Ein kleiner bewachsener Hügel aus Schutt, eine große Brache und ein Parkplatz – das sind die oberirdischen Hinterlassenschaften der einstigen Neuen Reichskanzlei. Der NS-Repräsentationsbau, den der Architekt Albert Speer als Berliner Machtzentrum bis 1939 für Adolf Hitler errichten ließ, wurde nach dem Zweiten Weltkrieg abgetragen.

Doch nicht alles wurde entfernt. Unterhalb der Erde sind die Überreste einer ausgedehnten Bunkeranlage erhalten. Sie diente einst nicht nur Mitarbeitern der Reichskanzlei, sondern bei Bombenangriffen auch als Schutzraum für Frauen und Kinder.

Über die Zukunft dieser unterirdischen Überreste wird in Berlin seit geraumer Zeit gestritten. Denn die Bunkeranlage, von der noch rund 1200 Quadratmeter erhalten sein sollen, will der Verein Berliner Unterwelten zu einem Ort der Erinnerung an das NS-Regierungsviertel und das Ende des Krieges umgestalten.

Das Landesdenkmalamt und zuletzt vier namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler plädierten für den Erhalt der Bunkeranlage unter der früheren Neuen Reichskanzlei, ebenso der Architekten- und Ingenieurverein zu Berlin-Brandenburg. Auch der Landesdenkmalrat empfahl, eine Eintragung in die Denkmalliste zu prüfen.

Senatsbaudirektorin Petra Kahlfeldt hatte indes im Januar verfügt, die Anlage nicht unter Denkmalschutz zu stellen. Auf der Brache will ein Hamburger Investor ein Geschäftshaus und Luxuswohnungen bauen lassen, die Bunker müssten dafür entfernt werden. Der Verein Berliner Unterwelten hält jedoch eine Integration der Reste in eine künftige Neubebauung für möglich und gab dazu eine Machbarkeitsstudie in Auftrag.

In der laufenden Debatte spricht sich nun auch die bundesweite »Deutsche Stiftung Denkmalschutz« für den Erhalt der Bunkeranlage aus. »Je kleiner die Zahl der Zeitzeugen wird, die uns und jüngeren Generationen fundiert Auskunft geben können, desto wichtiger werden die authentischen Orte, die diese Zeugnisfunktion übernehmen können«, sagte eine Stiftungssprecherin dem SPIEGEL.

Die »Reste der Bunkeranlagen der ehemaligen Neuen Reichskanzlei zählen dazu. Eenso wie die Villa Buth in Jülich«, die in der NS-Zeit als Deportationsstätte für Juden genutzt wurde und verfällt – und auf Wunsch des Eigentümers abgerissen werden soll. Gerade die alltäglichen Zeugnisse der »Banalität des Bösen« würden heute verstärkt in den Fokus treten, diese baulichen Zeugnisse seien »als glaubwürdige und wahrhaftige Orte, die mit allen Sinnen erfahren werden können, nicht nur wichtige Denkmale«, so die Stiftungssprecherin.

Als mögliche Gedenkstätten und Erinnerungsorte lägen sie »auch in der besonderen Verantwortung des Bundes«, so der Appell der Stiftungssprecherin.

Der »Große Bunker« unter der früheren Neuen Reichskanzlei, wie er auch genannt wird, liegt fußläufig ein paar Gehminuten vom »Führerbunker« entfernt. Hier begingen Adolf Hitler und Eva Braun Ende April 1945 Selbstmord. Diese unterirdische Anlage ist hingegen seit DDR-Zeiten weitgehend zerstört und überbaut. Nur eine Infotafel erinnert Touristen an die einstige Stätte.

Source: Der Spiegel · Severin Weiland

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