Wer Sprache verändert, will Macht
Die Sprachsäuberung der Linken hat die Welt nicht verbessert, aber den Realitätssinn getrübt. Eine Zwischenbilanz darüber, was im Kulturkampf bisher geschah.
27.10.2026, 05.35 Uhr
6 Leseminuten
Der sterbende Indianer: Die Winnetou-Filme sorgten einst dafür, dass das Wort Indianer im deutschsprachigen Raum positiv besetzt war.
DDP
Es gibt Geschichten, die eignen sich nicht für Leute, die schnell moralische Probleme haben. In Thüringen wechselte jüngst ein wegen sexuellen Missbrauchs verurteilter Mann in der Haft sein Geschlecht und klagte daraufhin gegen die falsche Unterbringung. Das Landgericht Erfurt ordnete eine Verlegung in ein Frauengefängnis in Sachsen an, bezeichnete dies allerdings in der Urteilsbegründung als «völlig lebensfremd» und «absurd».
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Deutschland, so das Gericht, habe mit dem vor zwei Jahren in Kraft getretenen Selbstbestimmungsgesetz «in ideologischer Verblendung» die Möglichkeit geschaffen, dass es innert kürzester Zeit «Millionen von Frauen mit Penis oder Millionen von Männern mit Vagina geben könnte». Und: Ein «vernünftiger Gesetzgeber» hätte sich nicht «von der biologischen, physiologischen Bestimmung des Geschlechts grundlegend verabschiedet» und diese Frage zu einem «reinen Verwaltungsvorgang degradiert» – mit der entsprechenden Möglichkeit des Missbrauchs, möchte man hinzufügen.
Der Vorgang belegt, wie die weltanschaulichen Grundsätze der Identitäts- und Genderpolitik den akademischen Raum längst verlassen haben und etwa über Gerichtsentscheide ungut in die Gesellschaft hineinwirken. Der Blick auf die Realität ist vernebelt, Frauenrechte werden ausgehebelt. Wie kam es dazu?
Die Sprache der Wokeness
Dem Selbstbestimmungsgesetz gingen Jahre der sprachlichen Umerziehung voraus, die eine ungeahnte Wirklichkeit schuf, wie sie jetzt zu bestaunen ist. Richard David Precht («Angststillstand») spricht von einer «ganz neuen gesellschaftlichen Topographie», welche die Sprache der Wokeness hervorgebracht habe. Auf diese Tatsache machen die Erfurter Richter, denen die formale Rechtsprechung obliegt, in einem bemerkenswerten Statement in eigener Sache aufmerksam: Es läuft etwas grundfalsch, wenn die Justiz einem Penis die Tür zu einer für Frauen vorgesehenen Einrichtung öffnen muss.
Die Genderdebatte hat im Kampf um Sonderzeichen und mithilfe von Neologismen, die der amerikanischen Woke-Bewegung entlehnt sind, die Aberkennung biologischer Realitäten etabliert. Begriffe wie «bei der Geburt zugewiesenes Geschlecht» oder «männlich/weiblich gelesen» unterlaufen die objektiven Tatsachen. Damit einher ging die Schöpfung neuer Identitäten. Beispielsweise «queer». Als der damalige CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn im Frühjahr betonte, er sei «schwul, nicht queer», machte er auf das identitätspolitische Dogma aufmerksam, das die Realität der zwei biologischen Geschlechter leugnet. Spahn widersetzte sich explizit dieser Vereinnahmung.
Die neue Doktrin zählt mittlerweile über sechzig Geschlechter. Wo aber das Geschlecht nur noch ein Wort ist, wird dessen Selbstwahl zum Sprechakt. So häufen sich die Fälle, in denen Transfrauen erfolgreich und lukrativ wegen Diskriminierung gegen Unternehmen oder Fitnessstudios klagen, wie der Kulturjournalist Matthias Heine ausführt. Das Selbstbestimmungsgesetz erlaubt es, einmal im Jahr auf dem Standesamt die Geschlechtsidentität zu wechseln, und zwingt die Gesellschaft, «diese Identitätsmaskerade als real anzuerkennen».
Womit wir beim Offenbarungsverbot wären, das untersagt, einen Menschen mit Penis als Mann zu bezeichnen, wenn dieser sein Geschlecht aufgrund des Gesetzes hat ändern lassen. Die Schriftstellerin Monika Maron stellt dazu entgeistert fest: «Am Ende wird meine Wahrnehmung unter Strafe gestellt, wenn ich einen Mann in Frauenkleidern trotzdem einen Mann nenne.» Das erinnere sie an George Orwells dystopischen Roman «1984». In der «Emma» schreibt die Linguistin Luise F. Pusch, die Gesellschaft werde durch das Offenbarungsverbot «zum Lügen gezwungen wie in einer Diktatur». Mit dieser Bezeichnung gebe man das auch zu, denn «offenbaren kann ich nur die Wahrheit, keine Lüge», so Pusch.
In Monty Pythons Filmkomödie «Life of Brian», der legendären Parodie auf das Leben von Jesus Christus, gibt es eine Szene, in der Stan verkündet, aufgrund seines Babywunsches fortan «Loretta» sein zu wollen. Es sei absoluter Blödsinn, für das Recht, Babys zu bekommen, zu kämpfen, wenn man keine Babys bekommen könne, wird ihm entgegnet. Trotzdem führt eine kleine Abstimmung dazu, dass der verzweifelte Stan sich zur Loretta erklären darf, auch wenn das die Realität nicht ändert.
Das reicht heute, nach fast vierzig Jahren, selbst bei einem Werk der Filmgeschichte nicht mehr als grundsätzliche Anerkennung von Transsexualität: In unserer Zeit hat eine LGBTQ+-Community versucht, bei einer Bühnenadaption die Szene wegen Transfeindlichkeit streichen zu lassen. Der so aufschlussreiche wie lustige Dialog zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Sein und Schein sollte getilgt werden. 1979 wäre niemand auf die Idee gekommen, dass man dereinst dieser Satire Hellsichtigkeit zuschreiben muss.
«Diskriminierungs-Shareholder»
Sprache sei eigentlich dazu da, «die Komplexität der Welt auf das für uns jeweils Wesentliche zu reduzieren», um «Orientierung» zu ermöglichen, gibt der Publizist und Philosoph Mathias Brodkorb zu bedenken. Für ihn beruht die Genderideologie, wie sie dem Selbstbestimmungsgesetz den Weg bereitete, vor allem auf einem Irrtum, weil sie Sprache für ein «Instrument der Selbstinszenierung» halte.
All diese neuen Gruppen und Dutzende von Geschlechtern, «Queers», aber auch «Diskriminierte, Vulnerable und Subalterne» bildeten die Klientel, aus der die neue Linke ihre Legitimation ableite, so Matthias Heine. Wo die klassische Linke einst als Sprachrohr der Arbeiter und Bauern figurierte, verstehe sie sich heute als «Koalition der Marginalisierten». Damit begründete die Post-1989-Linke nach dem Zusammenbruch des Kommunismus mittels Sprache eine neue Ideologie und fand wieder einen Weg zur kulturellen Hegemonie.
Die politische und kulturelle Vormachtstellung sichert man sich auf der einen Seite durch die «Sanktionierung ungebührlichen Sprachgebrauchs», die weiträumige Vermessung «struktureller» oder gar «epistemischer» Missstände. Auf der anderen Seite baut man damit gezielt die eigene Klientel von «Diskriminierungs-Shareholdern» auf, wie Heine die neu behaupteten Opfergruppen bezeichnet.
Wie schamlos die Machtgier und der Angriff auf die Demokratie mittlerweile vorangetrieben werden, zeigt sich bei der Partei Die Linke in der Rekrutierung von politischen Anhängern auf Teufel komm raus – man fischt im trüben aktivistischen Milieu, das mit allen Mitteln für Palästina und gegen Israel kämpft. Dafür tut man sich in Berlin auch zusammen mit dem muslimischen Clan-Milieu. Dass man dort nichts von Gleichstellung oder Homosexualität, geschweige denn Queeren hält? Was soll’s!
Hier zeigt sich, dass es in erster Linie nicht um die Opfer im Gazastreifen geht, auch nicht um soziale Hilfestellung, um Höflichkeit oder Respekt, sondern um Machtgewinn. Der Kampf um Sprache und ihre Regeln zielt auf «das Monopol auf legitime symbolische Gewalt», wie Mathias Brodkorb mit Verweis auf Pierre Bourdieu betont.
Ein Klima des Generalverdachts
Es ist kein Zufall, dass der «Gewalt durch Sprache» oder «verbalen Gewalt» mittlerweile eine immense Aufmerksamkeit zuteilwird. Denn hier lässt sich – Stichwort: Mikroaggression – eigentlich immer etwas finden, was man dem Gegenüber moralisierend in den Mund legen kann. Weil niemand dem anderen absprechen kann, etwas als verletzend zu empfinden. Das gruselige Ergebnis ist ein gesellschaftliches und zwischenmenschliches Klima des Generalverdachts.
Wem also nützt die ganze Sprachsäuberung, die Geschlechterverwirrung, die Vernebelung der Realität, das Zensurieren von Kinderbüchern und das systematische Herumbasteln an der Sprache?
Die Schriftstellerin J. K. Rowling äusserte sich bezüglich der Behauptung, Worte seien Gewalt, auf X so: Wer so tue, als seien Ansichten, die den eigenen widersprechen, Gewalt, rechtfertige «damit den Einsatz tatsächlicher Gewalt gegen die sprechende Person».
Words are not violence. When you pretend that views that oppose your own are violence, you are justifying the use of actual violence towards the speaker.
Gender ideology’s reliance on tropes and slogans like ‘words are violence’, its constant rationalisation and justification of… pic.twitter.com/wTEfVKbk8a
— J.K. Rowling (@jk_rowling) September 17, 2025
Wie viel Schaden diese Ideologie bereits angerichtet hat, zeigte Anfang des Jahres ein Vorfall am Schauspielhaus in Bochum. Teile des Publikums gingen auf einen Schauspieler los, der offensichtlich besonders glaubwürdig einen Faschisten spielte. Die Intendantin musste einschreiten und erklären, dass das hier eine Theateraufführung sei und nicht die Wirklichkeit. Der Theaterkritiker der «Welt» sah sich bei diesem «Rausch der lustvollen Enthemmung» an «voraufklärerischen Aberglauben» erinnert. Der «Wahnwitz von Bochum», diagnostiziert Brodkorb, sei das logische Ergebnis des Glaubens an «böse Wörter». Wer ernsthaft überzeugt sei, dass es diese gebe, der müsse alle, die sie aussprächen, für böse Menschen halten.
Im derzeitigen Blick auf Frankreich zeigt sich, wie Gewaltanwendung und Zerstörung den eigentlichen Widerspruch im Gesellschaftsdiskurs ersetzt haben.
Die Sprache ist ein Fundament der Demokratie
Politischer Widerspruch ist nicht das Vorrecht einer Gruppe. Analysen wie jene von Brodkorb oder Heine sind wichtige Beiträge zur Debatte, weil sie zeigen, dass die Sprache ein Fundament der Demokratie ist. Die beiden Autoren heben mit ihren Darstellungen auch einen Wissensschatz, der im Begriff ist, verlorenzugehen. Sie entlarven moralische Überheblichkeit, dechiffrieren Verschleierungen und machen Mut, wieder frei zu sprechen und zu denken.
Alle Teile der Bevölkerung müssen sich äussern können, ohne staatliche Gängelung, Bestrafung oder gesellschaftliche Ächtung befürchten zu müssen. Allerdings wirken Cancel-Culture und Sprachregelungen in Deutschland bereits fatal in öffentliche und staatliche Institutionen hinein, in Schulen, Verlage, öffentlichrechtliche Medien und Justiz. Mit der Folge, dass laut Umfragen weniger als die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland angibt, man könne noch frei seine Meinung sagen.
Er werde in letzter Zeit häufiger gefragt, ob man heute noch «Indianer» sagen dürfe, schreibt der durch seine Rollen in Defa-Indianerfilmen beliebte Schauspieler Gojko Mitić im Vorwort zu Brodkorbs Buch. Er frage dann meist zurück: «Bekämen die Indianer etwa ihr Land zurück, wenn wir sie anders nennten? Wäre das Unrecht dann beseitigt?» Ihm scheine es, dass einige «aus Überheblichkeit und ohne die Betroffenen gefragt zu haben, mit Umbenennungen ihre eigenen Probleme lösen wollen». Wie sagte der sterbende Indianer? «So ist Winnetous Aufgabe doch erfüllt.»
Mathias Brodkorb: Böse Wörter. Der Kulturkampf um die Sprache und seine Irrtümer. Verlag zu Klampen, Springe 2026. 216 S., Fr. 35.90.
Matthias Heine: Die Sprache der Linken. Was sie sagen und was sie meinen. Langen-Müller-Verlag, München 2026. 272 S., Fr. 37.90.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Claudia Schwartz
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