Kurz eine Nachricht tippen oder die Sitzheizung anstellen: Viele Fahrer konzentrieren sich nicht ausreichend auf den Straßenverkehr. Experten kritisieren: Schuld seien auch die Autohersteller.

21.10.2026, 15.18 Uhr

Unfall an Landstraße: »Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer« Unfall an Landstraße: »Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer«

Unfall an Landstraße: »Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer«

Foto: Ralf Zwiebler / dpa

Kurz am Handy gedaddelt und schon ist es passiert: Ablenkung ist laut Unfallforschern ein größeres Problem als bisher angenommen. Schuld daran sei auch die zunehmende Digitaltechnik im Auto, heißt es in einer Studie. Autohersteller würden etwa zunehmend Bedienknöpfe abschaffen, deren Funktion laufe stattdessen über umständlich zu bedienende Touchscreens.

»Mindestens 30 Prozent der Unfälle sind durch Ablenkung verursacht«, sagte Christian Sahr, der Leiter des Allianz Zentrums für Technik (AZT). »Das Thema verschärft sich, weil Ablenkung durch Design im Auto quasi verbaut ist.«

Entscheidende Sekunden

Laut polizeilicher Unfallursachenstatistik würden offiziell um die 1,5 Prozent der Unfälle durch Ablenkung verursacht. »Aber das ist eine Zahl, die nicht mit der Realität übereinstimmt«, sagte Sahr. Nach Unfällen ist in der Regel schwer festzustellen, dass ein Fahrer abgelenkt war, solange er dies nicht selbst angibt.

Die Unfallforscher der Allianz hatten für die aktuelle Untersuchung  umfangreiche Computersimulationen zum Fahrverhalten in gefährlichen Situationen untersucht und internationale Studien ausgewertet. Dabei arbeiteten sie mit der TU München zusammen sowie mit dem Münchner Start-up Cognibit, das mit KI die menschliche Wahrnehmung modellieren kann. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Sind Fahrerinnen oder Fahrer abgelenkt, kommt es bei einer Vollbremsung des Vordermanns in über der Hälfte der Fälle (54,3 Prozent) zu einem Auffahrunfall. Sind die Fahrer nicht abgelenkt, prallen sie weniger als in einem Fünftel der Fälle (18,2 Prozent) auf das vorausfahrende Fahrzeug.

  • Läuft ein Kind unvermittelt auf die Straße, erhöht sich bei abgelenkten Fahrern das Unfallrisiko von 3,9 auf 11,2 Prozent.

  • Laut Simulation war das Risiko in manchen Situationen bei Ablenkung sogar höher als bei einem Blutalkoholwert von 0,8 Promille.

»Ablenkung sollte gesellschaftlich ebenso geächtet werden wie Alkohol am Steuer«, sagte Frank Sommerfeld, der Chef der Allianz Sachversicherung in Deutschland.

Handy verboten

In Deutschland ist es zwar verboten, das Handy beim Fahren zu bedienen, es drohen ein Bußgeld von 100 Euro sowie ein Punkt in Flensburg. Laut Unfallforschern der Björn Steiger Stiftung hat die Handynutzung am Steuer trotzdem dramatisch zugenommen, nur wenige würden erwischt. Einige Länder wie Rheinland-Pfalz setzen deshalb sogenannte Handyblitzer  ein, die von schräg oben blitzen.

Allerdings kommt die Ablenkung auch vom Auto selbst, zeigte die aktuelle Untersuchung. Während Autofahrer auf dem Display tippen, können sie nicht ausreichend auf das Verkehrsgeschehen achten – schon wenige Sekunden könnten ausreichen, um einen Unfall zu verursachen.

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»Wir kritisieren nicht generell, dass Funktionen im Touchscreen abrufbar sind, aber es muss mit Sinn und Verstand gemacht werden«, sagte Sahr. »Fünf sicherheitsrelevante Funktionen sollten über physische Schalter bedienbar sein«: Licht, Scheibenwischer, Blinker, Warnlicht und die Scheibenbelüftung.

Nach einer Umfrage der Allianz unter 1200 Autofahrerinnen und Autofahrern, die Teil der Untersuchung war, bevorzugen 70 Prozent die herkömmlichen Schalter und Tasten, einschließlich jüngerer Menschen unter 30 Jahren. Und mehr als drei Viertel (77 Prozent) glauben, dass die voranschreitende Digitalisierung der Fahrzeuge das Risiko der Ablehnung erhöht.

»Wenn Autofahrer in eine gefährliche Situation kommen, muss das Fahrzeug den Fahrer aktiv dabei unterstützen, seine Aufmerksamkeit wieder voll auf den Verkehr zu richten, etwa durch eine sofortige Warnung und eine Vermeidung der Bedienung des Touchscreens«, sagte Sahr.

Mehr dazu, wie kompliziert die Bedienung in vielen Autos inzwischen geworden ist, lesen Sie hier.

koe/dpa

Source: Der Spiegel · DER SPIEGEL

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