Ausräumen von Kühlregalen in Sjöbl: Dutzende Supermärkte in mehreren Ländern hatten ähnliche Probleme
Foto: Johan Nilsson / TT / IMAGOUnbekannte Cyberkriminelle haben Kühlanlagen in belgischen Supermärkten angegriffen, die dortige Staatsanwaltschaft hat eine strafrechtliche Untersuchung eingeleitet. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge war auch eine Filiale der Möbelkette Ikea in der belgischen Stadt Mons von der Angriffswelle betroffen. Ikea teilte dazu mit, dass man vorsorglich einige Lebensmittel aus Kühlregalen entfernen musste.
In der Nacht zum Montag hatte es aus mehreren Ländern Berichte über Probleme mit Tiefkühl- und Kühlschränken gegeben: neben Belgien auch aus Schweden, Luxemburg und Estland. Offenbar waren länderübergreifend Dutzende Geschäfte betroffen, von Ketten wie Delhaize, Spar und Carrefour.
Nach Angaben des Unternehmens Sabcobel wurden die Anlagen aus der Ferne in den Abtaumodus versetzt. »Wir haben heute Nacht ab ein Uhr damit begonnen, Techniker zu mobilisieren, um die Situation unter Kontrolle zu bringen«, sagte Vorstandschef Stephan Moelans der Nachrichtenagentur Belga. Sabcobel ist ein Spezialanbieter für den Aufbau und die Wartung von Kühlanlagen.
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Aufgetaute Lebensmittel wurden entsorgt
Meldungen über erfolgreiche Angriffe auf deutsche Lebensmittelhändler gibt es nicht.
Die ICA-Kvantum-Filiale in Sjöbo in Südschweden hatte auf ihrer Facebook-Seite geschrieben , dass ihre Kühl- und Tiefkühlschränke gehackt und auf 50 Grad Celsius eingestellt worden seien. In ihrem Post ist eine Fleisch- und Käsetheke zu sehen sowie Kühltruhen, die unter anderem Pizzen enthalten. Später teilte die Filiale mit, sie habe die von dem Problem betroffene Ware entsorgen müssen.
»Es gab einen Cyberangriff, und alle unsere Gefrierschränke erreichten zehn Grad«, sagte Engla Ingwall, Verkaufsleiterin einer ICA-Filiale in Stockholm, der Nachrichtenagentur Reuters. »Alles ist verdorben.« Coop teilte der Zeitung »Aftonbladet« mit, sechs seiner Filialen seien betroffen gewesen.
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In Belgien und Luxemburg verzeichneten unter anderem die Handelskonzerne Ahold Delhaize und Colruyt Störungen.
Luc De Laet, der Gründer und Inhaber der belgischen Metzgereikette De Laet & Van Haver, berichtete, er sei um 3.30 Uhr morgens von einem Mitarbeiter geweckt worden, der ihm mitteilte, dass es ein Problem gebe. Er sei zu seinem Geschäft im belgischen Hove geeilt, und habe dort festgestellt, dass die Temperatur in den Kühlschränken auf bis zu 18 Grad Celsius angestiegen war. Dadurch seien Fleischwaren im Wert von rund 15.000 Euro ungenießbar geworden, so De Laet. Er sprach von einem »sehr beängstigenden« Vorfall.
Attacken in Frankreich reichten nicht als Warnung
Den Attacken vorausgegangen waren Mitte Oktober ähnliche Cyberangriffe in Frankreich. Dort waren etwa 150 Geschäfte betroffen. Attackiert wurden damals Tiefkühltruhen vom dänischen Technikunternehmen Danfoss. Dieses bestätigte auch jetzt, dass seine Produkte Teil der Angriffswelle gewesen seien.
Der erste Angriff basierte auf lange bekannten Sicherheitslücken, die Angreifern ermöglichten, über das Internet volle Kontrolle über die Steuerung der Kühlanlagen zu erlangen. Für neuere Geräte hatte Danfoss bereits im August Updates veröffentlicht. Die dänische Firma empfahl allen Kunden zudem, ältere Geräte vom Netz zu trennen, die aufgrund ihres Alters kein Update mehr bekommen konnten.
Nach den ersten Vorfällen hatten mehrere europäische Sicherheitsbehörden an den Handel appelliert, die eigenen Anlagen zu prüfen und gegen Attacken zu sichern, darunter auch das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik. Warum dies im Einzelfall nicht geschehen ist, muss nun untersucht werden.
Hinweis an die Kunden im belgischen Linkebeek: Gerade wird hier nichts gekühlt
Foto: Stephanie Lecocq / REUTERSDas sagt die EU-Kommission
Auch die EU-Kommission äußerte sich am Montag zur erneuten Angriffsserie. »Diese Vorfälle zeigen, dass Cyberangriffe Dienstleistungen stören, Unternehmen beeinträchtigen und sich direkt auf den Alltag der Bürger auswirken können«, sagte ein Sprecher der Kommission und betonte, wie wichtig es sei, die Cybersicherheit in der gesamten Union zu stärken.
Christophe Hansen, der EU-Kommissar für Landwirtschaft und Ernährung, vermutet unterdessen, die Attacken seien »ein gezielter Versuch, die Lebensmittelversorgung der EU zu stören« und das Vertrauen der Verbraucher in dieses System zu untergraben. Hansen betonte aber zugleich, dass die Lebensmittelsicherheit derzeit nicht gefährdet sei.
Wer hinter den Attacken steckt, ist unklar. Bislang hat sich keine Hackergruppe zu den Angriffen bekannt.
Das sagt ein IT-Experte
Tom Hegel, ein Forscher der IT-Sicherheitsfirma SentinelOne sagte Reuters, dass es sich bei solchen Attacken üblicherweise um Erpressungsversuche, politisch motivierte Aktionen oder Operationen auf staatlicher Ebene handele. Das Fehlen finanzieller Forderungen deute jedoch in Richtung Sabotage.
»Der Einzelhandel ist ein leichtes Ziel, da Einzelhandelsketten über eine enorme Anzahl an Kühlsteuerungen, Gebäudemanagementsystemen, Türzugangskontrollen und Kassensystemen verfügen«, meint Hegel. »Die Gewinnspannen im Lebensmittelhandel sind gering und die Waren verderben innerhalb weniger Stunden, sodass jede Störung schnell und öffentlich spürbare Auswirkungen hat.«
mbö/tmk/dpa/Reuters/AP
Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL
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