Wie Jean-Pierre Gallati vom Haudegen zum «Höseler» wurde
Einst galt der SVP-Politiker als unerbittlicher Scharfmacher, heute geniesst er über die Parteigrenzen hinweg breiten Respekt. Aus dem früheren Angreifer wurde ein Regierungsrat mit Chancen auf das Bundesratsamt.
30.10.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Der Aargauer Regierungsrat Jean-Pierre Gallati scheut Konflikte nicht.
Sandra Ardizzone / CH Media
Seit Jean-Pierre Gallati seine Kandidatur für den Bundesrat bekanntgegeben hat, wird er mit Komplimenten überhäuft. Prominente Exponenten der politischen Konkurrenz loben den Aargauer Gesundheitsdirektor. Dieser gehört zwar nicht zu den Favoriten für die Nachfolge von Guy Parmelin, hat aber intakte Chancen, von der SVP-Fraktion auf das Ticket gesetzt zu werden.
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«Ich traue Jean-Pierre Gallati dieses Amt absolut zu», sagte die Mitte-Ständerätin Marianne Binder in der «Aargauer Zeitung». Er habe sich als Regierungsmitglied einen guten Ruf erarbeitet, habe klare Ansichten und scheue sich nicht, diese zu kommunizieren. Eine solche Persönlichkeit unterstütze sie gerne. Auch der FDP-Ständerat Thierry Burkart ist der Meinung, dass der 60-jährige Jurist alle Voraussetzungen mitbringe, die es für dieses Amt brauche.
Raues Klima in Gallatis Heimat
Während Gallati heute also breite Anerkennung geniesst, fielen die Urteile über ihn früher häufig negativ aus. Vor seiner Wahl in die Aargauer Regierung im Jahr 2019 bezeichneten ihn seine Gegner als Haudegen oder Scharfmacher. Es bestand grosse Skepsis, ob der scharfzüngige SVP-Fraktionschef sein Verhalten als Mitglied einer Kollegialregierung werde ändern können.
Um Gallatis Wandel zu verstehen, muss man wissen, wo er politisch gross geworden ist. Von 2006 bis 2015 sass er im Einwohnerrat von Wohlen. Die 17 000 Einwohner zählende Gemeinde im Bezirk Bremgarten war damals das Sorgenkind des Kantons Aargau. Die lokale Politik war von einer gehässigen Kultur geprägt. Mittendrin: Jean-Pierre Gallati.
Die von ihm angeführte SVP trat als unnachgiebige Opposition gegen den Gemeinderat auf. Nahezu jede Vorlage, jedes Budget und jedes Infrastrukturprojekt wurde zum Objekt erbitterter Grundsatzdebatten. Im Sommer 2015 nahm Gallati die zentrale Figur des «Systems Wohlen» ins Visier. Er reichte Aufsichtsanzeige gegen Walter Dubler ein, der ab 1998 als parteiloser Gemeindeammann die starke Figur in Wohlen war.
Gallati warf Dubler vor, überhöhte Pensionskassenbeiträge bezogen, Sitzungsgelder einbehalten und seine Kompetenzen überschritten zu haben. Seine Vorwürfe mündeten in einer Strafanzeige. Die Affäre schlug schweizweit hohe Wellen, und Dubler wurde in der Folge vom «Blick» als «frechster Gemeindeammann der Schweiz» bezeichnet.
Im März 2016 verurteilte das Bezirksgericht Dubler erstinstanzlich wegen mehrfachen Betrugs und ungetreuer Geschäftsbesorgung zu einer bedingten Geldstrafe. Das Aargauer Obergericht stützte das Urteil im Wesentlichen und verschärfte das Strafmass sogar noch. Dubler zog das Urteil ans Bundesgericht weiter.
Noch bevor das oberste Gericht einen Entscheid fällte, entband die Aargauer Kantonsregierung Dubler vorläufig seines Amtes, da das Vertrauensverhältnis irreparabel beschädigt sei. Überraschend hob im Juni 2017 das Bundesgericht das Urteil des Obergerichts vollumfänglich auf. Die Bundesrichter stellten fest, dass das für Betrug zwingende Tatbestandsmerkmal der Arglist gefehlt habe. Auch der ungetreuen Geschäftsführung habe sich Dubler nicht schuldig gemacht.
Gallati wertete das Urteil öffentlich als «Freispruch zweiter Klasse» ab. Er argumentierte, Dubler sei nur freigesprochen worden, weil die Kontrollorgane nicht genau genug hingeschaut hätten. Moralisch und administrativ bleibe sein Verhalten aber verwerflich. Auf Anfrage der NZZ erklärt Gallati: «Ich würde in dieser Sache alles noch einmal gleich machen. Meine Vorwürfe waren berechtigt, wie der gut begründete Absetzungsentscheid des Aargauer Regierungsrates zeigt.» Auch in zwei Strafurteilen seien die Vorwürfe gegen Dubler bestätigt worden.
Ganz anders sieht Walter Dubler die Sache. Bereits nach seinem Freispruch durch das Bundesgericht erklärte Dubler, Gallati habe seine politische Existenz zerstört. Auch heute kritisiert er den Bundesratsanwärter scharf. «Er hat seiner Wohngemeinde Wohlen auf eine Art geschadet wie keiner zuvor. Oft ging es weniger um politische Inhalte als vielmehr darum, Menschen kaputt zu machen. Dies geschah mehrfach bei fähigen Amtsträgern», sagt der ehemalige Gemeindeammann.
Er glaubt nicht, dass sich Gallati seither geändert habe. «Seine totale Verhaltensänderung überraschte viele. Ich erkläre es mir so: Nach seiner knappen Wahl in den Regierungsrat hat er selbst gemerkt, dass er sich nicht mehr so aufführen kann wie vorher», sagt der ehemalige Gemeindeammann.
Auch parteiintern griff Gallati durch. Im Dezember 2010 kündigte der Aargauer SVP-Nationalrat Lieni Füglistaller an, nicht mehr bei den Nationalratswahlen 2011 zu kandidieren. Als Grund nannte er Anwürfe aus den eigenen Reihen, nämlich von der SVP-Bezirkspartei Bremgarten. Er warf den beiden Kantonsräten Jean-Pierre Gallati und Andreas Glarner vor, eine «Hetz- und Negativkampagne» gegen ihn geführt zu haben, und verlangte ihren Parteiausschluss.
Die SVP Schweiz verfolgte die Intrigen mit Sorge. Der damalige Parteipräsident Toni Brunner sagte dazu im Juli 2011: «Ich reagiere empfindlich, wenn so viele Leute dermassen viel Energie aufwenden, um sich gegenseitig zu bekriegen. Sie fügen der Partei Schaden zu.» Im Unterschied zu Dubler hat Füglistaller mit den alten Geschichten abgeschlossen und will sich nicht mehr äussern. Zu Gallati habe er ein normales Verhältnis, erklärte Füglistaller auf Anfrage. «Wir haben uns längst wieder versöhnt», sagt Gallati. «Im Verhältnis mit Lieni Füglistaller sind keine schlechten Gefühle zurückgeblieben.»
Getrenntes «Duo infernale»
Dass bei dieser Affäre die Namen Gallati und Glarner auftauchen, ist kein Zufall. Die «Aargauer Zeitung» bezeichnete die beiden als «Duo infernale, das die SVP Aargau antrieb und ihren politischen Gegnern das Fürchten lehrte». Mit der Wahl Gallatis in die Aargauer Regierung und dem damit verbundenen Rollenwechsel zerstritt sich das Duo.
Dies wurde insbesondere während der Corona-Pandemie deutlich. Gallati unterstützte die Politik des Bundesrats und handelte teilweise noch vorsichtiger. So ging der Aargau noch vor dem Bund in den zweiten Lockdown. Glarner bezeichnete Gallati damals als «Höseler». Bei der Parolenfassung der SVP Aargau zum Covid-19-Gesetz im Oktober 2021 kam es zum Direktduell der «grossen G». Gallati setzte sich schliesslich durch: Die Delegierten beschlossen mit 48 zu 47 Stimmen die Ja-Parole. Die Mutterpartei lehnte die Vorlage mit 181 zu 23 Stimmen ab.
Auch in anderen Fragen wich Gallati als Regierungsrat von der Linie der SVP ab. So verteidigte er den Schutzstatus S für ukrainische Flüchtlinge und sprach sich gegen Blochers Neutralitätsinitiative aus. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine bezeichnete er Andreas Glarner als «Putin-Verehrer».
Doch wer ist Gallati wirklich? Ein Haudegen, der ohne Rücksicht auf seine Gegner losgeht, oder ein «Höseler», der keine echte SVP-Politik macht? Der Aargauer GLP-Nationalrat Matthias Jauslin kennt Gallati schon seit vielen Jahren. Zum einen sassen sie zusammen im Einwohnerrat Wohlen, zum anderen war Jauslin Gallatis Zugführer in der Rekrutenschule.
Grenadier Gallati
«Ich habe Jean-Pierre Gallati dabei als Grenadier kennengelernt, der sich nicht blindlings in den Kampf stürzt. Er schaut, wohin er springt», beschreibt Jauslin den Bundesratskandidaten. Gallati habe sich daher als Regierungsrat nicht ändern müssen. «Er hat seine Aufgaben immer sehr ernst genommen und die Projekte, die er daraus abgeleitet hat, sorgfältig abgearbeitet.»
Gemäss Jauslin wurde Gallati stark durch sein Jusstudium geprägt. Er ist ein Mensch, der vom Recht ausgeht. «Wo immer er Unrecht oder Vetterliwirtschaft vermutet, legt er den Finger in die Wunde. Das kann für die Betroffenen unangenehm sein, doch es ist nötig», betont Jauslin. Gallati habe sich deshalb als Regierungsrat überhaupt nicht ändern müssen, sondern lediglich eine andere Rolle einnehmen müssen. «Er wäre auch ein sehr guter Bundesrat», sagt Jauslin.
Ob Gallati wirklich die notwendigen Eigenschaften für einen Bundesrat hat, beurteilt in den nächsten Tagen und Wochen die Findungskommission der SVP unter der Leitung von alt Nationalrat Caspar Baader. Sollte er diese Hürde überstehen, wird er sich am 20. November der Bundeshausfraktion zur Wahl stellen. Die Stimme von Glarner scheint er trotz den Querelen der vergangenen Jahre auf sicher zu haben. An der Delegiertenversammlung der SVP Aargau hat er sich jedenfalls für den anderen Teil des ehemaligen «Duo infernale» starkgemacht.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Erich Aschwanden
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