«Wir wurden ermordet»: Die russische Zeitung «Nowaja Gaseta» stellt auf Druck von Behörden ihren Betrieb ein

Seit mehr als dreissig Jahren berichten die Journalisten der «Nowaja» über alles, was ihr Land bewegt. Korruption, Armut, Krieg. Manche von ihnen bezahlten für ihre Arbeit mit dem Leben.

30.10.2026, 16.15 Uhr

3 Leseminuten


Die Toten der «Nowaja»: Über dem Besprechungstisch der Redaktion hängen die Porträts derer, die bei ihrer Arbeit ihr Leben verloren.

Die Toten der «Nowaja»: Über dem Besprechungstisch der Redaktion hängen die Porträts derer, die bei ihrer Arbeit ihr Leben verloren.

Nanna Heitmann / Magnum Photos

Sein Gesicht ist starr, fast bewegungslos sitzt er da, vor sich vier dicht bedruckte DIN-A4-Seiten. «Wir wurden ermordet», sagt Sergei Sokolow in einer Videobotschaft am frühen Freitagmorgen. «Die ‹Nowaja Gaseta› gibt es nicht mehr», konstatiert der Chefredaktor eben dieser Zeitung, die nach jahrelangem Kampf gegen Repression, Zensur, Diffamierung nun endgültig ihre Redaktionsräume schliesst. Schliessen muss, weil der russische Machtapparat den Raum zum Überleben vernichtet hat.

Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.

Bitte passen Sie die Einstellungen an.

Es ist ein Schlag für Russlands ohnehin geschundenen unabhängigen Journalismus. Und ein Symbol für das, was Sokolow in seiner knapp siebenminütigen Rede als «verprügelte, vergewaltigte, in den Knast geworfene» Verfassung, Gesellschaft, ja Existenz eines jeden in Russland bezeichnet. «Am 9. November werden wir das Licht in unserem Haus ausschalten, in dem wir dreissig Jahre gelebt haben, wir werden die Server abstellen und gehen.» Genötigt dazu habe die Redaktion – seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 ist sie stark geschrumpft – der russische Staat. «All jene, die unser Land für ihr Eigentum halten.»

Die «Nowaja» ist eine Institution im Land. Lange hatte der Staat sie geduldet, als eine Art Feigenblatt, um nach aussen demonstrieren zu können, wie wunderbar die Pressefreiheit in Russland funktioniere. Doch auf der Rangliste von Reporter ohne Grenzen nimmt das Land seit Jahren einen der letzten Plätze ein, zuletzt den 172. von 180.

Im grauen Gebäude im Zentrum Moskaus arbeitete Anna Politkowskaja, die über Tschetschenien schrieb und am 7. Oktober 2006, an Putins 54. Geburtstag, vor ihrer Wohnung erschossen wurde. Hier arbeitete Natalia Estemirowa, ebenfalls in Sachen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien unterwegs. Hier waren auch Anastasia Baburowa, Stanislaw Markelow, Igor Domnikow, Juri Schtschekotschichin aktiv. Sie wurden bei ihren Recherchen getötet. Unter ihren Porträts im holzvertäfelten Redaktionsraum tagten die, die wussten, worauf sie sich einliessen, wenn sie für das Blatt schrieben.

Eine Demonstrantin in St. Petersburg hält im Oktober 2016 ein Porträt von Anna Politkowskaja. Die Journalistin berichtete für die «Nowaja Gaseta» über den Krieg und die Folgen in Tschetschenien und wurde im Oktober 2006 vor ihrer Wohnung in

Eine Demonstrantin in St. Petersburg hält im Oktober 2016 ein Porträt von Anna Politkowskaja. Die Journalistin berichtete für die «Nowaja Gaseta» über den Krieg und die Folgen in Tschetschenien und wurde im Oktober 2006 vor ihrer Wohnung in Moskau erschossen.

Imago

Hier flogen manchmal Stühle, es wurde gestritten und geweint. Hier herrschte stets die Überzeugung: «Lieber irgendwie arbeiten als gar nicht arbeiten.» Trotz Einschüchterung durch Behörden und Angriffen von Schlägern, trotz zunehmender staatlicher Verfolgung und neuen Gesetzen, die die Journalisten zwangen, Krieg nicht Krieg zu nennen. Sie setzten einfach drei Sternchen stattdessen. Sie wurden durchsucht und vor Gericht gezerrt. Sie verloren 2022 ihre Medienlizenz, veröffentlichten nur noch online. Im September dieses Jahres erklärte sie das russische Justizministerium zum «ausländischen Agenten». Sie machten weiter.

Seit mehr als dreissig Jahren steht die «Nowaja» für eine kritische, unerschrockene und für den Staat unbequeme Berichterstattung. Michail Gorbatschow, der erste und letzte Präsident der Sowjetunion, hatte 1992 sieben Unerschrockenen um den Journalisten und späteren Friedensnobelpreisträger Dmitri Muratow einen Teil seines Friedensnobelpreisgeldes gespendet. Es war eine wirtschaftlich schwierige Zeit und eine Zeit des Aufbruchs. Muratow und seine Leute schwirrten aus und schrieben so eindringliche Reportagen, dass sie bis heute oft schwer zu lesen sind, weil sie an die Schmerzgrenze gehen und Grausames enthalten, in klarer, oft persönlich gefärbter Sprache.

Muratow hielt das Team von «Nowaja» jahrzehntelang als Chefredaktor zusammen, liess seinen Journalistinnen und Journalisten Zeit, im Wissen darum, dass sie einen Text abliefern, der es in sich hat. 2023 machte ihn der Staat zum «ausländischen Agenten». Muratow überliess die Führung anderen, bei Redaktionssitzungen aber war er weiterhin mit dabei. Er sah zu, wie seine Jungstars das Haus verliessen, wie sie ins Exil gingen, wie andere wiederum, die wegen politischer Ordnungsstrafen anderswo nicht mehr eingestellt wurden, an den leerer gewordenen Tischen der «Nowaja» ihren Freiraum fanden.

Nun nehmen die verbliebenen Journalisten die Porträts ihrer getöteten Kollegen von den Wänden. Sie tragen Politkowskajas alten Computer, der hier immer stehen geblieben ist, hinaus. So zeigen es Bilder auf ihrer Homepage. Ihr Mietvertrag wurde gekündigt, die Banken haben zudem das System blockiert, über das sie Spenden ihrer Leser entgegengenommen haben. Damit ist die Finanzierung der «Nowaja» unmöglich geworden. Die, die noch da sind, denken dennoch an neue Projekte. «Wir schrieben, solange wir konnten», sagt Sokolow vor der Kamera im abgedunkelten Redaktionsraum. «Die letzte Ausgabe wird erscheinen.»

Passend zum Artikel

Source: Neue Zürcher Zeitung · Inna Hartwich

At a glance

Topic
World
Country
🇨🇭 CH
Publisher language
DE
Added to Allnira