Zehntausende von Spitzeln: Peter Magyar öffnet endlich das Geheimdienstarchiv der Kommunisten
Jahrzehntelang blockierten Ungarns Regierungen die Einsicht in den Überwachungsapparat des einstigen Regimes. Der neue Ministerpräsident gibt die Agentenakten nun frei – just als ein ehemaliger Regierungschef auch Orban unterstellt, ein Spitzel gewesen zu sein.
07.11.2026, 05.30 Uhr
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Ungarns Regierungschef Peter Magyar begab sich für die Offenlegung der Akten in den Keller des Archivs der Geheimdienste.
Bernadett Szabo / Reuters
Nach einer jahrzehntelangen Debatte hat das Historische Archiv der Staatssicherheitsdienste in Ungarn die sogenannten Agentenakten des einstigen kommunistischen Regimes öffentlich zugänglich gemacht. Über eine eigene Website sind die Namen und Daten von knapp 60 000 ehemaligen Agenten der Geheimpolizei einsehbar. Ministerpräsident Peter Magyar stellt die Veröffentlichung 37 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als Vollendung der damaligen Wende dar. Er sieht darin aber auch einen zentralen Teil des «Systemwechsels» nach der langen Ära Viktor Orbans, den er im Wahlkampf versprochen hatte. Oft nannte er dabei auch die Offenlegung der Agentenakten.
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Das Datum dafür ist nicht zufällig gewählt: Am 4. November 1956, vor siebzig Jahren, begannen die sowjetischen Truppen ihre Grossoffensive auf Budapest, um die zwei Wochen zuvor ausgebrochene antikommunistische Revolution niederzuschlagen. Der Freiheitskampf der Ungarn endete blutig mit rund 2500 Opfern und Zehntausenden von Flüchtlingen. Es folgten weitere Jahrzehnte der Diktatur, deren Macht der Geheimdienst mit der Überwachung der Bevölkerung sicherte – auch mit von ihm angeworbenen informellen Mitarbeitern («Netzwerker»).
Nicht jeder mit einer Karteikarte war auch ein Spitzel
Für die Offenlegung ihrer Akten begab sich Magyar in Begleitung von drei Regierungsmitgliedern in den Keller des Archivs und liess sich vom Direktor Kartons voller Unterlagen und Karteikarten zeigen. Der Schritt sei Teil eines «Heilungs- und Versöhnungsprozesses», sagte er. Die Gesellschaft solle die Möglichkeit haben, ihre gemeinsame Vergangenheit kennenzulernen und aufzuarbeiten.
Der Ministerpräsident betonte, dass die Verantwortung für die Bespitzelung bei den damaligen Führungskräften liege – viele der Netzwerker seien selbst Opfer gewesen, etwa weil sie erpresst worden seien. Auch sei das Auftauchen eines Namens in den Akten noch kein Beweis, dass die Person tatsächlich als Informant tätig gewesen sei und Berichte verfasst habe. Bei einigen scheiterten Rekrutierungsversuche, andere lieferten nur nutzlose Hinweise. Der Regierungschef appellierte entsprechend daran, die Akten verantwortungsvoll zu nutzen. Man solle hinterfragen, nicht urteilen.
Historiker schätzen, dass es mehr als 150 000 aktive Netzwerker des Geheimdienstes gab. Drei Kategorien von Datenbanken sind nun frei zugänglich, eine weitere soll bis Ende Februar folgen. Auch dann sind die Informationen aber keineswegs vollständig. Einige Dokumente gingen im Zug des Volksaufstands 1956 verloren, viele wurden kurz vor der Wende 1989 aber auch vernichtet oder verschwanden.
Magyar nannte es ein grosses Versäumnis der Vorgängerregierungen, die Akten nicht früher veröffentlicht zu haben. Dann wären noch mehr Opfer und Täter am Leben gewesen, und man hätte Fragen stellen können, erklärte er. Bisher fehlte dafür allerdings der politische Wille. Die Linke sei auf diesem Gebiet «historisch blind» gewesen, erklärt der Historiker Krisztian Ungvary, der seit Jahrzehnten über die damaligen Geheimdienste forscht. Liberale und Konservative seien dagegen nicht nur über die Aktenöffnung, sondern auch über eine juristische Aufarbeitung uneinig gewesen.
Orbans Partei Fidesz versprach zwar die Öffnung der Archive, bevor sie 2010 an die Macht zurückkehrte. Entsprechende Anträge von Oppositionspolitikern blockierte sie danach aber stets, obwohl Orban seine politische Identität mit dem Antikommunismus begründet hatte. Der ehemalige Regierungschef habe die Bürger nur als Bittsteller gesehen, deren Menschenrechte irrelevant seien, sagt Ungvary dazu. Jede Diskussion über Verantwortung habe er unterbunden. Zudem habe Orban viele frühere Kommunisten in seine Reihen integriert, erklärt der Historiker.
Spekuliert wurde auch, der Fidesz-Chef könnte selbst etwas zu verbergen haben. Magyar machte wiederholt entsprechende Andeutungen und diese Woche auch der bekannte Investigativjournalist Szabolcs Panyi, der seit Jahren über die engen Russland-Beziehungen Orbans recherchiert. Miklos Nemeth, der letzte Ministerpräsident vor der Wende, will Anfang 1990 drei handschriftliche Agentenberichte Orbans gezeigt bekommen haben, die dieser angeblich während seiner Militärzeit erstellt hatte. Sie hätten das Verhalten und die politische, sexuelle und religiöse Orientierung anderer Soldaten zum Inhalt gehabt. Im März verfasste Nemeth ein Memorandum über seine Erinnerung und übergab es kürzlich dem Archiv der Staatssicherheitsdienste, wie Panyi in einem bekannten Podcast erzählte.
Belege für die Behauptung gibt es nicht. Am Dienstag veröffentlichte Orban auf seinen Social-Media-Kanälen Dokumente, die belegen sollen, dass ein Anwerbeversuch der Geheimpolizei am Anfang seines Militärdienstes erfolglos blieb. Später seien er, seine Frau und seine Mitstreiter unter ständiger Überwachung der Dienste gestanden, schrieb Orban.
«Viele Familien werden betroffen sein»
Der Direktor des Archivs erwartet indes keine explosiven Enthüllungen durch die Offenlegung der Geheimdienstakten. Ab 1994 wurde die Vergangenheit von Regierungsmitgliedern, Parlamentariern und hohen Beamten bereits auf eine Zusammenarbeit mit der Staatssicherheit überprüft. Auch zu Forschungszwecken konnten die Akten bereits eingesehen werden. Ungvary glaubt deshalb nicht, dass die Geschichte umgeschrieben werden muss. Es gehe eher um konkrete Einzelfälle, die aber einen gesellschaftshistorischen Erkenntnisgewinn brächten. «Viele Familien werden betroffen sein», sagte auch Magyar. Es werde zu schwierigen, aber notwendigen Diskussionen kommen.
Für Magyar ist die Öffnung des Archivs eines der wichtigsten Elemente seines «Systemwechsels». Sie ermögliche es dem Land, sich seiner Vergangenheit zu stellen, erklärte der Regierungschef. Auf diese hat er einen anderen Blick als Orban: Während dieser etwa den Volksaufstand 1956 vor allem als Widerstand gegen äussere Einmischung darstellt, betont Magyar den Kampf für Demokratie und die Zugehörigkeit zu einem freien Europa. Wegen ihrer Breite entspreche diese Interpretation eher den historischen Tatsachen, sagt Ungvary. Der Ministerpräsident stellt so nicht zufällig auch seinen eigenen Wahlsieg in einen ähnlichen Kontext wie 1956.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Meret Baumann
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