Wer spendet seine 13. AHV-Rente für einen guten Zweck? Eine Stiftung macht sich auf die Suche nach mindestens 1000 kleinen Pestalozzis

Zwei Unternehmer wollen jene Pensionäre, die es finanziell vermögen, dazu bringen, auf den Zustupf zu verzichten. Das soll jedoch nur der Anfang sein. Das Sozialwerk soll grundsätzlich neu gedacht werden.

06.11.2026, 05.30 Uhr

4 Leseminuten


Als das Schweizervolk im März 2024 deutlich Ja zu einer 13. AHV-Rente sagt, überkommt Jörg Odermatt ein mulmiges Gefühl.

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Der erste Gedanke: «Uns drohen bald deutsche Verhältnisse.» Odermatt meint damit einen überbordenden, kaum mehr finanzierbaren Sozialstaat. Sein zweiter Gedanke: «Da muss man doch etwas dagegen machen.»

Dieser Gedanke hat Odermatt, Mitgründer des Vorsorgeunternehmens Pens-Expert, seither nicht mehr losgelassen. Gemeinsam mit Karl Reichmuth, dem Inhaber der Bank Reichmuth, hat er kürzlich die Stiftung Fondation Chance 13 ins Leben gerufen.

Ihr Ziel: Wer nicht auf das zusätzliche Geld des Staates angewiesen ist, soll seine 13. Rente doch der Stiftung spenden. Die sorgt dann dafür, dass das Geld Menschen zukommt, die es wirklich nötig haben. Dem Spender bleibt der Trost, dass er den Zustupf von den Steuern abziehen kann.

Eingesetzt werden soll das Geld ganz konkret für Projekte von Pro Senectute und Pro Juventute. Unterstützt werden Personen über 60, die von Altersarmut betroffen sind. Und Junge, die nicht «zukunftsfähig» sind, also nicht bereit für den Arbeitsmarkt.

Die Zusatzrente, die im Dezember erstmals ausbezahlt wird, kostet jährlich 4 Milliarden Franken – und ab 2035 gemäss Schätzungen des Bundes bereits 5 Milliarden Franken. Finanziert ist sie nicht. Selbst ein Ja zur Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,4 Prozentpunkte brächte jährlich «nur» 1,4 Milliarden Franken ein.

Die Profiteure dieses – nicht ansatzweise finanzierten – Bevölkerungswunsches sind derzeit 2,7 Millionen Rentner. Nur ein Achtel bezieht gegenwärtig Ergänzungsleistungen, hätte einen Zustupf also tatsächlich sehr nötig. Odermatt sagt, dass, «und das ist eher konservativ gerechnet», etwa ein Viertel der Pensionäre auf den Zustupf gut verzichten könnte. «Würden alle, die es nicht nötig haben, ihre 13. AHV spenden, käme eine Milliarde pro Jahr zusammen. Damit wäre schon viel erreicht.»

Das Vorhaben ist löblich, aber geht Odermatts Rechnung auch auf?

Nur ein Tropfen auf den heissen Stein?

Odermatt ist bewusst, dass er diese Milliarde wohl kaum einsammeln wird. Für den Anfang will die Stiftung 500 bis 1000 Spender gewinnen. Damit kämen etwa 2 Millionen Franken zusammen – ein Tropfen auf den heissen Stein.

Odermatt sagt, dass die Stiftung noch ganz am Anfang stehe. Nun gelte es, breiter bekannt zu werden. Immerhin haben sich bereits mehrere potenzielle Spender gemeldet – unter ihnen auch ein paar Prominente. Die müssten nun nur noch öffentlich mit ihrem Namen hinstehen. Denn Geld für eigene Werbekampagnen hat die Stiftung keines. Odermatt sagt: «Wir wollen möglichst keine Spenden für Marketing ausgeben.» Ausser ein bisschen Aufwand für Administration wie Buchführung, die unerlässlich ist, sollen «95 Prozent» der Gelder direkt zu den begünstigten Institutionen gehen.

Natürlich kann jeder, der nicht auf eine 13. Rente angewiesen ist, das Geld auch direkt spenden. Reichmuth und Odermatt sorgen mit ihrer Stiftung dafür, dass das Geld gebündelt und zielgenau eingesetzt wird. So wird eine grössere Wirkung entfaltet. Aber einfach wird das nicht werden.

Auch Odermatt hat beobachtet, dass sich die Gesellschaft seit der Pandemie verändert hat. Vor wenigen Jahren sagten die Stimmberechtigten noch Nein zu einer sechsten Woche Ferien. Dann erlebte die Bevölkerung, wie der Staat Milliarden für Überbrückungskredite, gestrauchelte Grossbanken und den Sozialstaat ausgab.

Offenbar kamen bei der Abstimmung über den AHV-Ausbau selbst Wohlhabende an einen Punkt, an dem sie sagten: Wenn für alles Geld da ist, weshalb nicht für einmal auch für mich oder diejenigen, denen ich Geld geben möchte?

In der Schweiz fehlt es an Innovationsbereitschaft

Die Stiftungsgründer denken auch deswegen ihr Engagement bereits weiter. Die Fondation soll mehr sein als eine Vermittlungsplattform von kleinen Pestalozzis. Odermatt will mittelfristig die AHV neu denken. Denn bis heute sind für die Berechnung der AHV-Rente zwei Komponenten massgebend: die Zahl der Beitragsjahre und das durchschnittliche Einkommen.

Das Problem: Längst nicht alle, die die vollen 44 Jahre lang gearbeitet und einbezahlt haben, kommen auf ein Durchschnittseinkommen von rund 90 000 Franken, das es für die AHV-Maximalrente braucht. Betroffen sind vor allem Geringverdiener, die zwar 100 Prozent arbeiten, aber dennoch nicht auf den Maximalbetrag kommen. «Das System», sagt Odermatt, «belohnt nicht unbedingt die Fleissigen.» Deshalb schlägt er vor, anstelle des Einkommens künftig den Beschäftigungsgrad zu berücksichtigen. Wer Vollzeit arbeitet, soll auch im Alter dafür belohnt werden. «Das sind die Überlegungen, die wir uns machen sollten», sagt Odermatt. Leider sei die Innovationsbereitschaft in der Politik derzeit an einem kleinen Ort daheim.

Die Fondation Chance 13 will deshalb auch politische Debatten und Lösungen zur Sanierung der Sozialwerke anstossen.

In ein paar Tagen werden die Schweizer Rentner zum ersten Mal eine 13. Auszahlung erhalten. Ein paar Dutzend haben Odermatt und Reichmuth bereits zugesichert, das Geld an ihre Stiftung weiterzuleiten. Weitere hundert zeigen sich interessiert. Das ist nicht viel, aber es ist ein Anfang.

Jörg Odermatt ist heute 64 Jahre alt. Er sagt: «Ich habe mich ebenfalls schon auf die Spendenliste setzen lassen.»

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Sebastian Briellmann, Christina Neuhaus

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