Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir hat nach eigenen Worten schon einige beängstigende Momente in seiner politischen Karriere erlebt. Das berichtet die Nachrichtenagentur dpa.
Im Zug oder an Bahnhöfen sei er schon in sehr unangenehme Situationen geraten, sagte der Grünenpolitiker in Stuttgart. »Am schlimmsten ist nicht die Sorge um einen selbst, am schlimmsten ist die Sorge um die Kinder, um den Partner, auch um die Nachbarn.«
Özdemir schilderte etwa eine Taxifahrt mit seinen Kindern durch Berlin. Als der Fahrer türkischer Herkunft ihn erkannt habe, habe er plötzlich Vollgas gegeben und sei dann »in die Eisen« gegangen – und das immer wieder. Mit dem rabiaten Fahrstil habe der Mann ihn und seine Kinder zum Aussteigen nötigen wollen. Seine Tochter habe seinen verängstigten Sohn beruhigt. »Das ist einfach unerträglich«, sagte Özdemir.
Özdemir berichtete von diesen Erlebnissen vor dem Hintergrund der Debatte über die Berliner Linke Elif Eralp, die erste Regierende Bürgermeisterin ihrer Partei werden will. Der SPIEGEL hatte vergangene Woche in einer Titelgeschichte über die Angst der Spitzenkandidatin Eralp vor dem Terrorsympathisanten Ibrahim Ibrahim berichtet.
Nicht an die Angst gewöhnen
Auf menschlicher Ebene sei es ungeheuerlich, wenn Politiker Angst haben müssten, sagte Özdemir. »Da darf man sich nicht dran gewöhnen«, sagte er. »Sie müssen unbehelligt in Sicherheit leben können und ihre Arbeit machen können.« Er habe jedes Verständnis für Angst, gerade wenn es um die eigenen Kinder gehe. Es sei aber auch entscheidend, sich als Politiker nicht von der Angst leiten zu lassen. Niemand zwinge Politiker dazu, diesen Job zu wählen.
Man zahle als Politiker einen Preis und müsse auch bereit sein, Probleme anzupacken, so Özdemir. »Es darf nicht der Eindruck entstehen, das man bei schwierigen Entscheidungen auch nur ansatzweise erpressbar sein könnte«, sagte er mit Blick auf Eralp. Der Staat müsse immer handlungsfähig sein, gerade im Kampf gegen kriminelle Clans.
Keiner kam zu Hilfe
Auch am Leipziger Hauptbahnhof sei er in eine bedrohliche Situation geraten, so Özdemir. Er sei mit einer Praktikantin unterwegs gewesen, als Anhänger der Legida-Bewegung die beiden nach einer Demonstration verfolgt hätten. Legida war ein rechtsextremer, islamfeindlicher und rassistischer Ableger der Pegida-Bewegung. »Ich dachte, da kommt gleich die Polizei. Da kam nur niemand.«
Die Verfolger hätten ihn schließlich eingeholt, ihn beleidigt, ihm ins Ohr gebrüllt und provozierend ein Handy kurz vors Gesicht gehalten. Er habe die Praktikantin aufgefordert, sich keine Sorgen zu machen, ruhig zu bleiben. »Nicht ahnend, was ich eigentlich machen würde, wenn der mir eine ins Gesicht zentriert.« Zwei Polizeibeamte hätten Özdemir und seine Begleiterin schließlich zum Gleis geführt.
Özdemir erhielt Morddrohungen
Zum Einschnitt wurde für Özdemir nach eigenen Angaben die Armenien-Resolution des Bundestags von 2016. Darin erkannte das Parlament die Massaker und Vertreibungen an Armeniern und anderen christlichen Minderheiten im Osmanischen Reich 1915/16 als Völkermord an. Als damaliger Grünenchef gehörte Özdemir zu den Initiatoren. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan griff den türkeistämmigen Politiker damals persönlich an, Özdemir erhielt Morddrohungen und wurde unter Polizeischutz gestellt.
Ihm sei klar gewesen, dass sich mit der Resolution sein Alltag drastisch verändern würde, berichtete Özdemir. Einfach einkaufen oder auf die Straße gehen sei nicht mehr einfach so möglich gewesen. Er habe darauf geachtet, das Haus nicht mehr allein zu verlassen und etwa einen Nachbarn zum Einkaufen mitzunehmen.
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Die Bedrohung reichte nach seinen Worten bis in den Alltag seiner Kinder. Andere Eltern im Kindergarten hätten gefragt, ob ihre Kinder sicher seien, wenn dort auch die »Kinder vom Özdemir« betreut würden. »Da kriegt man ein schlechtes Gewissen, wenn sie dorthin gehen und ihre Kinder abholen wollen«, sagt der Regierungschef. »Da stellen sich Fragen, die wünschen sie niemandem.«
Elif Eralp möchte Regierende Bürgermeisterin Berlins werden. Doch in einem internen Vermerk zeigt die Linkenpolitikerin, dass sie sich vor Terrorsympathisanten mit Kontakten zur Hamas fürchtet. Die SPIEGEL-Titelstory lesen Sie hier .
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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