Weder Trump noch Musk konnten ihn stoppen: James Talarico triumphiert in Texas und wird zum Star der Demokraten

Vor fast vierzig Jahren hat es letztmals ein Demokrat im konservativen Gliedstaat in den Senat geschafft. Vom bibelfesten 37-Jährigen, der sich ohne überhitzte Rhetorik durchsetzte, kann die Linke etwas lernen.

04.11.2026, 11.52 Uhr

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Wie David gegen Goliath sei er sich vorgekommen, sagte Talarico. Die Aufnahme zeigt ihn zusammen mit der ebenfalls gewählten Gouverneurin Gina Hinojosa.

Wie David gegen Goliath sei er sich vorgekommen, sagte Talarico. Die Aufnahme zeigt ihn zusammen mit der ebenfalls gewählten Gouverneurin Gina Hinojosa.

Bob Daemmrich / Imago

James Talarico kämpfte gegen den mächtigsten Mann der Welt, und er kämpfte gegen den reichsten Mann der Welt. Wiederholt reiste Donald Trump in den vergangenen Wochen nach Texas, um einen Sieg des jungen Demokraten im dortigen Senatsrennen zu verhindern. «Talafreako», schimpfte er ihn. Gleichzeitig unterstützte Elon Musk den republikanischen Kandidaten Ken Paxton mit rund 200 Millionen Dollar.

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Doch Talarico, 37-jährig, setzte sich durch. Mühelos, so macht es den Anschein. Insbesondere die Latinos liefen ihm in grosser Zahl zu. Er sicherte sich rund eine Million mehr Stimmen als sein Kontrahent.

«Wir haben uns Texas zurückgeholt», sagte er in seiner Siegesrede. Dann lächelte er sein verschmitztes John-F.-Kennedy-Lächeln. Denn dass die Demokratische Partei in der texanischen Politik eine nennenswerte Rolle gespielt hat, ist lange her. Letztmals entsandte der Gliedstaat vor 38 Jahren einen Demokraten in die kleine Kammer nach Washington. Damals war Talarico noch gar nicht geboren.

Ein Underdog im Ford Escort

Auf einen wie James Talarico hat die Partei lange gewartet. Mehrheitsfähig machte ihn in dem konservativen Gliedstaat nicht zuletzt, wie bibelfest er ist. Neben der politischen Arbeit hat er Theologie studiert.

Er erinnere sich an die Geschichte vom Hirtenjungen, der gegen einen Giganten antrete – so schlug er bei seiner Rede in Austin den entsprechenden Ton an. In seinem Kampf gegen das Establishment in Washington habe er wie David nie die Hoffnung, nie den Glauben verloren, fügte er hinzu. «David hatte eine Steinschleuder», sagte er. «Texas ist meine Steinschleuder.» Es hat ihn, so könnte man auch sagen, nach Washington katapultiert.

Ken Paxton, von Skandalen geplagt, war für Talarico ein dankbarer Kontrahent.

Ken Paxton, von Skandalen geplagt, war für Talarico ein dankbarer Kontrahent.

Callaghan O’Hare / Reuters

Talarico wuchs nördlich von Austin auf. Der Vater war Alkoholiker, gewalttätig. Eines Tages setzte sich die Mutter mit dem kleinen Jungen nachts ins Auto und fuhr in den Osten der Stadt. «In dieser Nacht hat sich die Liebe meiner Mutter dem Missbrauch entgegengestellt», auch davon sprach James Talarico in seiner Rede nach der triumphalen Wahl am späten Dienstagabend. Im kleinen Ford Escort sei man geflohen. «Unterschätzt nie die Underdogs» – darauf wollte er hinaus.

Später arbeitete er als Sekundarschullehrer, die Bedingungen in der einkommensschwachen Nachbarschaft von San Antonio sollen desolat gewesen sein. Einmal, so erzählt er in Interviews gerne, habe er 45 Schüler in der Klasse gehabt. Aber längst nicht genügend Schreibtische. Einige Kinder hätten auf den Heizungen sitzen müssen. Ein Schlüsselerlebnis für ihn, sagt er.

Wahrscheinlich waren es eher 30 Kinder; die «New York Times» hat recherchiert. Doch die Geschichte klingt so oder so gut. Aufgeschreckt von den Zuständen an der Schule, beschloss er, sich in der Bildungspolitik zu engagieren. 2018 kandidierte er, keine 30 Jahre alt, erfolgreich für das texanische Repräsentantenhaus. «Sekundarschule ist die beste Schule für die Politik», sagte er denn auch in seiner Siegesrede.

Kein Fan von Impeachments

Nun wird er sich nicht um 45 Kinder zu kümmern haben, aber als Star der demokratischen Mehrheit sieht er sich im neuen Kongress, der im Januar vereidigt wird, rund 45 republikanischen Senatoren gegenüber. Anders als die Vertreter des linken Flügels, denen eine Abrechnung mit Trumps Republikanern vorschwebt, sieht sich Talarico allerdings als Brückenbauer. Impeachmentverfahren gegen Mitglieder der Trump-Regierung wolle er sich erst genau überlegen, sagte er in einem Interview mit der «New York Times». Keine Schnellschüsse. Statt von links und rechts spricht er lieber von oben und unten.

Im Wahlkampf wusste er die Nöte der Leute, die am stärksten von den gestiegenen Lebenskosten betroffen sind, glaubhaft zu thematisieren. Dass ihn seine Gegner als identitätspolitischen Kulturkämpfer zu verunglimpfen versuchten, der sich eher um Trans-Rechte als um die Arbeiterklasse kümmere, wirkte gesucht.

Zwar machte er sich im texanischen Parlament auch als Fürsprecher von sexuellen Minderheiten einen Namen. Doch äusserte er sich nun im Wahlkampf etwa skeptisch zur Teilnahme von Trans-Athletinnen im Mädchensport. Generell zeigte er sich um einen deeskalierenden Ton bemüht. Beispielhaft in der Israel-Debatte: Anders als Abdul El-Sayed in Michigan machte er den jüdischen Staat nicht zum Zentrum seines Wahlkampfs. Während er Kritik an Benjamin Netanyahu nicht scheute, sprach er nie von einem Genozid in Gaza.

In dem aufgeheizten politischen Klima ist Talarico gelungen, was kaum noch möglich schien: die Rhetorik zurückzufahren. Damit sticht er auch in der Demokratischen Partei heraus, in der mit dem Aufstieg der Democratic Socialists of America um Zohran Mamdani die martialischen Töne zunehmend den Takt angaben. Offensichtlich geht es auch anders.

Chronische Untreue

Gleichzeitig musste Talarico auch dankbar sein, dass er sich mit Ken Paxton einem schwachen, von Skandalen geplagten Kontrahenten gegenübersah. Als Justizminister von Texas überstand dieser ein Strafverfahren wegen eines Wirtschaftsdelikts, ausserdem eine FBI-Untersuchung wegen Korruption und ein Impeachmentverfahren im texanischen Kongress. Und dann trennte sich auch noch seine Frau mitten im Wahlkampf von ihm, aus «biblischen Gründen», wie sie sagte. Andere nennen es chronische Untreue.

Im Lager der Republikaner in Texas machte sich bald Ernüchterung breit.

Im Lager der Republikaner in Texas machte sich bald Ernüchterung breit.

Julio Cortez / AP

Vielleicht am unvorteilhaftesten haften geblieben ist aber die Szene mit dem Kugelschreiber: 2014 ging in einem Gerichtsgebäude in Texas ein Anwalt durch die Sicherheitskontrolle und vergass in der Plastikschale seinen Montblanc-Kuli, den ihm seine Ehefrau geschenkt hatte.

Weil der Stift satte 1000 Dollar gekostet hatte, schaute man sich die Aufnahmen der Überwachungskamera an – und erkannte, wie Ken Paxton kurz darauf durch die Kontrolle ging, den Stift aus dem Behälter nahm und in seiner Tasche verschwinden liess. Ertappt gab er ihn schliesslich zurück.

Gut zehn Jahre später baute Talarico die Aufnahmen dann in einen TV-Spot ein: «Wählt James Talarico» lautete der Slogan. «Er wird euren Stift nicht stehlen.» Die Wahl, möchte man anfügen, liess sich James Talarico auch nicht stehlen.

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Andreas Scheiner

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