Weniger Plünderungen, aber erneut Gewalt bei den Protesten in Frankreich – auch in Italien kommt es zu Schäden und Angriffen
Lange verliefen die Proteste in Frankreich am Samstag friedlich. Doch am Rand der Demonstrationen griffen Gewalttätige wieder die Polizei an. Heftig krachte es in Tours.
25.10.2026, 12.41 Uhr
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Demonstrierende in Lille am 24. Oktober. Landesweit beteiligten sich laut Innenministerium rund 410 000 Menschen an den Protesten.
Imago
Am Protestzug in Paris beteiligten sich am Samstag laut der französischen Polizei rund 110 000 Menschen. Die Behörden hatten die Demonstration bewusst an den Stadtrand verlegt, um historische Gebäude und Läden im Zentrum zu schützen. Landesweit zählte das Innenministerium rund 410 000 Teilnehmende, die Gewerkschaft CGT sprach von fast 800 000. Ihnen standen 70 000 Polizisten und Gendarmen gegenüber, darunter Spezialeinheiten, die normalerweise für Antiterrormissionen eingesetzt werden.
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Die eigentlichen Demonstrationen verliefen nach Worten des Innenministers Laurent Nuñez zwar reibungslos. Schon früh fielen den Sicherheitskräften in Paris jedoch potenziell gewaltbereite Teilnehmer auf. Bei präventiven Kontrollen beschlagnahmten sie Feuerwerkskörper und andere gefährliche Gegenstände. Bis 17 Uhr meldete die Polizeipräfektur bereits mehr als 3000 Kontrollen und 65 Festnahmen.
Gegen Abend kam es am Rande der Protestzüge in mehreren Städten zu Zusammenstössen. In Paris griffen laut der Polizei nach dem Ende des Protestzugs mehr als 500 Vermummte die Sicherheitskräfte an. Diese drängten die Krawallanten mit Tränengas, Schlagstöcken und Wasserwerfern zurück.
«Extrem hohes Gewaltniveau»
Der Innenminister Laurent Nuñez sprach in Bezug auf diese Vorfälle von einem «extrem hohen Gewaltniveau». Gleichzeitig erklärte er, die Sicherheitskräfte hätten eine Wiederholung der Ereignisse vom 17. Oktober verhindert. Damals beschädigten oder plünderten Demonstrierende bis zu 3000 Geschäfte, zündeten Autos an und griffen Rathäuser sowie Polizeistationen an. In Limoges brannte das historische Rathaus. An diesem Samstag blieben Angriffe auf öffentliche Gebäude laut Nuñez aus – möglicherweise auch, weil Soldaten besonders gefährdete Gebäude bewachten und Helikopter sowie gepanzerte Fahrzeuge bereitstanden.
Bis zum frühen Samstagabend meldete der Innenminister landesweit fast 1000 Festnahmen, gegenüber 385 zum gleichen Zeitpunkt eine Woche zuvor. Diese Zahl werde noch steigen, kündigte er an.
Die Polizei konnte jedoch nicht überall verhindern, dass Geschäfte zum Ziel von Randalierern wurden. In Marseille wurden laut einer ersten Bilanz der Behörden vom Samstagabend drei Geschäfte geplündert oder beschädigt, darunter offenbar zwei Juweliergeschäfte. In Lyon meldete die Präfektur drei beschädigte Geschäfte.
Bankfiliale brennt
Zu einem schweren Vorfall kam es in Tours. Dort setzten Randalierer eine Bankfiliale in Brand. Weil das Feuer auch auf Wohnungen in den darüberliegenden Stockwerken übergriff, mussten die Behörden für die Bewohner neue Unterkünfte suchen. Insgesamt sprachen die Behörden in Tours von neun beschädigten Geschäften sowie vereinzelten Diebstählen.
In Paris konnte die Polizei dagegen verhindern, dass Randalierer am Ende des Protestmarsches in ein Autohaus eindrangen. Der Innenminister Nuñez erklärte am Samstagabend, es habe landesweit insgesamt eine «sehr begrenzte Zahl beschädigter oder geplünderter Geschäfte» gegeben. Zugleich betonte er, dass die Bilanz noch nicht abschliessend sei.
Die französische Zeitung «Le Monde» schrieb von einem «Tag der starken Mobilisierung ohne grössere Zwischenfälle». Dennoch hatte die Gewalt auch diesmal schwere Folgen: Nuñez berichtete von zwei Schwerverletzten in Toulouse und Clermont-Ferrand. Einem 20-Jährigen in Toulouse wurden nach Angaben eines freiwilligen Helfers mehrere Finger der rechten Hand abgerissen, als in seiner Nähe ein Sprengkörper explodierte.
Verletzt wurden auch zahlreiche Angehörige der Sicherheitskräfte. In Lyon meldete die Präfektur 22 Verletzte, darunter 18 Angehörige der Sicherheitskräfte. In Tours wurden nach Behördenangaben acht der 200 eingesetzten Polizisten verletzt. Die Einsatzkräfte seien unter anderem mit Wurfgeschossen und Feuerwerkskörpern angegriffen worden, hiess es.
Der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon stellte den anfangs friedlichen Verlauf des Pariser Protestzugs als «vollständigen Sieg der sozialen Bewegung» dar. Der Präsidentschaftskandidat äusserte seine positive Einschätzung allerdings, bevor es zum Ende der Veranstaltung doch noch zu Ausschreitungen kam. Mélenchon kündigte an, die Proteste würden sich nun jede Woche wiederholen. Auch die Gewerkschaft CGT kündigte an, den Druck aufrechtzuerhalten, und bekräftigte den Aufruf zu einem grossen Streik- und Protesttag am 5. November. Sie warf der Regierung vor, mit Demonstrationsverboten und einem beispiellosen «Repressionsapparat» die Mobilisierung verhindern zu wollen.
Die Zeitung «La Dépêche du Midi» urteilte am Sonntag, die Regierung könne sich zwar über die geringeren Spannungen bei den Protesten freuen. Der Druck, auf die sozialen Forderungen zu antworten, sei jedoch mindestens ebenso gross wie zuvor. Gerade weil sich friedliche Demonstranten und gewalttätige Gruppen diesmal klar voneinander unterscheiden liessen, rückten die Anliegen der Schüler, Studierenden und übrigen Protestierenden wieder ins Zentrum, argumentierte das Blatt.
Zusammenstösse auch in Italien
In Italien verliefen die Jugendproteste zwar überwiegend friedlich. Dennoch kam es in mehreren Städten zu Zusammenstössen. In Turin warfen Demonstrierende Steine, Flaschen und Feuerwerkskörper auf Sicherheitskräfte. Die Polizei antwortete mit dem Einsatz von Schlagstöcken, Tränengas und Wasserwerfern, wobei offenbar zwei Demonstrierende verletzt wurden. Auch in Rom wurde die Polizei mit Flaschen beworfen, worauf sie Tränengas und Wasserwerfer einsetzte.
Landesweit meldeten die italienischen Behörden am Samstagabend neun Festnahmen und 87 Anzeigen. 371 Personen wurden auf Polizeidienststellen gebracht und dort festgehalten, darunter 110 Minderjährige. Die Verwüstungen und Plünderungen der Vorwoche wiederholten sich laut Beobachtern jedoch nicht im gleichen Ausmass.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Jürg Meier
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