Trotz eines Ausreiseverbots hat der unterlegene brasilianische Präsidentschaftskandidat Flávio Bolsonaro das Land verlassen. Die Hintergründe.
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So verlief die Ausreise: Bolsonaro verliess das Land zwei Tage nach der Stichwahl. Zunächst reiste er auf dem Landweg über einen Grenzübergang in der Nähe der Iguazú-Wasserfälle nach Argentinien ein, wie die dortigen Behörden mitteilten. Dabei sei er im Besitz gültiger Reisedokumente gewesen. Begleitet wurde er von seiner Ehefrau und seinen Töchtern. Auf der argentinischen Seite habe er dann einen Privatjet in Richtung Ecuador bestiegen, hiess es weiter. Sein endgültiges Ziel war zunächst unbekannt. Daten des Flugtrackers Flight Aware zeigten aber, dass die Maschine von der ecuadorianischen Hafenstadt Guayaquil nach Miami unterwegs war. Laut US-Medien landete das Flugzeug dort am Mittwochmorgen (Ortszeit).
Darum ist er geflohen: Bolsonaro steht im Visier der brasilianischen Justiz. Im Verfahren geht es unter anderem um mutmassliche Geldwäsche im Zusammenhang mit Unternehmen und Online-Sportwetten. Laut Bundespolizei gibt es Hinweise auf eine Verbindung Bolsonaros zu einem Bankkonto der Firma des ebenfalls beschuldigten Anwalts Willer Tomaz. Bolsonaro weist die Vorwürfe zurück. Bis zum 31. Januar 2027 amtiert er noch offiziell als Senator und ist aufgrund seiner Immunität vor einer Festnahme geschützt. Am Montag erliess Brasiliens Oberster Gerichtshof allerdings ein Ausreiseverbot gegen den 45‑Jährigen. Das Gericht ordnete zudem die Abgabe seines Passes innerhalb von 24 Stunden an – dem kam Bolsonaro nicht nach. Nach seiner Wahlniederlage hatte der Senator noch erklärt, er werde das Dokument abgeben und sich gegen die aus seiner Sicht ungerechtfertigte Massnahme wehren. Er bestritt, das Land verlassen zu wollen.
So reagierte Donald Trump: Die USA haben Bolsonaro und seiner Familie Visa zugesagt. Das bestätigte ein US-Regierungsbeamter der dpa. US-Präsident Donald Trump befürwortete in der Nacht zum Mittwoch eine Einreise Bolsonaros. Zudem äusserte Trump Zweifel am Ergebnis der Präsidentschaftswahl, ohne eine Grundlage zu nennen. Im Wahlkampf hatte der US-Präsident den rechten Senator allerdings nur zurückhaltend unterstützt.
Das heisst die Flucht für die brasilianische Opposition: Noch ist unklar, wie sich die Opposition nach Bolsonaros Flucht aufstellt. Seine Liberale Partei (PL) hat den Wahlsieg des linken Amtsinhabers Lula anders als Bolsonaro ausdrücklich anerkannt. Bolsonaro indes hatte erklärt, er wolle die Wahlkampfführung des Linkspolitikers juristisch prüfen lassen. Zudem kündigte er an, die Opposition gegen Lula zu mobilisieren und das Parlament zu einer «Festung» gegen dessen linke Regierung machen zu wollen. Wer die Rolle des Oppositionsführers übernehmen könnte, ist offen.
Einschätzung von SRF-Südamerika-Korrespondentin Karen Naundorf (veröffentlicht, noch bevor offiziell bekannt wurde, dass er aus Brasilien ausgereist und in die USA eingereist ist):
«Gestern versicherte Flávio Bolsonaro noch, er wolle Oppositionsführer im Parlament werden. Vermutlich liefen währenddessen schon die Planungen für die Ausreise. Für die brasilianische Rechte ist es ein harter Schlag: Vorgestern noch Präsidentschaftskandidat, ist Bolsonaro heute auf der Flucht, aufgrund von Ermittlungen wegen Geldwäsche.
Aber es ist auch eine Chance für das rechte Lager, sich neu aufzustellen. Flávios Partei PL hatte gestern schon den Wahlsieg von Lula anerkannt – noch ohne sich von Bolsonaro abzuwenden. Mögliche Führungsfiguren stehen bereit, etwa der Gouverneur des Bundesstaates São Paulo oder die ehemalige First Lady Michelle Bolsonaro.
Aussenpolitisch droht ein neuer Konflikt mit Washington. US-Präsident Donald Trump hat bereits Zweifel an der Rechtmässigkeit der Wahl geäussert, ohne Belege. Sollte er Flávio politisches Asyl in den USA gewähren, könnte aus einem brasilianischen Justizfall eine diplomatische Krise werden.»
So reagiert Lula: Der wiedergewählte Präsident Lula übte scharfe Kritik an der Flucht seines Rivalen und warf ihm fehlenden Respekt für die Wählerinnen und Wähler und die Demokratie vor. «Wer nichts zu verbergen hat, muss nichts fürchten», sagte er. Auch Lula war bereits im Visier der brasilianischen Justiz: 2018 wurde er in zweiter Instanz wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren und einem Monat Haft verurteilt. Lula sass 580 Tage im Gefängnis, bevor er 2019 freikam. Ein Richter des Obersten Gerichtshofs hob das Urteil mit der Begründung auf, das Gericht, das Lula verurteilt habe, sei nicht zuständig gewesen.
SRF 4 News, 27.10.2026, 19 Uhr ; agenturen/hesa/flal/schn;lehl
Source: SRF · 27.10.2026, 18:40
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