Vor dem Duell mit Dortmund ist bei den Bayern die Sorge um Vincent Kompany gross – der Trainer leistet Enormes für den Klub
In München gibt es gerade viele verschiedene Gefühlslagen, von gedrückt bis prächtig. Das liegt am erkrankten Trainer Kompany. Und an Harry Kane, der diese Woche den Ballon d’Or gewonnen hat.
30.10.2026, 16.57 Uhr
4 Leseminuten
Gegen Borussia Dortmund wird Vincent Kompany noch nicht wieder an der Seitenlinie stehen.
Marcus Hirnschal / Imago
Selten hat die Lage beim FC Bayern München so paradox gewirkt wie in diesen Tagen. Am Samstagabend reist Borussia Dortmund an, in dieser Saison vielleicht der einzige Klub, der den Bayern den Bundesliga-Titel streitig machen könnte. Aber in München ist dies kein grosser Anlass mehr. Zu oft haben sie die Dortmunder in die Schranken gewiesen, egal, wie die Auspizien waren, ganz gleich, welche Widrigkeiten es zuvor gab.
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Als Thomas Tuchel 2023 die angeschlagenen Münchner übernahm, witterte der BVB seine Chance und ging dann, wie so oft, in München unter. Nur stehen die Dinge diesmal anders. Denn auf der einen Seite ist die Stimmung in München gedrückt, auf der anderen prächtig wie selten zuvor. Bedrückt, weil der Trainer Vincent Kompany nicht an der Seitenlinie der Münchner stehen wird.
Kompany hat sich eine Hirnhautreizung zugezogen
Vor genau einer Woche war er zusammengebrochen, als er sich das Training der U 23 ansah. Er wurde umgehend ins Spital gebracht, eine Diagnose liess sich auf die Schnelle nicht stellen. Kompany hatte seine Arbeit angeschlagen versehen, er hatte sich ein Virus eingefangen, das ihn so merklich schwächte, dass er nicht so energisch wie sonst an der Seitenlinie coachen konnte.
Spekulationen über eine mutmassliche Beteiligung des Herzens machten schnell die Runde. Am Donnerstag nun erklärte der Sportvorstand Max Eberl, was die Ursache für den Zusammenbruch des körperlich robust wirkenden Trainers war: Eine Hirnhautreizung habe zum Kollaps geführt. Dass diese eine Folge der Virusinfektion war, gilt als wahrscheinlich.
Das Spital hat er inzwischen verlassen, aber er wird den Münchnern auch in den nächsten Wochen wohl nicht zur Verfügung stehen. Schonung lautet die Devise, es gilt, erst einmal jede Belastung zu minimieren.
Daher wird gegen Dortmund der Co-Trainer Aaron Danks die Münchner betreuen, wie schon im Pokal, als ihnen gegen Magdeburg stattliche sechs Tore gelangen. Doch die Routine, mit der die Mechanismen der Mannschaft ineinandergreifen, kann kaum darüber hinwegtäuschen, wie gross der Einfluss des äusserst akribisch arbeitenden Trainers ist. Dass er wenig schlafe, ist mehr als nur ein Gerücht, bis tief in die Nacht widmet sich Kompany der Analyse der Gegner.
Trainer sind Spitzenkräfte auf Abruf
Der 40-Jährige wird von den Bayern rührend umsorgt. Längst ist ihnen klargeworden, was für ein Glück sie mit der Verpflichtung des Mannes gehabt haben, der eigentlich nicht die erste oder dritte, sondern, wenn man die damaligen Kandidaten anschaut, eher die sechste, siebte oder achte Wahl war. Als Kompany sich seinerzeit in München vorstellte, fragte er nach bayrischen Redewendungen, denn er und seine Assistenten würden ja für die «nächsten fünf, sechs, sieben Jahre» adoptierte Bayern sein. Damals schmunzelte man darüber, denn ein Trainer in München ist für gewöhnlich eine Spitzenkraft auf Abruf.
In der Bayern-Neuzeit bleibt ein Coach nicht allzu lange in München, wenn es gutgeht, sind zwei Jahre drin. Das galt auch für Julian Nagelsmann, Thomas Tuchel, Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes und Hansi Flick, ein illustres Quintett, zu dem immerhin vier Champions-League-Sieger gehören.
Insofern ist Kompanys Aussage von damals nicht nur dem Humor des Belgiers, sondern auch dessen Selbstbewusstsein zuzuschreiben, das sich allerdings auf eine sehr bodenständige Art äussert.
Nun, bald zweieinhalb Jahre später, hat Kompany mehr Zeit im Amt verbracht als jeder andere Trainer nach Pep Guardiola, der 2016, vor zehn Jahren, den FC Bayern verliess. Kontinuität auf der Trainerposition ist zwar kein Wert an sich. Arbeitet ein Coach aber mit einer solchen Zielstrebigkeit wie Kompany, kann sich der Arbeitgeber glücklich schätzen.
Die sorgenvolle Seite indes wurde unter der Woche überstrahlt von einem Ereignis, das die Bayern letztmals vor Jahrzehnten feiern durften: der Auszeichnung des englischen Stürmers Harry Kane mit dem Ballon d’Or. Vor drei Jahren hatten die Bayern ihn von Tottenham Hotspur verpflichtet, für 95 Millionen Euro, was Kane bis heute zum teuersten Transfer der Klubgeschichte macht. Und doch ist er vielleicht der rentabelste, denn der Engländer trifft so regelmässig wie einst Gerd Müller und beteiligt sich unter der Regie Kompanys in manchen Augenblicken wie ein Mittelfeldspieler an den bayrischen Auftritten.
Sein Wert für das Spiel? Unermesslich. Und weit darüber hinaus. Spät in der Nacht zum Dienstag, als die Entscheidung bekanntgegeben wurde, erstrahlte die Münchner Arena, die die Farben ihrer Aussenhaut auf Knopfdruck wechseln kann, nicht in den Vereinsfarben, sondern zum ersten Mal überhaupt in Gold.
Der Bundestrainer Klopp versteht seine Taktik nicht
Und auch das Trikot des Engländers wurde in Windeseile in einer Sondervariante produziert: Die Trikotnummer 9 ist auf dem Rücken ebenfalls in Gold gehalten. Der beste Transfer, den die Bayern je getätigt hätten, sei Harry Kane, sagt Uli Hoeness, der Bayern-Grande. Man mag über den fussballerischen Wert einer solchen Aussage streiten, aber sicher ist: Keiner hatte zumindest in diesem Jahrtausend mehr Strahlkraft als er, sieht man vielleicht einmal von Manuel Neuer ab. Für die Bayern bedeutet der Mittelstürmer Kane nicht nur Glamour, sondern auch Einnahmen, die seinen immensen Personalkosten gegenüberstehen.
Bloss wissen die Münchner auch: Der Fussballer, der am Montagabend in London prämiert wurde, ist nicht derselbe, der 2023 nach München kam. Der Spieler, der letztlich ausgezeichnet wurde, hat sich unter Kompany verändert, so sehr, dass es sogar den deutschen Bundestrainer Jürgen Klopp vor Verständnisprobleme stellt. Dieser hatte sich kürzlich über die defensive Positionierung des Stürmers gewundert.
Die Bayern dagegen wissen sehr wohl, was sie an Harry Kane haben, aber halt eben auch an ihrem Trainer. Die Sorge um Vincent Kompany wird dadurch gewiss nicht kleiner.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Stefan Osterhaus
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