Von Marlen Haushofer bis Tove Ditlevsen: die Wiederentdeckung der literarischen «Vormütter»
Mit der Neuauflage von Haushofers Novelle «Wir töten Stella» rückt eine Pionierin feministischer Literatur wieder ins Rampenlicht. In den sozialen Netzwerken begeistern Werke fast vergessener Autorinnen eine neue Generation von Leserinnen.
Maja Goertz27.10.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten
Die österreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer starb 1970 mit 49 Jahren an Krebs. Als wichtige Stimme feministischer Literatur wurde sie erst nach ihrem Tod wiederentdeckt.
© Manfred Haushofer
In den sozialen Netzwerken feiern gerade erstaunlich viele Bücher ein Comeback, die schon vor Jahrzehnten erschienen sind: «Das kunstseidene Mädchen» von Irmgard Keun zum Beispiel, «Ich, die ich Männer nicht kannte» von Jacqueline Harpman oder, in letzter Zeit besonders häufig, Bücher der 1970 verstorbenen österreichischen Autorin Marlen Haushofer. Junge Frauen halten die alten und neuen Ausgaben ihrer Heldinnen in die Kamera und machen sie so zu den Büchern der Gegenwart. Das jüngste Beispiel: Haushofers Novelle «Wir töten Stella», die jetzt, fast siebzig Jahre nach ihrem ersten Erscheinen 1958, bei Claassen neu aufgelegt wurde.
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«Wir töten Stella»: Der Titel klingt wie eine reisserische Schlagzeile und lässt einen anstehenden Mord vermuten. Doch als die Handlung einsetzt, ist Stella bereits tot. Die Neunzehnjährige nahm sich das Leben, nachdem Anna, eine Bekannte ihrer Mutter, sie vorübergehend bei sich aufgenommen hatte. Das «Wir» im Titel meint die Familie der Hausfrau Anna, deren Verhalten dazu beigetragen hat, dass es so weit kommen konnte.
Präzises psychologisches Drama
Da ist Annas Ehemann Richard, ein gewohnheitsmässiger Fremdgänger, der eine Affäre mit Stella beginnt, sie später zu einer Abtreibung drängt und fallenlässt. Da ist Anna selbst, die ahnt, was geschieht, und nicht eingreift. Auch ihr Sohn Wolfgang spürt, dass etwas nicht stimmt, weiss sich aber nicht anders zu helfen, als sich zurückzuziehen. Das Schweigen seiner Eltern hat längst auf ihn abgefärbt. Nur die kleine Tochter Annette ist noch zu jung, um zu verstehen, was im Haus vor sich geht. Sie ist aus dem anklagenden «Wir» des Titels ausgenommen.
Haushofer erzählt weniger vom Zerfall einer Ehe als von der Beziehung zwischen Anna und ihrem Sohn, auf den sie ihre ganze Liebe richtet. Obwohl sie erkennt, wie überfürsorglich sie ihm begegnet, kann sie sich nicht von ihm lösen. Was geschieht, wenn Kinder die emotionalen Bedürfnisse der Eltern stillen müssen? Diese Frage verleiht der Erzählung eine zeitlose Aktualität und macht sie zu einer modernen Geschichte über emotionale Abhängigkeit.
Haushofer zeichnet ein sprachlich präzises psychologisches Drama, das sich hinter den Kulissen einer scheinbar idyllischen österreichischen Vorstadtwelt abspielt. Zeitlich wird die Handlung durch Annas Erinnerungen an den Bombenalarm verortet, die auf den Zweiten Weltkrieg verweisen. Das Schweigen innerhalb der Familie bekommt so eine grössere Dimension: Es verweist nicht nur auf verdrängte Konflikte und persönliche Schuld, sondern auch auf das Schweigen und die Mitverantwortung der Kriegs- und Nachkriegsgeneration.
Pionierin der feministischen Literatur
Marlen Haushofer beschreibt in ihren Werken häufig die Isolation von Frauen. Besonders deutlich wird das in ihrem berühmtesten Roman, «Die Wand» von 1963, der ihr den Status einer Pionierin in der feministischen Literatur einbrachte. Auch in «Wir töten Stella» steht die Situation der Frau im Mittelpunkt. Die Erzählung handelt nicht nur von tragischen Ereignissen, sondern setzt sich auf eine feine, unaufdringliche Art mit patriarchalen Strukturen innerhalb einer bürgerlichen Familie auseinander. Besonders deutlich wird das in einer Erinnerung Annas: Als sie ihren Mann einmal fragt, warum er sie liebe, antwortet er: «Weil du mir gehörst.»
Neben Haushofer verhelfen Verlage derzeit zahlreichen weiteren europäischen Autorinnen zu einer Renaissance: Dazu gehört die dänische Schriftstellerin Tove Ditlevsen, die in autobiografisch geprägten Texten ihre Abhängigkeit von Männern, ihre Erfahrungen mit Mutterschaft und ihren Wunsch nach Selbstbestimmung thematisiert. Auch Gabriele Reuters Roman «Das Tränenhaus» aus dem Jahr 1908 ist neu erschienen. Er handelt von einem Heim für Frauen, die ihre Kinder unter gesellschaftlichem Druck heimlich zur Welt bringen müssen, und wurde Anfang des Jahres von Reclam unter dem Werbeslogan «Ein Plädoyer für weibliche Solidarität» veröffentlicht. Jacqueline Harpmans Dystopie «Ich, die ich Männer nicht kannte» von 1995 erzählt von einem Mädchen, das gemeinsam mit vierzig anderen Frauen in einem Kerker gefangen gehalten wird. Das Buch entwickelte sich in diesem Jahr zu einem regelrechten Hype.
Auf der Suche nach «Vormüttern»
So unterschiedlich diese Bücher sind, eines haben sie gemeinsam: Sie rücken die Gefühle, Gedanken, Erfahrungen von Frauen in den Mittelpunkt und zeigen, wie gesellschaftliche Erwartungen – etwa zu heiraten und Kinder zu bekommen – ihr Leben geprägt haben. Deshalb werden ihre Autorinnen heute häufig aus feministischer Sicht gelesen, unabhängig davon, ob sie sich selbst als Teil der Frauenbewegung verstanden. Tove Ditlevsen etwa stand den Feministinnen ihrer Zeit eher kritisch gegenüber, weil sie sie für elitär und zu akademisch hielt. Auch Marlen Haushofer wurde erst nach ihrem Tod als feministische Autorin wahrgenommen.
Doch warum greifen gerade heute so viele Leserinnen wieder zu diesen alten Texten? Schliesslich gibt es auch in der Gegenwart zahlreiche Schriftstellerinnen, die sich ausdrücklich mit Geschlechterverhältnissen auseinandersetzen – von Mareike Fallwickl bis Suzie Miller. Eine mögliche Antwort liegt in der Suche nach «Vormüttern»: nach Vordenkerinnen und Wegbereiterinnen, die zeigen, dass der Kampf um Gleichberechtigung ein generationenübergreifendes Projekt ist. Es kann tröstlich sein, zu erkennen, dass andere vor uns ähnliche Erfahrungen gemacht, dieselben Fragen gestellt und nach Antworten gesucht haben.
Marlen Haushofer: Wir töten Stella. Novelle. Claassen, Berlin 2026. 96 S., Fr. 27.90.
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Source: Neue Zürcher Zeitung · Auswärtige Autoren NZZ
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