nutzung generativer KI habe sich bereits massiv verbreitet, schildert Irene Bertschek, Wirtschaftswissenschaftlerin am Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. „Wenn wir uns dann spezifische Anwendungen anschauen, etwa KI-gestützte Abläufe, dann sind wir bei deutlich weniger.“ Bei vielen Unternehmen würde Beschäftigten erlaubt, generative KI zu nutzen – und da würde genutzt, was am Markt eben verfügbar sei. Bei größeren sei das klarer geregelt. Dass der Umgang mit generativer KI im Arbeitsalltag nicht nur Chancen bringt, zeigt eine Adaptavist-Umfrage, wonach sich in Deutschland fast drei Viertel der Wissensarbeiter die Arbeitswelt vor ChatGPT zurückwünschen.

Mit dem Heranrollen der KI wird sich vieles verändern. „Der Punkt ist eigentlich: die Menschen brauchen nicht die Jobs der vergangenen 10 Jahre, sondern die der kommenden 10 Jahre“, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Nicht jeder Wegfall von Jobs sei schlecht. „Wenn die Handlangerjobs weggehen, sollten wir keine Krise draus machen“, meint Weber. Stattdessen müsste jüngeren Menschen früher Verantwortung gegeben werden.

Legacy-Unternehmen vor großem Umbau

„Wir müssen die Legacy-Unternehmen natürlich umbauen“, sagt Digitalminister Wildberger. Es müsste hinterfragt werden, was etwa in Handelsunternehmen mit KI optimiert würde. Nur der Kundenservice? Oder auch das „Assortment Planning“, also die Auswertung und Vorausberechnung von zu verkaufenden und somit vorher einzukaufenden Gütern? „Da sind 20-30 Prozent Marge drin, das ist Profit“, rechnet der frühere Media-Markt-Saturn-Chef Wildberger vor – Chancen für die Wirtschaft. Mehr KI bedeute aber nicht automatisch weniger Arbeit: 17 Prozent mehr Radiologen seien in den vergangenen zehn Jahren dazugekommen – trotz mehr bildgebender Verfahren. Am Ende brauche es den Menschen für die verantwortliche Entscheidung. Wie dringend eine politische Antwort auf solche Verschiebungen ist, unterstreicht auch ein offener Brief von über 230 Ökonominnen und Ökonomen, die vor den Folgen der KI-Revolution für den Arbeitsmarkt warnen.

Schon jetzt arbeiteten viele Menschen nach Studium oder Ausbildung in einem ganz anderen Feld, meint Arbeitsminister Schweitzer. „Was mich umtreibt: dass wir dafür sorgen, dass die Transformation nicht mit einer Zwischenstufe der Arbeitslosigkeit stattfindet.“ Das sei ein Wissensverlust für die Unternehmen, persönlich betrüblich und auch volkswirtschaftlich sehr teuer.

Handwerk keine Option für alle

Bei den Lösungsansätzen warnt Arbeitsmarktforscher Weber vor Fehlannahmen: Er könne es etwa nicht mehr hören, dass nun alle ins Handwerk gehen sollten, „aus Schiss vor der KI“. Das sei nicht sinnvoll. Das System müsse auf berufliche Weiterentwicklung ausgerichtet werden, und junge Leute sollten ihren Fähigkeiten und Interessen entsprechend Bildungswege beginnen. Er würde sie gerne später in der Universität wiedersehen: statt um den Abschluss müsse es um einen Startschuss gehen.

Damit stößt Weber in Berlin auf offene Ohren. „Weiterbildung ist nichts, was wir in Deutschland besonders gut können.“ Das wolle er gerne ändern, sagt Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer. Und das nicht nur, aber auch sprachlich. Denn „lebenslanges Lernen“ klinge nach „lebenslänglich“, was nicht attraktiv sei.

Zuwanderung trotz KI nötig

Weber fordert von Deutschland aber mehr. KI würde den Beschäftigungsbedarf in Summe nicht reduzieren. Nicht nur aufgrund der demografischen Entwicklung brauche Deutschland auch in Zukunft Menschen von außerhalb. „Zuwanderung bedeutet Offenheit, Impulse, Austausch“, sagt IAB-Forscher Enzo Weber. „Wer heute erzählt, wir brauchen keine Zuwanderung mehr, der muss früher auch erzählt haben: Zuwanderung ist ein Lückenstopfer. Und das war schon immer falsch.“ Arbeitsminister Schweitzer sieht die erste große Herausforderung dabei noch einen Schritt früher: Diejenigen, die bereits hier sind, zum Bleiben zu bewegen – etwa nach einem Universitätsabschluss.

Dass alles so bleiben könne, wie es war, sei eine Illusion, warnten die Diskutanten beim Digitalgipfel in Berlin. Es brauche eigene, europäische Antworten auf die KI-Herausforderungen. „Schutz und Chancen, dieses Gefühl muss zusammenkommen, das ist sehr viel stärker als das Gift der Nostalgie“, argumentierte Schweitzer.

(mki)

Source: Heise · Falk Steiner

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