Wenig Gas, wenig Wasser: Die Angst vor einer Mangellage ist zurück

Die Energiepreise schnellen in die Höhe, die Reserven sind ungewöhnlich tief. Laut den Behörden sind Engpässe bei Strom und Gas wenig wahrscheinlich. Doch an den Märkten steigt die Nervosität – befeuert durch die Aussicht auf einen frostigen November.

02.11.2026, 05.30 Uhr

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Der Preis für Erdgas liegt mittlerweile fast gleich hoch wie im Herbst 2022.

Der Preis für Erdgas liegt mittlerweile fast gleich hoch wie im Herbst 2022.

Frank Rumpenhorst / DPA

Schon wenige Grad Unterschied in den Temperaturprognosen genügen, um die europäischen Erdgasmärkte aus der Ruhe zu bringen. Dort gingen die Energiehändler lange davon aus, dass Europa einen eher milden Winter erleben werde. Nun aber zeichnet sich etwas anderes ab: Der November «könnte einer der kältesten in den vergangenen zehn Jahren werden», sagt Marco Saalfrank, Leiter des internationalen Handelsgeschäfts beim Energiekonzern Axpo. Ein solcher Kälteeinbruch würde die Gasnachfrage in Europa massiv anheizen.

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Das sorgt an den Gasmärkten für wachsende Nervosität – insbesondere, weil gleichzeitig auch noch der Ölpreis steigt. Anfang Oktober kostete Gas zur Lieferung im Folgemonat noch rund 72 Euro pro Megawattstunde. Danach kletterte der Preis zeitweise auf über 100 Euro. Er erreichte damit zwar keine Rekordhöhe, liegt aber nur unwesentlich tiefer als im Krisenherbst 2022. In den vergangenen Tagen sind zudem auch die Strompreise am Schweizer Terminmarkt hochgeschnellt: Strom mit Lieferjahr 2027 verteuerte sich innerhalb von nur zwei Wochen um 13 Prozent.

Deutet der markante Preisschub darauf hin, dass es wieder eng werden könnte bei der Versorgung mit Strom und Gas – so wie vor vier Jahren?

Knapp an Mangellage vorbei

Damals brach infolge des Ukraine-Kriegs ein Grossteil der russischen Erdgaslieferungen nach Europa weg. Gleichzeitig stand zeitweise gut die Hälfte der französischen Kernkraftwerke still. Damit war die Produktion eines wichtigen Stromlieferanten der Schweiz stark eingeschränkt. Dank einem ungewöhnlich warmen Winter schrammte das Land an einer Mangellage vorbei.

Auch dieses Mal sorgt eine Verkettung mehrerer Faktoren für Anspannung. Weil der Iran-Krieg die Gaspreise in die Höhe trieb, hielten sich die Energieunternehmen im Sommer beim Auffüllen der Speicher zurück. Entsprechend klein sind nun die Vorräte für den Winter. In Nordwesteuropa liegen die Füllstände der Gasspeicher rund 23 Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnitt. Das birgt Risiken für die Stromversorgung: In der EU wird rund ein Sechstel des Stroms mit Gas erzeugt.

Auch im Inland sind die Reserven gering. Wegen der anhaltenden Trockenheit sind die Stauseen ungewöhnlich schlecht gefüllt. Daran änderten auch die zum Teil ergiebigen Niederschläge der letzten Wochen nichts. Am 26. Oktober lagen die Pegelstände laut dem Energiedashboard des Bundes bei 70 Prozent – dem tiefsten Wert für diesen Zeitpunkt seit Beginn der Statistik 1997. Im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre waren es 84 Prozent.

Der Axpo-Chef Christoph Brand sieht deswegen «keinen Grund zur Panik, aber auch keinen Grund zur völligen Entspannung», wie er vergangene Woche auf Linkedin schrieb. Blieben grössere Kraftwerksausfälle aus, erwarte er keinen Versorgungsengpass. Bei ungünstigen Bedingungen müssten allerdings wohl Kohlekraftwerke in der EU hochgefahren werden, und die Schweiz wäre auf deutlich mehr Stromimporte angewiesen. Sicher sei: Der Winter werde teuer.

Nicht wirklich beruhigend

So richtig beruhigend wirkt die Lageanalyse des Chefs des grössten Schweizer Stromkonzerns nicht. Zumal auch die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) keine Entwarnung gibt. Man schliesse einen Versorgungsengpass im kommenden Winter nicht aus, sagt die Sprecherin Antonia Adam. Besonders kritisch werde es, wenn gleichzeitig mehrere Risikofaktoren einträten: etwa eine eingeschränkte Verfügbarkeit von Gas, eine unerwartet tiefe Stromproduktion aus Kern- und Windkraft sowie eine längere Kältephase und anhaltende Trockenheit.

Laut Adam sind die Speicherseen nicht nur schlecht gefüllt. Die Strompreise schaffen auch einen Anreiz, dass die Betreiber das verbliebene Wasser früh zur Stromproduktion nutzen. Für Strom im nächsten Monat werde mehr bezahlt als für Lieferungen in den Monaten danach. Für die Betreiber sei es deshalb attraktiver, das Wasser früh zu verstromen, statt es aufzusparen.

Das Risiko eines physischen Engpasses beim Strom schätzt die Elcom weiterhin als gering ein. Die gestiegenen Strompreise deuteten derzeit nicht auf eine eigentliche Angebotsknappheit hin, so Adam. Entlastend wirke zudem die gute Verfügbarkeit der französischen und schweizerischen Kernkraftwerke. Allerdings sei nicht auszuschliessen, dass die Nachbarländer weniger Strom für den Export übrig hätten: So könnte etwa eine eingeschränkte Gasverfügbarkeit die Exportfähigkeit der Nachbarländer zusätzlich schwächen.

Bund will notfalls Transit-Pipeline anzapfen

Klar ist: Auch dem Bund ist die Situation nicht mehr geheuer. «Die Versorgung für den Winter 2026/27 gestaltet sich herausfordernd», heisst es im gegenwärtigen Lagebericht des Bundesamtes für wirtschaftliche Landesversorgung zum Erdgas. Die Behörde hat Mitte August zusammen mit der Gaswirtschaft überraschend zusätzliche Massnahmen zur Stärkung der Versorgungssicherheit bekanntgegeben.

Damit will man das zentrale Problem der Landesversorgung mit Gas angehen: Die Schweiz besitzt keine eigenen Erdgasspeicher und ist vollständig auf das Ausland angewiesen. Doch was, wenn Lieferungen aus Richtung Norden ausbleiben – aller Zusicherungen der umliegenden Länder zum Trotz?

Für diesen Fall haben Bund, Axpo und weitere Akteure der Energiebranche nun eine zusätzliche Bezugsmöglichkeit geschaffen: einen Zugriff auf die grosse Transitgas-Pipeline, die mitten durch die Schweiz führt und die Versorgung von Italien mit Erdgas aus dem Norden sicherstellt. Die Schweizer Gaswirtschaft hat sich gegen eine Prämie das Recht gesichert, bei Lieferengpässen bis zu einem Zehntel des Schweizer Winterbedarfs direkt aus dieser Pipeline abzuzweigen. Damit Italien in einem solchen Fall nicht plötzlich zu wenig Gas hat, sorgen die Händler der Axpo für Ersatz: Sie liefern dieselbe Gasmenge in Italien aus anderen Quellen nach.

Die Option auf dieses Gas kostet einen einstelligen Millionenbetrag und wird auf die Schweizer Bevölkerung abgewälzt. Ein typisches Einfamilienhaus zahlt für diesen Schutz zwei bis drei Franken im Jahr. Laut dem Bund ist der Abschluss der Option eine Vorsorgemassnahme «und kein Hinweis darauf, dass eine Gasmangellage unmittelbar bevorsteht». Doch natürlich hätten die Schweizer Energiebranche und der Bund die Massnahme nie ergriffen, wenn sie sich keine Sorgen um die Versorgungslage machen würden.

Eine Versorgungsgarantie bietet allerdings auch die zusätzliche Bezugsoption nicht. Diese erweitere den Handlungsspielraum, beseitige aber nicht sämtliche Risiken des internationalen Gasmarkts, sagt Janos Kick, Sprecher des Verbands der Schweizer Gasindustrie. Weil die Importrouten bereits stark ausgelastet seien, lasse sich der Nachschub bei Kälte nur begrenzt steigern. An kalten Wintertagen müsse in einzelnen Ländern bis zur Hälfte des Gasverbrauchs aus den Speichern gedeckt werden. «Eine längere Kälteperiode oder eine Dunkelflaute sind Risikofaktoren, die zu einem Engpass führen können», mahnt Kick.

Die Schweiz hat also ihre Vorsorge verstärkt. Doch ein Teil der Absicherung beruht weiterhin auf dem Prinzip Hoffnung: dass der Winter mild bleibt und grössere Kraftwerksausfälle ausbleiben.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · David Vonplon, Jürg Meier

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