Warten auf Aeschi: Warum bloss zögert der SVP-Fraktionspräsident so lange, für den Bundesrat zu kandidieren?

Vor zwei Wochen wurde Thomas Aeschi von seiner Kantonalpartei nominiert. Allmählich kommen Unruhen und wilde Theorien auf.

05.11.2026, 05.30 Uhr

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Der mysteriöse Thomas Aeschi: Obsiegt der Ehrgeiz oder der innere Pestalozzi?

Der mysteriöse Thomas Aeschi: Obsiegt der Ehrgeiz oder der innere Pestalozzi?

Peter Klaunzer / Keystone

Gänzlich der irdischen Welt entschwunden wie der mysteriöse Unbekannte in Samuel Becketts Meisterwerk «Warten auf Godot» ist Thomas Aeschi, noch immer halber Bundesratskandidat, definitiv nicht. Aeschi war, selbstverständlich, an der Zuger Messe. Pflichttermin im Heimatkanton. Aeschi war auch im fernen Peking zu Besuch beim chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Als Teil der Delegation von Guy Parmelin.

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Hat der Nachfolger da vielleicht bereits ein paar Tipps vom Vorgänger, dem Noch-Bundesrat, bekommen?

Das ist die Frage, über die in Bundesbern nun seit fast zwei Wochen gerätselt wird. Will Thomas Aeschi in die Landesregierung, will er nicht?

Auch die Kantonalpartei weiss nicht mehr

Aeschis Zögern war von Anfang an ein wenig verwirrend. Zwei Tage vor Ende der Bewerbungsfrist sagte er, dass er seinen Entscheid getroffen habe, aber diesen erst kommunizieren werde, wenn es auch wirklich etwas zu kommunizieren gebe.

Am selben Tag traf sich die Zuger SVP zu einer Sitzung, um Aeschis Nominierung zu besprechen. Dabei erbat sich Aeschi eine Bedenkzeit, worauf die Vertreter der Kantonalpartei überrascht reagierten. Zumal Aeschi seine Bitte nicht wirklich begründet haben soll, wie zu hören ist. Als die Kantonalpartei ihn dann zwei Tage später nominierte, liess Aeschi im entsprechenden Communiqué verlauten, er wolle erst Gespräche mit der Familie, der Fraktion oder den anderen Parteien führen, ehe er entscheide.

Nun wird mit jedem Tag mehr über die Gründe für Aeschis Bedenkzeit gerätselt, auch in der eigenen Fraktion. Das zeigen mehrere Gespräche mit Bundesberner SVP-Parlamentariern, die (angeblich) nicht wissen, was Aeschi macht, und deshalb bisweilen munter mutmassen. Denn ob Umfeld und Familie eine Kandidatur unterstützten, das sei ja in wenigen Tagen geklärt, heisst es etwa. Zumal Aeschi für gewöhnlich nicht zögere. Einige sind sich derweil sicher, dass er nicht antritt, andere behaupten das Gegenteil.

Eines aber sagen viele: dass Aeschi taktiere. Die Frage ist nur: für wen?

Aeschi als Platzhalter?

Für sich selbst, indem Aeschi parteiintern wie -extern auslotet, wie seine Chancen stehen, um notfalls abzusagen – und damit nicht ein zweites Mal nach den Bundesratswahlen 2015 als Verlierer dazustehen?

Oder aber für die Parteispitze, indem er eine Art Platzhalter spielt? Der Politologe Michael Hermann zum Beispiel geht davon aus, dass die Person, die neben Aeschi auf das Ticket kommt, «fast schon gewählt» sei. Dies, weil Aeschi insbesondere bei den Linksparteien als Hardliner und unnachgiebiger Fraktionspräsident gilt. Wobei auch zur Wahrheit gehört, dass Aeschi nahbarer geworden ist und seine Dossierkenntnisse bis weit ins linke Lager hinein geachtet werden.

Das achtköpfige Kandidatenfeld jedenfalls lässt viel Raum für Planspiele innerhalb und Spekulationen ausserhalb der Partei. Wer sich im Kopf durch die verschiedenen Variablen denkt, durch die Sprachregionen, Heimatkantone, Geschlechter, der fühlt sich bald einmal an einen Zauberwürfel erinnert. Wenn der frankofone Bernjurassier Pierre Alain Schnegg aufs Ticket kommt, kann gleichzeitig die Westschweizerin Céline Amaudruz nicht. Steht der Zuger Aeschi zur Wahl, sinkt die Chance der anderen Deutschschweizer. Ein grosser Knobelspass für alle Politikinteressierten.

Ein SVP-Nationalrat glaubt, dass genau dies das Ziel sei: Polit-Denksport als Ablenkungsmanöver, um der Parteispitze Zeit zu verschaffen. Will heissen: Jetzt, da sich alles auf Aeschi konzentriere und alles offen sei, könne sich die SVP-Leitung in aller Ruhe auf einen Favoriten einigen und die Fraktion darauf einschwören.

Die Tücken der Ticketausmarchung

Ob ein solches Manöver überhaupt gelänge, ist eine andere Frage. Denn die Dynamik der entscheidenden SVP-Fraktionssitzung vom 20. November ist schwer voraussehbar.

Wird das Prozedere vergangener Ausmarchungen beibehalten, wird die Findungskommission zu Beginn von den Hearings berichten und eine Empfehlung abgeben. Nach den Präsentationen der einzelnen Kandidaten wird die Fraktion entscheiden, ob sie ein Zweier- oder ein Dreierticket nominieren will, wobei erstere Variante gegenwärtig wahrscheinlicher ist.

Die Ausmarchung selbst funktionierte bisher ähnlich wie eine Bundesratswahl. Läuft es wieder gleich ab, dürften die Ticketplätze also nacheinander vergeben werden. Schafft keiner der acht Kandidaten in den ersten drei Wahlgängen das absolute Mehr, wird ab Wahlgang vier die Person mit dem schlechtesten Resultat aussortiert – bis nur noch ein Name übrig ist. Danach wird der Vorgang für den zweiten Ticketplatz wiederholt.

Weil die Fraktionsmitglieder geheim abstimmen, muss sich nicht zwingend der Favorit der Parteileitung durchsetzen. 2022, als die SVP einen Nachfolger für Ueli Maurer suchte, soll es der heutige Bundesrat Albert Rösti nur knapp auf das Ticket geschafft haben. Sein Kontrahent Werner Salzmann habe nur eine Stimme weniger gesammelt, wird aus der SVP-Fraktion berichtet.

Wahlchancen überschaubar

Bleibt noch die Option, dass Aeschi tatsächlich Bundesrat werden will. In dem Fall stünden seine Chancen nicht allzu gut. Nicht, weil sein Intellekt, sein taktisches Geschick nicht anerkannt werden würden. Sondern weil sich die Linken aus habituellen und ideologischen Gründen nicht für einen Bundesrat Aeschi erwärmen können. Sie sehen in ihm einen «attack dog», machtbewusst und seine Leute kompromisslos auf Linie haltend. In der «Sonntags-Zeitung» sagte ein linkes Parlamentsmitglied stellvertretend: «Wenn man eine Top-Ten-Liste der am wenigsten konkordanten Politiker im Bundeshaus erstellen würde: Aeschi stünde garantiert darauf.»

Auch innerhalb der SVP sagen jene, die sich einen starken Bundesrat wünschen und deshalb für Aeschi votieren, dass von SP und Grünen nur wenige Stimmen zu erwarten seien. Die mindestens 49 Voten, die Aeschi zusätzlich zu jenen 74 der eigenen Fraktion (wenn er alle erhielte) brauchte, müssten von bürgerlicher Seite kommen.

Tatsächlich gibt es bei FDP und Mitte durchaus Parlamentarier, die Aeschi öffentlich als «bundesratsfähig» titulieren, aber ein euphorisches «Endorsement» hört man auch nicht. Zumal sein Zögern nicht gut ankommt. Gewichtige Stimmen aus anderen Parteien sagen längst in jedes Mikrofon, dass sie dieses Taktieren nicht verstünden. Die FDP-Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher sagte in der «Samstagsrundschau» von SRF, dass sie dieses Vorgehen nicht ganz nachvollziehen könne. Thomas Aeschi helfe sich auf jeden Fall nicht damit.

Wann Aeschi sich entscheidet, ist weiterhin unklar. Gerüchte, wonach er noch Mitte dieser Woche kommunizieren werde, verneint er am Telefon. Sicher ist: Der parteiinterne Wahlkampf läuft bereits. Die Findungskommission veranstaltet Hearings, erste offizielle Kandidaten führen Telefonate, verabreden sich auf einen Kaffee mit SVP-Kollegen. Wetten, dass auch Aeschi Thema ist?

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Source: Neue Zürcher Zeitung · Renato Schatz, Sebastian Briellmann

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