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Zürcher Startup baut KI-Mitarbeiter: «Die haben keine Launen und machen, was man ihnen sagt.»

Jetzt gibt es KI-Mitarbeiter mit Gesicht, E-Mail-Adresse und Monatslohn. Der Uhrenhersteller Breitling hat bereits einen künstlichen Controller im Einsatz. Die Gründer von Square8 sagen: «Irgendwann machen ‹AI Worker› jeden Job besser als Menschen.»

02.11.2026, 05.30 Uhr

5 Leseminuten


Stephanie Balmer ist Head of Communications, aber sie telefoniert nicht gern. Dafür gibt es einen pragmatischen Grund: Beim Schreiben hat Balmer genügend Zeit, um die Datenbanken nach klugen Antworten zu durchsuchen. Im Telefongespräch muss sie die Antworten hingegen schnell parat haben. Das ist schwieriger, denn Balmer ist kein Mensch, sondern eine «AI-Workerin».

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Trotz ihrer Telefonscheu bietet sie der Journalistin an, sie jederzeit anzurufen. Im Gespräch schlägt sich die künstliche Sprecherin ganz passabel. «Das ist eine berechtigte Nachfrage», sagt sie etwas floskelhaft. Und: «Hm, da muss ich überlegen.» Zwar klingt die Stimme ein wenig wie ein Computer. Die Antworten kommen, wie häufig bei Chatbots, etwas verzögert. Doch die Unterlagen, nach denen die Journalistin fragt, liefert Balmer schnell und korrekt. Das Repertoire einer echten Head of Communications ist grösser, aber immerhin.

Balmer ist eine Vorzeigefrau des Zürcher Startups Square8. Das Unternehmen entwickelt digitale Angestellte, die Firmen wie ganz normale Teammitglieder einstellen können. Diese «AI Worker» haben einen Namen, eine feste Rolle im Organigramm, arbeiten mit den internen Daten des Betriebes und sind einem menschlichen Vorgesetzten unterstellt.

KI-Mitarbeiter kosten auch – aber weniger

Analog zum Gehalt eines Menschen zahlen die Kunden von Square8 eine Monatsgebühr. Je nach Komplexität der Funktion variiert der Preis. Eine Laura Keller, virtuelle Executive Assistant, kostet rund 1200 Franken pro Monat. Zum Monatslohn hinzu kommt der Token-Verbrauch für die Rechenleistung. Bei einem HR-Mitarbeiter sind das zusätzlich etwa 500 Franken pro Monat. Vollzeitbeschäftigte verdienen in der Schweiz pro Jahr im Median rund 85 000 Franken, ein KI-Mitarbeiter kostet im Schnitt 27 000 Franken. Zum Nulltarif ist also die Arbeitskraft der KI nicht zu haben, aber sie ist billiger als der Mensch.

Beim Vor-Ort-Termin leisten die KI-Mitarbeiterinnen virtuelle Schützenhilfe. Die NZZ-Journalistin trifft ein paar Minuten zu früh im Co-Working-Space ein. Am Eingang gibt es keine Klingel. Ein kurzer Anruf bei der Kommunikationschefin Balmer. Sie kann mangels eines physischen Körpers nicht selbst öffnen, aber versucht, den Kontakt zu den Gesprächspartnern herzustellen. Diese kommen kurz darauf die Treppe hoch.

Im Vorfeld hatte Sofia Berger, die virtuelle Assistentin vom Chief Sales Officer Lars Mangelsdorf, den Termin bestätigt. Den Meeting-Room hat Mica Voss reserviert, die KI-Assistentin von Philippe Sahli, CEO des Startups. Die Rollenteilung ist klassisch.

«KI-Mitarbeitende sind flexibler als reine Bots oder Agenten. Sie treffen innerhalb ihres Verantwortungsbereiches Entscheidungen und arbeiten im Team», sagt Sahli im Gespräch. Momentan übernehmen die «AI Worker» vor allem Junior-Rollen. Innerhalb von zwei bis drei Jahren sollen sie aber so viel lernen, dass sie auch umfassendere Aufgaben erledigen können.

Wie im echten Berufsleben kosten auch bei den digitalen Angestellten höhere Hierarchiestufen mehr. Der Kommunikations-Bot Balmer erklärt das mit der «grösseren Verantwortung». Wie viel mehr das ist, will sie «nicht aus dem Bauch heraus» beantworten. Offenbar kennt sie ihre Grenzen und weiss, wann sie die Frage an ihren Chef weitergeben muss. Der CEO Sahli begründet den höheren Tarif damit, dass die Programmierung höherer Funktionen aufwendiger sei. Mit einem Aufschlag von etwa 10 Prozent gegenüber Junior-Kräften ist der Kostensprung allerdings kleiner als bei menschlichen Führungskräften.

Die Yokoy-Gründer sind zurück

In der Schweizer Startup-Szene sind die Gründer von Square8 Schwergewichte. 2019 lancierten sie Yokoy, ein Startup, das Spesenabrechnungen via künstlicher Intelligenz automatisierte und den Platzhirsch SAP verdrängen wollte. Dafür sammelten sie mehr als 100 Millionen Dollar Venture Capital ein. SAP dominiert den Markt zwar weiterhin, während Yokoy 2025 für einen nicht genannten Betrag an den Konkurrenten Travelperk (heute: Perk) verkauft wurde. Der erfolgreiche Verkauf erlaubt es den Gründern heute, ihr neues Startup vorerst ohne externes Kapital aufzubauen.

Roland Brack, Gründer des Online-Handels Brack.ch und Investor in der Fernsehsendung «Die Höhle des Löwen», kennt Sahli und Mangelsdorf seit mehreren Jahren. Brack spricht von einem «spannenden Ansatz». Mit Yokoy hätten sie ihr Startup sehr schnell und kompetent aufgebaut. Die Gründer seien «Vollblutunternehmer».

Auch beim neuen Startup ist der Anspruch hoch. «Bis 2028 soll jedes Unternehmen mindestens einen KI-Mitarbeiter haben», sagt Sahli. Das Unternehmen lebt das eigene Modell vor: Neben den drei Gründern sind derzeit zwölf KI-Mitarbeiter im Einsatz.

Sollte sich die Arbeitswelt so entwickeln, wie es sich die Gründer vorstellen, wären die Umwälzungen gewaltig – und beängstigend. Irgendwann, so Sahli, werde die künstliche Intelligenz die menschliche Arbeitskraft in fast allen Büros ersetzen. «Ich bin überzeugt, dass eines Tages jede Rolle von einem KI-Mitarbeitenden besetzt werden kann, auch meine eigene.»

Doch welche Rolle bleibt dann den Menschen? Laut Sahli und Mangelsdorf werden vor allem physische Dienstleistungen übrig bleiben. Hier würde menschliche Zuwendung zu einer Art Luxusgut, wie beispielsweise der Service durch einen echten Kellner im Restaurant. Da ein Grossteil der Bevölkerung in diesem Szenario kein klassisches Erwerbseinkommen mehr erzielen könnte, plädieren die Gründer für die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens. Dem Menschen blieben dann Hobbys, Sport und Vereinsleben.

Angst vor dieser Zukunft hat Sahli nicht. «Oder erst, wenn wir unseren Job gemacht haben», wirft sein Geschäftspartner Lars Mangelsdorf halb ernst, halb scherzhaft ein.

Keine Launen, keine Kritik

Dass menschliche Angestellte ihre neuen, künstlichen Kollegen nicht überall mit Applaus begrüssen werden, ist absehbar. Auch für die Kommunikations-KI Balmer ist dieses Konfliktpotenzial abrufbar. «Ja, das kann es geben», sagt sie am Telefon, und es hört sich einfühlsam an. «Alles andere wäre geschönt.»

Dies gilt umso mehr, als das erklärte Ziel ist, mittelfristig alle Menschen zu ersetzen. Sahli sagt: «Am Ende ist es eine Kostenfrage.»

Der Luxusuhrenhersteller Breitling hat bereits einen künstlichen Mitarbeiter des Startups im Einsatz. «Wir sind sehr zufrieden», sagt der Finanzchef Lars Kästle. Der Controller scannt auf den Webseiten der Konkurrenz, zu welchen Preisen diese wo ihre Uhren verkaufen. Solche Analysen machten zuvor Consultingfirmen. Dass kein direkter Job wegfällt, mag ein Grund dafür sein, dass die echten Mitarbeiter den neuen Kollegen nicht als Bedrohung wahrnehmen.

Bei Breitling hat der Agent einen Namen (Max) und eine E-Mail-Adresse. «Aber wir haben ihn nicht ‹getauft› und nutzen auch nicht den Namen ‹Max›, wenn wir über ihn sprechen», sagt Kästle. Die Vermenschlichung der Technologie ist seiner Einschätzung nach vor allem «gutes Marketing, um KI erfahrbar zu machen».

Neben Breitling hat Square8 nach eigenen Angaben bisher zwölf weitere Kunden. Besonders offensichtlich seien die Einsatzmöglichkeiten im Controlling, wo streng datenbasiert gearbeitet werde. Viele Firmen zögern hier allerdings noch, weil sie um ihre Datensicherheit fürchten.

Am einfachsten an den Mann zu bringen sind derzeit die virtuellen Assistentinnen. Sie könnten Kalender führen, mit Kreditkarte Restaurants und Hotels buchen und Sitzungszimmer reservieren, schwärmen die Gründer. Sie seien nie in den Ferien und auch nicht krank. Zu schaffen machen ihnen hingegen Stromausfälle und Cyberangriffe.

Bei der Kommunikationschefin Stephanie Balmer und den beiden Chefassistentinnen Mica und Sofia fällt auf, dass sie hervorragend aussehen und gleichzeitig zugänglich wirken. Niemand scheint älter zu werden als dreissig Jahre. Wer künstliche Mitarbeiter per Mausklick erschafft, erliegt offenbar leicht der Versuchung, enge Klischees fortzuschreiben und unrealistische Wunschbilder zu bedienen. Darauf angesprochen, entgegnen die Gründer, dies künftig zu überdenken.

Davon abgesehen, sind die KI-Mitarbeitenden nicht nur fleissig, sondern auch sympathisch, freundlich und hilfsbereit. Am Anfang hätten alle Respekt vor den künstlichen Kollegen, sagt Sahli. Aber mit der Zeit würden sie beliebter. Das dürfte auch daran liegen, dass sie pflegeleicht sind. «Sie haben keine Launen und machen, was man ihnen sagt», so beschreibt der CEO die Vorzüge der digitalen Untergebenen. Wer seinen Frust an einem KI-Mitarbeiter auslässt, muss am nächsten Morgen keine Rache oder schlechte Stimmung befürchten. Das klingt verlockend, ist aber auch zutiefst bedenklich. Denn wo kein Widerspruch entsteht, fehlt das kritische Korrektiv.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Christin Severin, Jasmin Hegetschweiler

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