- Apples Touch-Kehrtwende: Bloß keine zweite Touch Bar
Apple hat keinen Mangel an Selbstbewusstsein. Wettbewerber kamen und gingen, ist aus dem Unternehmen zu hören: Der Mac hingegen sei eine große Erfolgsgeschichte. Und warum? Apple habe eben keine Angst vor Veränderungen, gibt man sich selbstsicher. Auch nicht vor großen. Nur so könne man auf Dauer relevant bleiben.
Dass Apple im Jahr 2026 ein Touch-MacBook-Pro herausbringt, kann man getrost als große Änderung bezeichnen. Lange hat sich das Unternehmen dagegen gesträubt, dem Mac eine Touchbedienung zu spendieren. Wie beim Stift auf dem iPhone war es wieder einmal eine Steve-Jobs-Äußerung aus dem Jahre 2010, die anscheinend wie ein ungeschriebenes Gesetz über dem Thema Touch auf dem Mac lag.
Malte Kirchner ist seit 2022 Redakteur bei heise online. Neben der Technik selbst beschäftigt ihn die Frage, wie diese die Gesellschaft verändert. Sein besonderes Augenmerk gilt Neuigkeiten aus dem Hause Apple. Daneben befasst er sich mit Entwicklung und Podcasten.
Touch als natürliche Entwicklung
Kunstgriffe wie die glücklose Touch Bar und ein größeres Trackpad sollten offenbar auch jene bei Laune halten, die neidisch auf die PC-Welt schauten, auf deren wagemutige Experimente mit Convertibles, der Verschmelzung von Notebook und Tablet.
Apple blieb hingegen auf Kurs – und die Geschäftszahlen gaben dem Unternehmen recht. Dass man nun plötzlich doch Touchbedienung einführt, nennt man eine „natürliche Entwicklung“. Aber wer auf der „Pro and Tell“-Veranstaltung in Los Angeles genau hinhörte, entdeckte doch einige Zwischentöne und Türchen, die sich Apple offenlässt. Sie behaften diese Entwicklung mit Wenn und Aber. Diese Unklarheit könnte für das Thema Touch am Mac schicksalhaft sein, wenn sie nicht rechtzeitig aufgelöst wird.
Apple sieht momentan nur bei Pro-Usern Touch-Bedarf
Denn so überzeugend die augenscheinliche Lesart Apples ist, dass es mittlerweile eine Generation von Menschen gibt, für die Touchbedienung einfach das Natürlichste der Welt ist, das man auch auf dem Mac haben will – wenn man genauer nachfragt, reduziert Apple diese Überzeugung auf Pro-Creator. Und das klingt wie eine verlegene Entschuldigung dafür, dass man gegenwärtig nur Nutzer dieser Generation mit besonders großem Portemonnaie im Fokus hat. Ab knapp 3300 Euro gibt es ein MacBook Pro mit dem neuen OLED-Touchscreen. Meinte man die gesamte junge Generation, die mit Fingerbedienung groß geworden ist, müsste Touch doch eigentlich auch beim günstigsten MacBook Pro und vor allem beim MacBook Air kommen.
Das weckt Erinnerungen an die Touch Bar, die daran krankte, dass sie dem MacBook Pro vorbehalten blieb und selbst dort nicht konsequent in allen Modellen eingebaut wurde. Entwickler entschieden sich kurzerhand dagegen, allzu viel Mühe in die Unterstützung des Touch-Zusatzdisplays zu investieren – und die eigentlich schöne Idee der Touch Bar fristete ein Schattendasein, bis Apple sie endlich abschaffte.
Keine zweite Touch Bar
Beim Touch-Display will man so eine Entwicklung natürlich vermeiden – und tatsächlich sind die Ausgangsbedingungen besser. Grundsätzlich jede App auf dem MacBook Pro mit Touch-Display ist auch mit dem Finger bedienbar. Bei einigen Anwendungsfällen, so konnten wir selbst erproben, ist Touch nützlicher als Maus und Trackpad. In anderen bleiben Tastatur und Maus bzw. Trackpad weiter die erste Wahl. Entwickler haben künftig die Chance, die Touchbedienung noch weitergehender zu unterstützen. Tun sie es nicht, ist das kein Weltuntergang.
Und Apple hat noch ein weiteres Pfund, mit dem es wuchern kann: Schon seit Jahren können viele iPad-Apps auch auf dem Mac ausgeführt werden. War der fehlende Touch-Support auf dem Mac bislang ein Dealbreaker, könnten die Karten nun neu gemischt werden, gar eine neue Blütezeit für übergreifende Apps entstehen. In Cupertino hatte man das sehr wohl im Blick, war in Los Angeles zu hören.
Ankündigung wirft Fragen auf
Trotzdem gibt es einige Fragen zum Touch-MacBook, denen Apple schwerlich ausweichen kann. Wenn im Moment vor allem Pro-Nutzer im Fokus sind: Wie gut soll das dann funktionieren, wenn externe Displays verwendet werden? Auf dem einen Display gehts, auf dem anderen nicht? Das klingt nicht sehr konsistent. In Cupertino gibt man sich entspannt: Keinesfalls wolle man die klassischen Eingabemethoden wie Tastatur und Maus oder Trackpad ablösen. Touch sei eine Ergänzung, schaffe manchmal gar einen riesigen Mehrwert – aber nein, ein iPad wolle man nicht nachmachen, womit auch gleich Mutmaßungen entgegengewirkt wird, dass der Touch-Mac das Ende des Tablets einläuten könnte.
Aber ob Apple das will oder nicht: Es wird genau auf solche unangenehmen Fragen hinauslaufen. iPad-Nutzer stöhnen über fehlenden Multi-User-Support. Apple verzichtet erkennbar darauf, damit für jeden im Haushalt ein eigenes iPad gekauft wird. Manche möchten deshalb macOS auch auf dem iPad nutzen können. Und das Tablet im Allgemeinen ist eine Gerätegattung, die ihre Blütezeiten hinter sich hat. Apple hält es am Leben und trotzt dem Markttrend, indem es harte Trennlinien zieht, die Nutzer dazu ermuntern, weiterhin beides haben zu wollen. Jetzt ist eine bedeutende Trennlinie gefallen.
Ob Apple bald schon den Bedarf für Touchbedienung von jungen Pro-Creators auf alle jungen Menschen erweitert, ist zweifelhaft. Aber es sieht so aus, als werde diese Veränderung auf lange Sicht nötig, um relevant zu bleiben. Die Argumente dafür sind stärker als die dagegen. Das iPad hätte es dann in Zukunft schwerer.
(mki)
Source: Heise · Malte Kirchner
At a glance
- Topic
- Technology
- Country
- 🇩🇪 DE
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira