Wenige Tage vor den Midterms steht Donald Trump unter Druck. Für Europa stellt sich unabhängig vom Wahlausgang aber eine grössere Frage: Wie verlässlich sind die USA noch?
Tobias Endler
Der 1978 geborene Tobias Endler ist ein deutscher Politikwissenschaftler, Amerikanist, Buchautor und Publizist. Als ausgewiesener USA- und Transatlantik-Experte forschte er unter anderem an der Yale University und ist als gefragter Medienberater, Redner und Moderator tätig.
SRF: Sind die Demokraten gerüstet für einen Sieg bei den Midterms?
Tobias Endler: Mittelgut. Sie waren zwei Jahre im Schockzustand. Ein paar Namen positionieren sich am linken Rand als Hoffnungsträger.
Wir sprechen ständig über Trump. Sie sagen, das eigentliche Thema sei viel grösser.
Innenpolitisch wächst der Druck in den USA stetig, das Versprechen nach eigener Grösse wird immer seltener eingelöst. Dieser Druck wird nach aussen auf einen Sündenbock projiziert. Das ist nicht mehr China oder Russland, sondern Europa.
Manche denken, mit dem nächsten Demokraten sei dies Geschichte.
Auch für Demokraten kommt Europa unter «ferner liefen».
Vizepräsident JD Vance sagt, Europa schade sich selbst, weil es zu politisch korrekt sei.
Vance ist ein Hardcore-Ideologe. Er lässt sich nicht wie Trump auf Deals ein. Er spricht von sich und den Seinen als einer Bewegung.
Er sagt, Frankreich habe seine Proteste selbst importiert via Migration. Und: «Wir haben es schon immer gesagt, aber ihr wolltet nicht hören.»
Es geht um schwarz und weiss, um richtig und falsch. Mit so jemandem kann man nicht verhandeln und sagen: «Wir profitieren beide davon.»
Warum sind wir trotzdem überrascht, was uns aus den USA entgegentritt?
Diese Frage ist schmerzhaft, gehört aber dazu. Als erster Schritt, um sich anders zu positionieren.
Einige finden, die USA habe recht, Europa nicht mehr zu protegieren, sondern in die Pflicht nehmen.
Schon 2011 sagte Obamas Verteidigungsminister zur NATO: «Ihr müsst mehr beisteuern.» Das haben wir damals gern überhört. Trump ist nicht zu überhören.
Sie schreiben: «Jetzt müssen wir ausgerechnet den grossen Bruder fürchten, der uns lange die Furcht vor der Welt abnahm».
Wir müssen aufpassen. Auch bei uns bejahen Menschen Trumps Ideen und imitieren seine politische Taktik. Das ist gefährlich.
Trump sagt: «Ich brauche kein internationales Recht. Meine eigene Moral, mein eigener Verstand ist das einzige, was mich aufhalten kann.»
Furchterregend. Vor allem, weil er dieses Charisma bei seinen Unterstützern noch hat. Die nehmen ihm das ab.
Verringert sich der Einfluss des Silicon Valley, wenn die Demokraten wieder an die Macht kommen?
Das Silicon Valley war lange apolitisch. Bis mit Peter Thiel und anderen die Idee kam, gesellschaftlich mitzubestimmen. Sie haben Geld, Kontrolle über die sozialen Netzwerke und Verbindungen zur Politik. Dieser Einfluss ist gekommen, um zu bleiben.
Urs Gredig empfängt in seiner wöchentlichen Talkshow prominente Gäste aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung, Sport und Gesellschaft. Seit Januar dieses Jahres gibt es seine Sendung auch als Podcast.
Was raten Sie der Schweiz für Verhandlungen mit den USA?
Die Schweiz kann nicht mit demselben Vorschlaghammer zurückschlagen. Aber sie kann mit dem feinen Skalpell Schnitte setzen, die wehtun.
Wo?
Überall da, wo Spezialtechnik, Expertise und Wissen vorhanden sind. Wenn spezialisierte Schweizer Unternehmen ihre USA-Lieferungen beschränken, kriegt das Trump mit. Weil es ihm politisch wehtut.
Sind Sie zuversichtlich, dass sich Europa als Gegenpol zu den USA eint?
Mitteloptimistisch. Die EU ist ein demokratisches Wunder. Aber Prinzipien wie die Einstimmigkeit in wichtigen Fragen kosten einen Preis.
Was lindert Ihre persönliche Enttäuschung über den Kurswechsel der USA?
Persönliche Begegnungen. Cornel West, ein schwarzer Intellektueller, sagte mir: «Amerika leuchtet manchmal heller als alle anderen. Aber es hat auch eine sehr dunkle Schattenseite.» Vor dieser Schattenseite müssen wir uns in Acht nehmen.
Das Gespräch führte Urs Gredig.
Source: SRF · 31.10.2026, 09:08
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