Gaëtan Bally / Keystone
1976 ist der erste McDonald’s der Schweiz eröffnet worden. Heute ist der «Mäc» vor allem eines: eine Erinnerung an bunte Rutschbahnen, lange Autofahrten und durchzechte Nächte.
07.11.2026, 05.30 Uhr
5 Leseminuten
Geschmolzener Käse, gekochte Kartoffeln – die Schweizer Küche gilt als eine langsame, gemütliche Küche. Doch im November 1976 wächst die Angst, dass sich das schon bald ändern könnte. An der Rue du Mont-Blanc in Genf eröffnet eine amerikanische Fast-Food-Kette eine Filiale, das erste «McDonald’s Hamburger Restaurant» der Schweiz.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Der hauchdünn geschnittene Käse schmilzt hier in wenigen Sekunden, frittiert in Öl sind die Kartoffeln in wenigen Minuten gar. Bestellen können die Gäste die salzigen und fettigen Klassiker – Cheeseburger, Hamburger, Pommes frites – nur an der Theke. Sie essen an einfachen Tischen, direkt aus weissen Styroporverpackungen mit einem gelben M. Einige von ihnen sind skeptisch, einige fragen nach Besteck. Gegessen wird bei McDonald’s jedoch von Hand.
Junge Gäste lassen sich in der ersten Filiale von McDonald’s in Genf für Fast Food begeistern. Diese Aufnahme stammt aus dem Jahr 1981.
Keystone
Auf der Menutafel über der Theke werden in den Anfangszeiten von McDonald’s weit weniger Produkte angeboten als heute.
Keystone
Die Eröffnung der ersten Schweizer McDonald’s-Filiale vor 50 Jahren steht wie kein anderes Ereignis für die Amerikanisierung des Landes. Zwar sind Marken wie Coca-Cola, Pepsi und Kellogg’s damals bereits verbreitet. Mit dem gelben M soll sich jedoch aus der Sicht vieler etwas Grösseres ankündigen: ein Bruch in der Schweizer Essenskultur.
Das «Zeitalter der schnellen Würger» sei angebrochen, verkündet das Schweizer Fernsehen, als McDonald’s wenige Jahre nach der Eröffnung in Genf nach Basel und Zürich expandiert. Und auch heute hält dieses Zeitalter an – zumindest bei einem Blick auf die Zahlen: Zur ersten Filiale in Genf sind schweizweit 190 weitere Standorte hinzugekommen. Künftig will McDonald’s fünf bis sieben weitere Filialen pro Jahr eröffnen und «mehr Gäste noch häufiger bedienen».
Jährlich verzeichnet die Fast-Food-Kette rund 100 Millionen Besuche im Land. Für viele Schweizerinnen und Schweizer ist der McDonald’s ein beliebter Abstecher beim Schulausflug, ein Zwischenstopp auf einer langen Autofahrt, das Ende einer durchzechten Nacht geworden. Umso mehr stellt sich die Frage: Ist der «Mäc» heute noch mehr als Nostalgie?
Eine Gruppe junger Kunden sitzt mit ihren Skateboards vor einer McDonald’s-Filiale in Zürich.
Keystone
1992 verkehren sogar zwei Speisewagen von McDonald’s auf dem Schweizer Schienennetz. Doch die Euphorie der Bahnkundschaft hält sich in Grenzen – das Pilotprojekt wird ein paar Jahre später eingestellt.
Walter Bieri / Keystone
Ein Restaurant, in dem die Emotionen hochkochen
Gegründet wird McDonald’s 1955 im amerikanischen Gliedstaat Illinois. Als die Kette rund zwanzig Jahre später auch nach Genf zieht, stehen acht Produkte auf der Menutafel – darunter der «Big Mac». Der bekannte doppelstufige Burger mit zwei Rindfleisch-Patties, Cheddarkäse und Eisbergsalat kostet damals 4 Franken – und er steht sinnbildlich für das amerikanische Fast Food, das die Welt und die Schweiz erobert.
Allerdings ist es nicht der Burger selbst, der in den Jahren darauf Skepsis und Begeisterung gleichermassen befeuert. Wie das Essen sind auch die Filialen von McDonald’s nach einem einheitlichen Schema aufgebaut. Die Gäste bestellen an der Theke, sie essen an einfachen Tischen, auf Tabletts, aus Wegwerfverpackungen. Die Abläufe sind standardisiert. Schliesslich verspricht McDonald’s überall auf der Welt dasselbe.
Einheitlichkeit statt Vielfalt, Selbstbedienung statt Service, Wegwerfverpackungen statt Geschirr, Geschwindigkeit statt Gemütlichkeit – nicht überall stösst dieses Konzept jedoch auf Anklang.
Die Verpackung des «Big Mac» hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar immer wieder verändert – doch am Erfolgsrezept selbst ist vieles gleich geblieben. Der verpackte Burger auf dem Bild wurde im Jahr 2007 verkauft.
Gaëtan Bally / Keystone
Das «Happy Meal» ist das Kindermenu bei McDonald’s. Seit 1979 legt das Fast-Food-Unternehmen dem Menu ein Spielzeug bei.
Ennio Leanza / Keystone
Als McDonald’s 1981 eine weitere Filiale in Zürich eröffnet, beklagen sich die Anwohner. Der damalige SP-Gemeinderat und spätere Bundesrat Moritz Leuenberger spricht von einem «kulinarischen Affront gegen jeden halbwegs kultivierten Mitteleuropäer». Einige Monate später steht der Zürcher Standort beim Stauffacher in Brand. Die militante Gruppierung, die diverse grosse Bauprojekte in der Stadt gewaltsam bekämpft, schreibt in ihrem Bekennerschreiben: «Jedes Einkaufszentrum an diesem Platz würde in Kürze so aussehen wie McDonald’s heute Morgen.»
Was an einigen Orten als antikapitalistisches Feindbild dient, verkörpert anderswo in der Schweiz jedoch ein neues Lebensgefühl. Für die jüngste Generation gehört nicht nur das «Happy Meal», das Kindermenu inklusive Spielzeug, sondern auch der «Ronald’s Playplace» zu diesem Lebensgefühl. Der typische Spielplatz von McDonald’s ist in den 1990er und 2000er Jahren mit bunten Rutschbahnen aus Plastik, Tunnels mit runden Gucklöchern und Klettergerüsten ausgestattet, mancherorts gibt es ein Bällebad.
Für die ältere Generation hingegen bringt der McDrive eine Neuerung. Den ersten dieser Autoschalter eröffnet McDonald’s 1990 im Kanton Waadt: Kunden können hier bestellen, bezahlen und ihre Burger und Pommes frites entgegennehmen, ohne das Auto zu verlassen. Berichte zeugen davon, dass der Andrang in den Anfangszeiten der McDrives so gross ist, dass sich der Verkehr zum Teil auf die umliegenden Strassen staut – und sich die Anwohner mit Einsprachen wehren.
1990 führte McDonald’s in der waadtländischen Gemeinde Crissier den ersten McDrive der Schweiz ein. Heute gibt es über hundert solcher Autoschalter.
Keystone
Ein Abstecher zum «Mäc» gehört für viele zu einer langen Reise dazu. Diese Filiale wurde 1994 bei der Autobahn in Pazzallo fotografiert.
Keystone
Die Spielplätze sind weniger bunt
Vieles von dem, was in den Anfangszeiten von McDonald’s als revolutionär gilt, wird in den folgenden Jahrzehnten jedoch normal. Heute gibt es schweizweit 104 McDrives, und auch konkurrierende Fast-Food-Ketten wie Burger King oder KFC haben Autoschalter eingeführt. Die Spielplätze hingegen scheinen heute weit weniger bunt und kleiner, die Bällebäder sind weitgehend verschwunden.
McDonald’s begründet diesen Wandel bei der Kinderunterhaltung teils mit Sicherheitsbedenken, teils mit der aufwendigen Reinigung der Anlagen. Allerdings dürfte auch die Digitalisierung ihren Teil dazu beigetragen haben. In manchen McDonald’s-Restaurants gibt es Spielkonsolen, auch bestellt wird heute meist über Bildschirme. Neben den Bällebädern fallen damit auch die langen Schlangen vor der Theke weg.
Doch nicht überall tritt McDonald’s heute reduzierter auf. Das zeigt sich gerade bei einem Blick auf die Menutafel: Aus acht Produkten sind über achtzig geworden. Zu diesen gehören leichtere Alternativen zum kalorienreichen «Big Mac» und diverse Neuerfindungen, die dem Geschmack der Schweizer Bevölkerung entsprechen sollen: Rösti-Fries, Raclette-Burger, McFlurry mit Ovomaltine.
Obwohl die Vereinigten Staaten bei solchen Gerichten kaum noch sichtbar sind und die Fast-Food-Kette laut eigenen Angaben eng mit den lokalen Behörden zusammenarbeitet, ist etwas anderes geblieben: die Schweizer «Widerstandskämpfer». Noch immer kommt es vielerorts zu Einsprachen, wenn ein neuer «Mäc» eröffnet werden soll.
In den späten neunziger Jahren verköstigen sich auf dem Berner Waisenhausplatz jeden Mittag Hunderte Jugendliche aus McDonald’s-Tüten.
Jürg Mueller / Keystone
Passend zum Artikel
Source: Neue Zürcher Zeitung · Jana Kehl, Nicole Aeby
At a glance
- Topic
- World
- Country
- 🇨🇭 CH
- Publisher language
- DE
- Added to Allnira